Für einen kurzen Moment herrschte Stille in unserer Küche. Nur das zufriedene Kauen unseres Kindes war zu hören. Wir Eltern blickten beide mit einer Mischung aus Entsetzen und Lachen auf unseren Sohn. „Lecker gekocht, du kleines Schwein“, hatte er gerade lobend meinem Mann zugerufen, nun stopfte er weiter Nudeln in sich hinein. Danke für das Lob, aber „du kleines Schwein“? Sind Komplimente von Kindern immer so? Was tun? Was sagen die Experten?
Der erste ist nicht sonderlich hilfreich. „Kleine Kinder machen keine Komplimente, es sei denn, die Eltern brauchen das“, erklärt mir meine Freundin. Na ja, ehrlich gesagt, schaffe ich es auch ohne eine Extramotivation meines Dreijährigen ganz gut durch den Tag. Und ein Lob für das Essen gibt er gern an jeden, von der Oma bis zur Tante. Bei ihm geht Liebe halt durch den Magen. Nur das Schwein war in den ganzen Loborgien noch nie dabei.
Erst größere Kinder verstehen Metaphern
Dafür führen wir aber ständig Gespräche wie „Du bist eine Aubergine“. Wahlweise darf’s auch eine Gurke oder Zucchini sein. Quer geht es durch den Gemüsegarten. Will ich mal was Nettes sagen, wie „Kuscheltiger“, bekomme ich sofort ein entrüstetes „Nein!“ zur Antwort. Gefolgt von „Ich bin eine Ratte“ oder „Ich bin ein Würmchen“. Auch wenn das mit dem kleinen Wurm vielleicht nicht ganz falsch ist, wundere ich mich doch. Kein Erwachsener würde so etwas auch nur ansatzweise von sich geben. Zumindest nicht, solange er es nett meint.
„Kinder müssen erst die verborgene Bedeutung von Wörtern lernen“, erklärt mir kurz darauf Cornelia Schulze, Sprachforscherin am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Das testen sie entweder aus, oder ein Erwachsener erklärt den Gebrauch des Wortes. Studien aus den 1970er- und 80er-Jahren zeigen, dass Metaphern wie „der Himmel ist ein Zelt“ meist erst größere Kinder oder Jugendliche erklären können. „Gerade erforscht eine Kollegin in London, ob und wie schon Dreijährige einfache Metaphern erfassen können“, sagt Schulze. Die meisten Kinder fischen zum Beispiel aus einer Kiste voller Autos das richtige, wenn sie das „Auto mit Rucksack“ suchen sollen – es hat einen Dachgepäckträger.
Bedeutung liegt oft nicht auf der Hand
Die Aufgabe ist nicht allzu schwer, finde ich. Schließlich wissen die meisten Kinder in dem Alter, was ein Rucksack und auch was ein Auto ist. Aber wenn es um die Bedeutung von Tiernamen geht, wird es schon schwieriger. Dass ein Tiger groß und stark ist und laut brüllt – kein Problem. Da versetzt man sich als Kind doch gerne rein und spielt selbst einen Kraftprotz. Aber wieso ist die Ratte nicht genauso niedlich wie die Katze, der Fuchs schlau, der Wolf böse und ein Wurm etwas, auf das man herabsieht?
Ganz schön knifflig für die Kleinen. Kaum haben sie die Welt in Kategorien eingeteilt, können Tiere, Fahrzeuge und Farben benennen, schwankt der zarte Boden der gerade erworbenen Sprache schon wieder unter ihnen. Und es hört nie mehr auf. „Erwachsene lernen immer noch ständig die Bedeutung neuer Wörter. Sie können sie nur schneller erfassen als Kinder“, erklärt Schulze. Auch wenn das ohne Erklärung nicht immer auf Anhieb gelingt. Den Warmduscher können die meisten einordnen. Aber um zu wissen, was eine Seniorenbarbie oder ein Feinkostgewölbe ist – dafür braucht es dann schon einen Teenie in Reichweite. Vielleicht habe ich ja auch einfach die Bedeutung von Auberginen und Zucchini noch nicht erkannt?
Mittlerweile sind bei uns übrigens neue Wörter in Gebrauch gekommen. Regelmäßig höre ich aus dem Kinderzimmer ein leises „Sseise“. Rannte das Kind vor ein paar Wochen noch und holte Papa zu Hilfe („Komm schnell, die Mama hat Scheiße gesagt“), nachdem mir eine volle Flasche Ketchup auf die Fliesen geknallt war, werde ich jetzt zur richtigen Sprachanwendung befragt. „Mama, wann sagt man Sseise?“
Annett Zündorf / Baby und Familie;
20.12.2011
Bildnachweis: Westend61/Rainer Berg
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