Sprechen lernen: Wie sich Babys vorbereiten

Das Kleinkind sieht ein Auto und spricht sein erstes Wort: "Auto." Aber was ist vorher passiert? Experten erklären, wie schon früh Grundsteine fürs Sprechen gelegt werden
von Anne-Bärbel Köhle und Barbara Weichs, aktualisiert am 18.05.2017

Babys wollen mit Erwachsenen über die Mimik kommunizieren

Getty Images/Iconica

Wenn es ums Thema Reden geht, sind schon Neugeborene ganz schön hartnäckig. "Sie wollen sprechen lernen. Und sie tun viel dafür, dass das auch klappt", sagt Prof. Dr. Ulrike Lüdtke, die am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz-Universität Hannover lehrt und forscht. Der Wissensdrang der Winzlinge und die Freude, Sprache zu hören, zeigt sich gleich nach der Geburt: "Kinder sind bei Weitem nicht die passiven Wesen, für die viele sie halten. Schon in den ersten Stunden bringen sie ihr Gegenüber dazu, mit ihnen zu kommunizieren", sagt Lüdtke. Zwar zunächst erst zart und mit Signalen, die Erwachsene nicht sofort verstehen. Aber die Botschaft lautet: Sprich mit mir!

Babys schauen auf die Mimik

Noch läuft das Lernen nicht über Worte ab. Anfangs ist die Mimik des Gegenübers wichtig. Daran merken Neugeborene, dass Mama und Papa auf sie reagieren. Ein erster Schritt in Richtung Spracherwerb. Bleibt die Reaktion des Gegenübers aus, können die Kleinen übrigens höchst irritiert reagieren.

So wurden in Experimenten Mütter aufgefordert, ihre Mimik möglichst starr zu halten, wenn sie sich ihrem Baby näherten. Auf diese "Still-Face-Experimente" reagierten alle Kleinen "sehr verstört", erklärt Forscherin Lüdtke. Sie verzogen das Gesicht, weinten – und versuchten auf diese Weise, die Großen dazu zu bewegen, mit ihnen zu kommunizieren. Erst wenn die Mütter ihre Gesichter wieder bewegten, wirkten die Kinder zufrieden.

Prof. Dr. Ulrike Lüdtke lehrt und forscht am Institut für Sonderpädagogik der Leibniz-Universität Hannover

W&B/Privat

Sprechen lernen geht nur mit Bezugsperson

Wer sprechen lehren will, muss fühlen. Das ist, grob gesagt, die Botschaft von Hannelore Grimm. Die emeritierte Psychologieprofessorin an der Universität Bielefeld hat sich ihr Leben lang mit Sprachforschung beschäftigt.

Und sie ist überzeugt: "Sprechen lernen ist etwas sehr Emotionales." Es ist nämlich geknüpft an die engsten Menschen, die das Kind umgeben. "Nur im Dialog von Mutter und Kind oder einer anderen nahen Bezugsperson lernen Kinder Sprache", sagt Grimm. "Wenn man Kinder über einen Tonträger Gesprochenes vorspielt, hat das überhaupt keinen Effekt. Die Kleinen schalten ab."

Prof. Dr. Hannelore Grimm war Professorin für Psychologie an der Universität Bielefeld und forscht zur Sprachentwicklung

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Eltern ihrerseits scheinen über ein inneres Sprachlehrprogramm zu verfügen, das sie befähigt, instinktiv alles richtig zu machen und ihrem Kind genau das zu bieten, was es braucht, um zu lernen. "Sie erkennen auf sehr gefühlvolle Weise, welche Informationswünsche ein Kind hat", sagt Grimm.

Ein typisches Beispiel dafür ist der Babytalk, den Erwachsene verwenden, sobald sie mit einem Säugling oder Kleinkind sprechen. Die Stimme wird höher, die Sprache langsamer und einfacher: Die Ammensprache ist genau an die Bedürfnisse eines Winzlings angepasst. Babytalk ist übrigens ein kulturübergreifendes Phänomen. Und sogar Kleinkinder haben ihn schon drauf: Ab vier Jahren benutzen auch sie ins­tinktiv die Babysprache, wenn sie es beispielsweise mit kleineren Geschwis­tern zu tun haben.

Zuwendung wichtig für die Sprachentwicklung

Dass Sprechen lernen ein durch und durch gefühlvoller Vorgang ist, wissen Forscher schon länger. "Eltern müssen in der Lage sein, kindliche Signale zu deuten und emotional angemessen darauf zu reagieren", erklärt Lüdtke. Passiert das nicht, können Kleine in ihrer sprachlichen Entwicklung zurückbleiben. "Wir wissen, dass Kinder von Müttern mit postpartalen Depressionen schlechter sprechen lernen – weil sich die Mütter mimisch und sprachlich ihren Kindern nicht so zuwenden können wie gesunde Frauen", erklärt Lüdtke. Zunächst reagieren die Kleinen noch mit Protest und Weinen auf die fehlenden Kommunikationssignale, so wie bei den "Still-Face-Experimenten". "Aber irgendwann geben viele auf und werden apathisch", sagt Lüdtke.

Eine Forscherinnengruppe hat im Rahmen des Projekts SMILE unter Leitung von Ulrike Lüdtke an der Universität Hannover den Zusammenhang von unterschiedlichen Lebenslagen und der Sprachentwicklung untersucht. "Manche Mütter stehen beispielsweise ökonomisch stark unter Druck und haben chronischen Stress. Wir konnten bisher zeigen, dass sie und ihre drei bis vier Monate alten Kinder Emotionen in bestimmten Bereichen schlechter regulieren", sagt Lüdtke. Aus anderen Studien ist bekannt, dass dies gravierende Auswirkungen auf die frühe Kommunikations- und Sprachentwicklung haben kann. Das verblüfft die Forscherinnen nicht: "Es ist schwierig, zugewandt zu bleiben und sich voller Freude dem Kind zu widmen, wenn einen ständig Sorgen umtreiben", sagt Sprachforscherin Lüdtke. Aber nur dann entwickelt ein Kind Spaß am Sprechen.

Sprechen lernen läuft über viele Sinne

Kinder brauchen also Eltern, die von Geburt an mit ihnen singen, sprechen, lachen, die Dinge zeigen und benennen, Ereignisse erklären, Fragen geduldig beantworten, Geschichten erzählen und trösten. Sie sollten auch aufmerksam beobachten, ob ihr Kind Fortschritte macht und sich sonst gut entwickelt. "Sprechen lernen", sagt Lüdtke, "ist ein sehr umfassender Prozess."

Wer sprechen lernen will, muss zum Beispiel hören können. Schon im Mutterleib vernehmen die Kleinen die Stimme der Mutter und gewöhnen sich an die Sprachmelodie, Experten nennen sie "Prosodie". Experimente zeigen, dass bereits Neugeborene auf ihre Muttersprache intensiver und neugieriger reagieren als auf die anderer Kulturen. Wer sprechen lernen will, muss aber auch sehen können: "Säuglinge haben eine große Bereitschaft, auf Lippenbewegungen zu reagieren", sagt Grimm. So eignen sie sich spätere Sprechbewegungen an. Das ist übrigens ein Grund, erklärt die Sprachforscherin, "warum blinde Kinder Probleme mit dem Spracherwerb haben".


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