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Sauberwerden: Weg mit der Windel!

Irgendwann haben Eltern und Kind die Nase voll vom Wickeln. Wie der Umstieg auf Töpfchen und Toilette gelingt und wann es Zeit ist


Windel adé! Ab einem bestimmten Zeitpunkt wollen Kinder trocken werden

Wie, du wickelst immer noch?“, „Was, dein Kind ist noch nicht trocken?“ – die Windelfrage steht auf der Nerv-Skala von Eltern ganz weit oben. Hat der Nachwuchs erst einmal das zweite Lebensjahr vollendet, wird man damit ständig konfrontiert, egal ob auf dem Spielplatz oder in der Kita. Rückt der Kindergarten-Start in sichtbare ­Nähe, steigt der Druck, und man fragt sich: Sollen wir jetzt striktes Töpfchen-­Training starten, schließlich kommen andere Kinder auch längst ohne Windel aus?

Reifungsprozess verläuft unterschiedlich schnell

„Das Sauberwerden ist ein Reifungsprozess“, sagt Astrid Sult, die am Berliner Institut für ­Frühpädagogik Seminare zur Sauberkeitsentwicklung für Erzieherinnen und Kindertagespflegepersonen gibt. Und dieser Prozess, so die Expertin, laufe indi­viduell ab. „Manche Kinder interessieren sich mit 18 Monaten für das Töpfchen, ­andere wissen auch mit 24 Monaten noch nicht, was sie da machen sollen“, erklärt Sult. „Beides ist ganz normal.“ Damit ein Kind sich überhaupt auf das Abenteuer Sauberwerden einlassen kann, muss es bestimmte Entwicklungsschritte vollzogen haben. Die Nervenbahnen zwischen Blase ­beziehungsweise Darm und Gehirn müssen so ausgereift sein, dass das Kind ­eine volle Blase oder den Drang im Darm überhaupt wahrnehmen kann. Im nächsten Schritt folgt das Deuten der Körper­sig­nale und dann das Kontrollieren der Schließmuskeln, erst tagsüber, später nachts.


Studien: Druck ist kontraproduktiv

Diese Reifungsschritte ­lassen sich von außen nicht beeinflussen. Das bedeutet auch: „Sauberwerden ist kein Erziehungserfolg der Eltern“, sagt Astrid Sult, die immer wieder erlebt, welchen Druck sich Mütter und Väter machen, wenn ihr Kleines „immer noch nicht so weit ist“. ­Studien zeigen sogar, dass zu frühes, strenges Töpfchentraining den Prozess des Sauber­­werdens verlängern kann. Denn Blase und Darm reagieren empfindlich auf Stress. Für das große und kleine Geschäft ist aber Entspannung notwendig. Deshalb raten Experten Eltern dazu, sich zu gedulden und dem Tempo des Kindes anzupassen. „Mit der Sauber­keitsentwicklung klappt es am bes­ten, wenn das Kind selbst es lernen will“, sagt ­Sigrun Eder, Psychologin und Autorin aus Salzburg. Wann es so weit ist, erkennen Eltern an den verschiedenen Start-Signalen, die die Kleinen zeigen.


Auch wenn Eltern das Tempo des Sauberwerdens nicht bestimmen können, sind sie wichtige Begleiter in dieser Phase. „Sie können ihr Kind genau beobachten und dann im passenden Moment das Töpfchen anbieten oder dem Kind auf die Toilette helfen – ganz ohne Druck“, sagt Sigrun Eder. Gleiches gilt auch, wenn das Kleine von sich aus sagt, dass es Pipi oder Kacka machen möchte.

Praktische Voraussetzungen schaffen

„Zu Beginn geht es oft in die ­Hose, wenn man nicht schnell genug ist. Denn das Kind spürt den Druck in Blase und Darm anfangs sehr kurzfris­tig“, erklärt die ­Salzburger Psychologin. Doch je häufiger die Kleinen dieses Gefühl erleben, umso besser lernen sie es zu deuten und frühzeitig zu erkennen. Deshalb können Kinder ihren Stuhl meist eher kontrollieren. Die Signale sind eindeutiger.

Damit Kleine schnell auf das Töpfchen oder die Toilette kommen, sollten die praktischen Voraussetzungen stimmen. Ideal ­ist es, den Toilettendeckel offen zu lassen und direkt vor dem Klo einen Schemel hinzustellen. Für die Toi­lette eignen sich spezielle Aufsätze. Auch die passende Kleidung macht vieles leichter. „Kinder, die sich erst den ­Body aufknöpfen oder eine Latzhose ausziehen müssen, sind einfach nicht so schnell“, sagt Pädagogin Sult. Und: Windelhöschen erlauben mehr Selbstständigkeit als Windeln. Wenn Kleine im Sommer zu Hause im Garten nackt herumlaufen dürfen, müssen sie besonders wenig Hindernisse überwinden.

