Rollenspiele schon für kleine Kinder wichtig

Mit Puppe oder Stofftieren spielen kleine Kinder die beste Freundin, Geschwister oder ein eigenes Baby nach. Was die Kleinen von diesen ersten Rollenspielen lernen

von Julia Jung, aktualisiert am 24.02.2016

Wie im echten Leben: Die Puppe symbolisiert für Kinder meist ein Baby

Shutterstock, Inc. /offset/Suzanne Gipson

Krause, abstehende Haare, ein wirrer Blick und ­dunkle Flecken an den Füßen. Annas ­Puppe ist schon alt und mittlerweile eher zum Fürchten, als zum Lieben. Trotzdem kann sich die Zweijährige kein anderes "Kind" vorstellen – wie auch ihre Mutter sich keine andere Tochter vorstellen kann. Anna und ihre Puppe leben nämlich nach, was die Mutter mit ihrem Kind erlebt. Haargenau. Die Puppe wird gewickelt, gefüttert, getrös­tet, spielt im Wohnzimmer den Morgenkreis nach und wird im eigenen Buggy durch den Supermarkt geschoben.

Was aussieht wie niedliche Mädchen-Spiele, ist ganz realistische Entwicklungsarbeit. "Indem Kinder eine ­Rolle nachspielen, lernen sie, diese zu verstehen", erklärt Dr. ­Gudrun Gauda, Diplom-Psychologin und therapeutische Puppenspielerin am Frankfurter Institut für Gestaltung und Kommunikation.


Kleine Kinder verstehen durch Rollenspiele Zusammenhänge

Die stumme Freundin spielt nicht nur die Baby-Rolle. Sie ist ­zeitweise auch beste Freundin, ein ­Geschwisterkind und vor allem immer ein Lern-Instrument. Schon Einjährige machen sich Zusammenhänge unbewusst über das Rollenspiel klar. "Ein Kind, das eine Puppe füttert, hat verstanden, dass der Löffel zum Füttern da ist", erklärt ­Gauda. In dieser Phase geht es noch um einzelne Objekte und Handlungen, die Puppe ist noch ziemlich leblos.

Etwa ein Jahr später kehrt Leben ins Plastik. Genauer gesagt: Gefühle. Nun verarbeitet ein Kind gemeinsam mit der Puppe alles, was es bewegt. Ihre Beziehung wird immer intensiver. Das nutzt auch Therapeutin Gauda im Rollenspiel mit Handpuppen bei Kindern mit Verhaltens- oder Emotionsstörungen. "So können Kinder zeigen, was in ­ihnen vorgeht, mit welchen Ängsten sie kämpfen. Und sie lernen, wie sie mit ihren Gefühlen umgehen können."

Größere Kinder lernen mehr über Emotionen

Wie die Therapie hilft auch das normale Spiel dabei, Emotionen zu verstehen. "Das ist überhaupt der wichtigste Lernprozess im Spiel mit Puppen", sagt Gauda. Wenn sie ­ihre ­Puppe weinen hört, lässt Anna alles stehen und liegen, rennt zum Bettchen, nimmt ihr Baby liebevoll in den Arm und macht beruhigende Sch-sch-Laute. Sie ist voller Empathie – einem schwer zu verstehenden Gefühl, das einen gleichzeitig schmerzt und glücklich machen kann. Das alles lernt die Kleine in ihrer Spiel-Welt.

"Auch Negatives wird im Rollenspiel verarbeitet, zum Beispiel Ängste", erklärt Gauda. Tatsächlich, Annas Puppe musste vor Kurzem "fast" ins Krankenhaus, weil sie sehr krank war. Anna war noch nie in einem Krankenhaus, ­hatte aber wohl davon gehört. Die Furcht vor Krankheit und fremden Betten muss nun die Puppe erleben und wird gleichzeitig von Anna getröstet und ermutigt – das kleine Mädchen stellt sich unbewusst ihren eigenen Ängsten. "Mit diesem So-fühlen-als-ob-Spiel arbeiten Kinder die ganze Gefühlsskala ab", erklärt Gauda.

Ein Puppen-Kind braucht übrigens gar nicht viel Zubehör. Therapeutin Gauda lacht, wenn sie von speziellen Puppen-Bilder­büchern hört: "Das wäre dann ja nicht mehr das Leben, das die Kinder nachspielen wollen. Sie wollen es doch so echt wie möglich und lesen der Puppe lieber ihre eigenen Bücher vor." Ein Puppen-Buggy ist aber okay, räumt sie ein.

Jungen spielen eher mit Plüschtieren

Was ist eigentlich mit den Jungen? Sie sieht man nur recht selten mit Puppen. Und auch nicht jedes Mädchen ist puppenverrückt. "Da sind tatsächlich noch viele Fragen offen", sagt ­Gauda. Die Psycho­login vermutet jedoch, dass Jungen wohl schon sehr früh geprägt werden – bewusst und unbewusst. "Was genetisch veranlagt ist und was abgeguckt, weiß man noch nicht hundertprozentig. Tat­sache ist, dass Jungen schneller Gegenwind bekommen, wenn sie zur Puppe greifen." Kleine Kerle spielen dafür häufiger mit Teddy und Plüschtiger. Sie sind ähnliche Seelenfreunde und Baby-Ersatz-­Figuren wie ihre menschähnlichen Artgenossinnen.

Bis zum dritten Geburtstag geht es Kindern hauptsächlich noch darum, die Wirklichkeit nachzuspielen. Danach nimmt das Rollenspiel richtig Fahrt auf. "Jetzt beginnen die Kinder, die Rollen zu variieren, sie zu übertreiben und auch mit mehreren Kindern zu spielen", ­erklärt Gauda. Puppen können dabei eine ­eigene ­Rolle bekommen, geraten aber auch mal in den Hintergrund oder werden durch kleinere Figuren ersetzt. "Das Puppenspiel erschöpft sich ­­irgendwann, weil Puppen nur als Baby oder Kleinkind wahrgenommen werden", sagt Gauda. Und wenn größere Kinder die Erwachsenenwelt nachspielen, kann ein Baby schon mal nerven. Wie im richtigen ­Leben.



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