Mein Kleinkind haut und beißt – was tun?

Wenn kleine Kinder aus der Haut fahren, dann richtig. Sie beißen und hauen und schreien vor Wut. Die Eltern fragen sich: Ist das eigentlich normal?

von Barbara Weichs, aktualisiert am 15.03.2016

Wenn kleine Kinder richtig wütend sind, können sie auch mal handgreiflich werden

W&B/Christine Schneider

Mal ist es ein Tritt gegen das Bobby-Car, mal gegen Mamas oder Papas Schienbein: Es gibt wohl kaum einen Zweijährigen, der in seiner Wut nicht auch einmal um sich schlägt, kratzt oder andere beißt. Und wer kennt sie nicht, die Blicke von Außenstehenden, die das Ganze mit hochgezogenen Augenbrauen beobachten und einem das Gefühl geben, nichts im Griff zu haben? Doch haben all die Eltern von kleinen Rabauken tatsächlich ein Problem?

Kleinkinder sind manchmal rabiat

Dr. Andreas Schick, Leiter des Heidelberger Präventionszen­trums, beruhigt: "Nein, haben sie nicht, wenn wir von Kindern im Alter bis etwa drei Jahren sprechen." Vielmehr lasse sich hier normales Verhalten bei Kindern beobachten. "Es ist uns Menschen genetisch eingeschrieben, dass wir unwillig reagieren, wenn wir bei etwas gestört werden oder etwas nicht bekommen, das wir möchten", erklärt der Experte für Gewalt und Aggression im Kindes- und Jugendalter.


Dr. Andreas Schick ist Diplom-Psychologe und Familientherapeut. Er leitet das Heidelberger Präventionszentrum (HPZ)

Alexander Ginter

Deshalb ist Hauen, Beißen und Treten auch kein jungentypisches Verhalten, Mädchen reagieren ebenso wütend und setzen dabei ihre körperliche Kraft ein. Über die Ausprägung entscheidet vielmehr das Temperament. "Kleinkinder handeln impulsiv. Sie können ihren Unwillen und Ärger noch nicht gut kontrollieren", sagt Andreas Schick. Erst mit zunehmendem Alter gelingt ihnen das. Auch haben sie dann schon erfahren, welches Verhalten angemessen ist und welches nicht.

Wie auf Aggressionen reagieren?

Dazu brauchen sie Eltern, die gelassen auf aggressive Attacken reagieren. Denn Wut und Ärger sind hoch ansteckend – in beide Richtungen. Wer sich das bewusst macht, verhindert, dass am ­Ende alle brüllen. Erwachsene müssen aber auch klare Regeln definieren und diese ansagen. Wer anderen wehtut, bekommt eindeutige Stopp-Signale. Einem "Lass das sofort sein!" sollte maximal eine weitere Aufforderung folgen, bevor Eltern eine logische Konsequenz formulieren.

"Eine Konsequenz ist dann logisch, wenn sie etwas mit der Situation zu tun hat. So kann sie das Kind auch nachvollziehen", sagt Andreas Schick. Ein Beispiel: Der Sohn lässt seine Autos über den Teppich sausen, der Papa bittet ihn, zum Anziehen zu kommen. Das Ergebnis: Geschrei und ein um sich schlagender Zweijähriger. "Logisch wäre nun, dem Jungen zu sagen, dass das Geburtstagsfest des Freundes ohne ihn beginnt, wenn er nicht schnell in Jacke und Schuhe schlüpft."

Nach Gründen für das Verhalten fragen

Sträubt sich das Kind trotzdem gegen das Anziehen, sollte der Vater versuchen, mit ihm ins Gespräch zu kommen und herauszufinden, was los ist: Will es einfach nicht aufhören zu spielen oder steckt etwas anderes dahinter? "Die Zeit muss man sich auch in stressigen Situa­tionen nehmen, um nicht zu schnell Schlüsse zu ziehen", sagt Schick. Als langfristige Strategie rät er, positives Verhalten des Kindes zu bestärken. Denn wer nur auf Aggressionen reagiert, bewirkt, dass ein Kind sie im Laufe der Zeit bewusst einsetzt, um Zuwendung zu bekommen. Außerdem hilfreich: die Kleinen nie abrupt im Spiel unterbrechen, sondern vorher ankündigen, dass bald Schluss ist. So können Kinder sich besser darauf einstellen.

Bei Gewalt unter Kindern einschreiten

Wird das Kind einem anderen Kind gegenüber handgreiflich, müssen sich Eltern einmischen. Die Kleinen können das noch nicht untereinander regeln. Stoppen und schützen heißt es dann. "Trennen Sie die beiden mit dem kurzen Hinweis ‚Stopp, kein Hauen!‘", sagt Andreas Schick. Wortreiche Erklärungen sind in der Situation nicht angebracht. Erst wenn sich die Wogen geglättet haben, sollten Eltern mit dem Nachwuchs besprechen, was gerade falsch gelaufen ist.

Ist das Kind dafür noch zu jung, könnte Mama oder ­Papa modellhaft vorführen, wie man sich in der ­Situation besser verhalten hätte: "Komm, wir fragen den Jungen, ob du mit seinen Klötzen spielen darfst." In der Kita übernehmen diese Aufgabe die Erzieherinnen. Im Idealfall haben sie die Kinder im Blick und handeln sofort. Wird der ­eigene Nachwuchs trotzdem öfter Opfer, sollten ­Eltern dies einfach ansprechen und darauf aufmerksam machen.

Kind sollte lernen, mit Gefühlen umzugehen

Nur wenn Kinder mit ihren negativen Gefühlen ernst genommen werden, lernen sie auch, damit umzugehen. Eltern sollte dafür bewusst sein: Die Gefühlsäußerungen zeigen, dass etwas nicht so läuft, wie es sollte. "Gefühle ernst nehmen bedeutet, sich Zeit dafür zu nehmen und die Kleinen immer wieder zu fragen, wie sich die Wut oder das Traurigsein anfühlt und wo sie die Emotion spüren", erklärt Schick. So werden sie im Laufe der Zeit zu Experten ihrer Gefühle.

Sorgen machen müssen sich ­Eltern erst, wenn das negative Verhalten über einen längeren Zeitraum anhält. "Eine Zeitspanne lässt sich dafür nicht exakt fest­legen. Der Maßstab ist, ob Sie sich selbst damit unwohl fühlen, das Kind darunter leidet oder die Kita Alarm schlägt", sagt Schick.



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Bildnachweis: W&B/Christine Schneider, Alexander Ginter
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