Wichtigste Regeln: Reagieren und loben

Gerade in der Anfangsphase sind viele Pipi-Ankündigungen des Kindes Fehlalarm. „Passiert das abends vorm Schlafengehen, ­würde ich als Mutter es am liebs­ten ignorieren, weil die Kleinen dann sowieso eine Windel anhaben“, erzählt Sigrun Eder, die zweijährige Zwillinge hat. Aber Eltern sollten auf jede Meldung des Kindes ­rea­gieren. Wenn kein Klo in der ­Nähe sei oder der Toiletten­gang aus Zeitgründen schwierig, könne man das Kind mal vertrösten. Zur Regel sollte das nicht werden. Tun Eltern nämlich die Meldung als unwichtig ab, ignoriert das ­Kleine den Vorgang künftig. „Kinder sind darauf angewiesen, dass ­ihre Bezugspersonen ihnen bei diesem Entwicklungsschritt helfen“, sagt Eder. Deshalb solle man sein Kind ­immer dafür loben, dass es die volle Blase gespürt hat, auch wenn es zu spät war. So hat es kleine, wichtige Erfolgserlebnisse. 

Kleine Unfälle akzeptieren

Der Abschied von der Windel ist nicht nur ein individueller Prozess, sondern auch einer, zu dem ­kleine Missgeschicke gehören. „Auf keinen Fall dürfen Eltern schimpfen, wenn das Geschäft in die ­Hose geht“, sagt Astrid Sult. Sie rät Eltern: „Nehmen Sie Ihr Kind in den Arm, trös­ten Sie es, und machen Sie das Ganze nicht zu sehr zum Thema.“ In dieser sensiblen Phase erleben Kinder jedes Missgeschick ohnehin als Niederlage. Gut zu wissen: Zwischen dem ersten Mal ohne Windel und dem Zeitpunkt, wo der Nachwuchs ganz sauber ist, können ­mehrere Jahre vergehen. In dieser Zeit lohnt es sich, immer Wechselkleidung und eine Plas­tiktüte (für die nassen Klamotten) dabeizuhaben. Und auch nach dem vierten Geburtstag, wenn die meisten Kinder den Toilettengang alleine bewältigen, brauchen sie Hilfe beim Abputzen und die Erinnerung an das Händewaschen.

Trotzdem weiter kuscheln

Der Abschied von der Windel fällt Kindern manchmal auch schwer, weil sie die Nähe vermissen, die beim Wickeln entsteht. Mama küsst und kitzelt den Bauch, ­Papa plaudert mit dem Nachwuchs. „Windelwechseln hat viel mit Beziehungspflege zu tun. Durch das Sauberwerden fällt diese Zuwendung aber weg“, erklärt Eder. Damit Kinder auch weiterhin die Aufmerksamkeit von Mama und Papa bekommen, empfiehlt sie, gezielt Kuscheleinheiten einzulegen.

„Die meisten Probleme bei der Sauberkeitsentwicklung sind Scheinprobleme, die durch falsche Erwartungen und falschen Rat entstehen“, sagt Sult. Viele Eltern beginnen das Sauberkeitstraining zu früh, angespornt vom eigenen Ehrgeiz. Das kann nicht gelingen – und ­verstärkt den Druck nur. Deshalb, so der Rat der Expertin: „Akzeptieren Sie, dass sich dieser Prozess Ihrem Einfluss entzieht.“ Es ist nur einer von vielen. Die Kleinen wissen selbst gut, was sie brauchen und können.


Trockenwerden in der Kita

Immer mehr Ein- und Zweijährige besuchen eine Krippe oder gehen zur Tagesmutter. Klar, dass das Thema Sauberwerden auch dort eine Rolle spielt. „Eltern dürfen nicht ­erwarten, dass die Betreuerinnen das alleine schaffen“, sagt die Berliner Sozialpädagogin Astrid Sult. Beim Sauberwerden sei der Nachwuchs auf die Teamarbeit von Erziehern und Eltern angewiesen.

Dazu gehören vor allem regel­mäßige Gespräche über die ­Signale und Bedürfnisse des Kindes. „Schwierig wird es, wenn zu Hause an­dere Regeln gelten als in der ­Kita“, sagt Expertin Sult. Deshalb sollte man grundsätzlich klären, ob das Kind zu ­Hause ­spezielle Toiletten-Rituale oder -Zeiten hat, und versuchen, ­diese auch in der Krippe oder bei der Tagesmutter ­­umzusetzen. Umgekehrt gilt: Die ­Erzieher sollten ihre Beobachtungen mit den Eltern teilen.

Nicht immer klappt das, was zu Hause funktioniert, auch in der Kita problemlos. „Kinder ticken bei ihren Eltern anders als in der Gruppe“, erklärt Sult. Beim Spielen beispielsweise sind die Kleinen oft so vertieft, dass sie den Drang in Blase oder Darm nicht oder zu spät merken. Aber die Gruppen­­dynamik hat auch ihre ­guten Seiten: Die Kleinen können sich von den Großen die Toiletten-Fertigkeiten abgucken. Und das spornt an!




Bildnachweis: W&B/Martin Ley

Peggy Elfmann / Baby und Familie; aktualisiert am 08.09.2014, erstellt am 31.08.2009
Bildnachweis: W&B/Martin Ley

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