Müssen Zweijährige 50 Wörter können?

Mit zwei Jahren, bei der U7, sollen Kinder 50 Wörter sprechen können. Aber was heißt das? Wie sich die Sprache in diesem Alter entwickelt, erklärt eine Expertin

von Peggy Elfmann, Barbara Weichs, aktualisiert am 19.01.2016

Beim Vorlesen über Bilder und Text sprechen fördert die Sprachentwicklung

Getty Images/gpointstudio

Vor dem zweiten Geburtstag, wenn die Vorsorgeuntersuchung U 7 ansteht, werden etliche Mütter und Väter nervös. Denn sie meinen, dass der Nachwuchs jetzt etwa 50 Wörter ­sprechen sollte. "Das verstehen viele ­Eltern falsch und denken, ihr Kind müsste dann 50 Wörter perfekt sprechen können", erzählt Sprach­therapeutin Dr. ­Elisabeth Wild­egger-Lack aus Fürstenfeldbruck. Dabei handele es sich um gezielte Ein-Wort-Äußerun­gen. "Auch so etwas wie ‚didi‘, ‚wauwau‘ oder ‚bobo‘ ist ein Wort, wenn damit ein bestimmter Gegenstand oder eine Handlung gemeint ist", erklärt die Expertin.

Jeder fünfte Zweijährige spricht noch nicht

Bei den meisten Kindern kommt es ab dem 18. Lebensmonat zu einem wahren Wortschatzspurt, fast täglich lernen sie neue Wörter. Manche Kleinen brauchen ­jedoch ein wenig länger. Etwa ­jeder ­fünfte Zweijährige spricht noch nicht. Häufig handelt es sich ­dabei um so­genannte Late Talker, die Hälfte von ihnen holt die Sprach­entwicklung in kurzer Zeit nach. Ist das nicht der Fall, sollten sich Eltern an ihren Kinderarzt wenden.


Dr. Elisabeth Wildegger-Lack vom Deutschen Bundesverband der Sprachtherapeuten hat eine eigene Praxis in Fürstenfeldbruck

W&B/Privat

"Wenn Kinder die ersten 50 Wörter haben, fangen sie an zu kombinieren mit Zwei-Wort-Äußerungen wie ‚Papa ­Auto‘ oder ‚Mama Ball‘", sagt Wildegger-Lack. "Das läuft automatisch ab und ist in allen Sprachen gleich." Zwischen dem 24. und 30. Monat beginnen Kinder mit Drei-Wort-Äußerungen – der Start für das Lernen der sprachspezifischen Grammatik. Automatisch erfährt der Nachwuchs grammatikalische Regeln, wie etwa an welcher ­Stelle im Satz Verb, ­Subjekt und Adjektiv stehen und wie man Sätze kombiniert. "Bis vier Jahre haben Kinder den Satzbau verstanden, und die Grammatik sollte perfekt sein", sagt die Sprachtherapeutin. Bei Kindern, die mit zwei (oder mehr) Muttersprachen aufwachsen, kann das ­länger dauern. Bei Mehrsprachigkeit sei es wichtig, dass das Kind jede Sprache richtig und ausgiebig hören und üben könne.

Häufige Gespräche fördern grammatisches Verständnis

Aus ihrer Erfahrung weiß Elisabeth Wildegger-Lack, dass die Grammatik häufig unterschätzt wird. "Aber sie ist extrem wichtig", sagt sie. "Nur wenn Kinder Grammatik­regeln kennen, verstehen sie überhaupt die unterschiedlichen Wörter." Die Voraussetzung dafür: viele Gelegenheiten zum Sprechen. "Die direkte Kommunikation lässt sich durch nichts ersetzen. Nur durch Gespräche lernen Kinder Sprache", sagt Wild­egger-Lack. Sie rät ­­Eltern, sich dafür ­bewusst Zeit zu nehmen. Beim Vorlesen ­also nicht nur stur den Text vorlesen, sondern sich am bes­ten gemeinsam über die Bilder und den Text unterhalten.

"Holen Sie das Kind dabei auf seinem Sprachniveau ab", ­empfiehlt sie. Wenn die Zweijährige etwa Zwei-Wort-Äußerungen macht, solle man versuchen, einfache Satzkonstruktionen zu verwenden. Denn das Grammatikverständnis der Kleinsten ermögliche es nicht, viele Wörter in einem langen, komplizierten Satz zu entziffern.

Unterschiedliche Ansprache für verschieden alte Kinder

Schwierig werde es, wenn in der Familie mehrere Kinder sind. "Gerade in den ersten Lebensjahren brauchen Kinder eigentlich ­eine unterschiedliche Ansprache", sagt Wildegger-Lack. "Für ein drei- und ein fünfjähriges Kind ­­etwa lässt sich eigentlich kein Kompromiss finden beim Vorlesen. Entweder hat der eine zu wenig Sprach­anregung oder der andere zu viel", erklärt die Expertin. Sie plädiert dafür, entweder zwei Bücher vorzulesen – eines für jedes Kind – oder tageweise abzuwechseln. "Der sprachliche Effekt ist dann höher."

Auch wichtig: die Kleinen aussprechen lassen und Fehler geschickt verbessern. "Wenn ein Kind ­andauernd korrigiert wird, ist es verständlich, dass es bald nichts mehr erzählen will", erklärt Wild­egger-Lack. Sagt ein Kind zum Beispiel "wir sind gerennt" sollten ­Eltern sich ein "Das heißt ‚gerannt‘" verbeißen. Besser: das ­sogenannte korrektive Feedback. Also etwa ­sagen: "Ja, wir sind schnell gerannt." Damit Kinder mit Migrationshintergrund die deutsche Sprache korrekt lernen, sind Erzieherinnen in den Kitas gefragt. "Kinder lernen eine Sprache problemlos, wenn sie den richtigen Input haben." Auch altersgemäße Hörbücher helfen, um wie nebenbei Wortschatz, Aussprache und Grammatik fehlerfrei zu übernehmen.



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