Stadt oder Land: Wo leben Kinder besser?

Eltern wollen das Beste für ihr Kind. Ob der Nachwuchs besser auf dem Land oder in der Stadt aufwächst, ist ein häufiger Streitpunkt. Wir fragen nach

von Daniela Frank, aktualisiert am 18.08.2015

Tiere, Wiesen, Wälder: Ein Leben auf dem Land kann für Kinder sehr idyllisch sein

Thinkstock/iStockphoto

Baumhäuser bauen, Walderdbeeren sammeln, über die Wiesen streunen und abends mit schmutzigen Füßen und klebrigem Mund zur Tür herein hopsen – so stellen sich viele die ideale Kindheit vor. Wie in Bullerbü. Aber: Nicht jeder hat einen Bauernhof. Und: Falls doch, vielleicht nicht viele gleichaltrige Kinder in der Nähe. Und überhaupt: Auf dem Land gibt es meist schlechtere Betreuungsmöglichkeiten und weniger Kultur- und Freizeitangebote. Was ist also nun wirklich besser fürs Kind – Stadt oder Land?


"Das kann man so pauschal nicht sagen", sagt Dr. Christian Alt, Familienforscher am Deutschen Jugendinstitut in München. "Beide Varianten haben Vor- und Nachteile." Das Wichtigste für das Kind sei, dass es viele Gleichaltrige um sich hat. Fehlen sie, macht es keinen großen Unterschied, ob es in einer schmucklosen Hochhaussiedlung oder in einem abgelegenen Häuschen am Waldrand aufwächst.

Kinder brauchen Gleichaltrige um sich

"Kinder erwerben soziale Kompetenzen am besten, wenn keine Hierarchieunterschiede bestehen", sagt Alt. "Anfangs sagen ihnen die Eltern noch, wie sie sich verhalten sollen – später werden Freunde aber immer wichtiger." Spielen Kinder unabhängig von den Einflüssen Erwachsener in der Gruppe, müssen sie sich mit anderen zusammenschließen und auseinandersetzen. So entwickeln sie soziale Kompetenzen außerhalb der Herkunftsfamilie. Auf dem Land gibt es laut Christian Alt zwar häufig einen engeren Zusammenhalt in der erweiterten Familie und der Nachbarschaft. In der Stadt würden Kinder jedoch oft früher in Betreuungseinrichtungen gehen und dort auf Gleichaltrige aus Familien mit ganz unterschiedlichen Lebensentwürfen und Umgangsformen treffen. "Ich würde behaupten, Kinder profitieren in der Stadt wie auf dem Land in ähnlichem Maße."

Natur ist Gestaltungsraum – in der Stadt findet sich Ersatz

Und die Wiesen, Bächlein, Walderdbeeren – ist so eine Idylle nicht perfekt für die Kleinen? "Für Kinder ist Natur in anderer Weise wichtig als für Erwachsene", sagt Alt. "Sie bedeutet nicht Ruhe und Erholung, sondern ist in erster Linie ein Raum, den sie selbst gestalten können." Wenn Kinder zum Beispiel aus selbstgesammeltem Material ein Baumhaus oder eine Brücke über den Bach bauen, werden sie kreativ und setzen ihre eigenen Vorstellungen um.

Ähnliches ist auch in der Stadt möglich: Dort suchen sie sich zum Beispiel im Park einen Bereich, der sie interessiert und nehmen ihn mit ihrer Gruppe in Beschlag. Auch motorische Fähigkeiten entwickeln Kinder nicht in erster Linie in der Natur, sondern durch das Zusammensein mit anderen. "Zunächst lernen sie Dinge wie einen Reißverschluss zumachen oder Schuhe binden, indem die Eltern sie dazu anleiten", sagt Alt. "Was sie dann noch nicht können, schauen sie sich sehr schnell von anderen Kindern ab."

Kinder sollen vieles ausprobieren können

Und: Je kleiner das Kind, desto kleiner ist auch der Radius, in dem es sich bewegt. "Bis zum Alter von zwei Jahren ist es noch schlimm, wenn die Mutter aus dem Blickfeld verschwindet", sagt Alt. "Anfangs bewegt sich das Kind eher im Wohnzimmer, dann im eigenen Zimmer, später kommen Freunde und die ganze Wohnung wird zur Spielzone." Mit zunehmendem Alter wird dann die Distanz zum Zuhause immer größer.


"Wichtig ist, dass das Kleine vieles erleben kann ohne allzu große Kontrolle", sagt Alt. Kinder sollten eigene Erfahrungen machen können. "Neurologische Studien haben gezeigt: Das Beste für Kinder ist ein anregungsreiches Umfeld." Leider sei nicht ganz klar, worin das genau bestehe. Denn Kinder können sich für ganz unterschiedliche Dinge interessieren – verschiedene Blätterarten, bestimmte Tiere, aber auch das Bauen mit Legosteinen oder Kochen. Deshalb empfehlen Experten Eltern, nicht einseitig Kompetenzen zu fördern, von denen sie glauben, dass sie gefragt sind. Kinder sollten viel ausprobieren können. Wenn klar ist, wo ihre Interessen liegen, können Eltern diese unterstützen.

Ab und zu Sicht des Kindes einnehmen

Grundsätzlich spielt das Umfeld dabei keine große Rolle. Ein paar Unterschiede zwischen Stadt- und Landkindern konnten Studien aber belegen: "Tendenziell ziehen Kinder auf dem Land schon früher alleine los und werden deshalb schneller selbstständig", sagt Alt. "In der Stadt wirkt sich die anregende Umwelt dagegen positiv auf ihr Sprachvermögen aus."

Das beste aus beiden Welten – das wollen viele Eltern, die in Vorstädte ziehen, die sogenannten Speckgürtel. Aber ist eine auf dem Reißbrett entworfene Siedlung am Stadtrand nicht das genaue Gegenteil: Unnatürlich und uninspirierend? Nein, sagt der Familienforscher. Viele solche Siedlungen würden ja speziell für Familien gegründet. Aus Kindersicht ist das nicht schlecht: Denn sie brauchen ja vor allem andere Kinder. "In der Regel versuchen Familien ohnehin, den Bedürfnissen aller gerecht zu werden", sagt Alt. "Wenn Eltern ab und zu die Welt aus Kinderaugen betrachten, findet sich schon der richtige Lebensentwurf."



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