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Mein Kind lügt wie gedruckt – was tun?

Wenn der Nachwuchs ­schwindelt, sind Eltern meist entsetzt. Aber Experten sagen: Ein Kind, das lügt, hat einen großen Entwicklungsschritt getan


Heimlich etwas stibitzen, um es später dem Bruder in die Schuhe zu schieben? So geplant setzen Kinder Lügen in der Regel erst im Schulalter ein

Haben Sie auch ein Kind, dessen Nase eigentlich so lang sein müsste, dass es nicht mehr durch die Tür passt? Einen kleinen Pinocchio, der den ganzen Tag Dinge erzählt, die nicht stimmen können? Die Schokolade ist weg? – Ich war das nicht! Dem Nachbarsjungen auf den Kopf gehauen? – Niemals! Gepupst? – Der Papa war’s. Nicht aufgeräumt? – Da war ein Wolf im Zimmer. Solche Antworten ärgern einen als Eltern manchmal ganz schön. Doch nicht jedes Kind, das eine Unwahrheit erzählt, lügt.

Lüge: Große Leistung des Gehirns

„Eine Lüge bedeutet, bewusst die Unwahrheit zu sagen, um ein Ziel zu erreichen oder einer Strafe zu entgehen“, erklärt der Entwicklungspsychologe und Erziehungsberater Dr. Hermann Scheuerer-Englisch aus Regensburg. Das bedeutet eine riesige Leistung für das Gehirn kleiner Kinder. Dafür müssen sie sich in andere Menschen hineinversetzen können, sich vorstellen, was diese denken und wissen. Außerdem müssen geschickte Lügner ihre Gefühle verbergen, um die Täuschung glaubhaft zu machen.



Ingrid Lassonczyk ist Säuglings- und Kleinkind-Psychotherapeutin in Berlin

Die meisten Nachwuchs-Pinocchios sind dazu erst mit etwa vier Jahren in der Lage. „Ich würde sogar­ sagen, erst mit etwa sechs Jahren beginnen Kinder Lügen bewusst einzusetzen“, sagt die Berliner Säuglings- und Kleinkind-Psychotherapeutin Ingrid Lassonczyk. „Vorher sollte man eher vom kreativen Umgang mit der Wahrheit sprechen.“

Ab vier Jahren schwindeln viele

Wissenschaftliche Experimente bestätigen dies. Ein Beispiel, das die kanadische Forscherin Dr. Victoria Talwar mit Drei- bis Siebenjährigen durchgeführt hat: Ein Kind soll raten, welches Stofftier hinter seinem Rücken versteckt liegt. Umschauen ist verboten. Dann verlässt der Erwachsene den Raum. Die meisten Kinder schaffen es nicht, der Versuchung, zu spicken, zu widerstehen. Werden sie darauf angesprochen, geben die meisten Dreijährigen ihre Missetat prompt zu. Vierjährige dagegen behaupten mehrheitlich, dass sie sich nicht umgedreht hätten. Bei den Sechsjährigen schwindeln schon 95 Prozent.



Dr. Hermann Scheuerer-Englisch leitet die Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle in Regensburg

„Das ist ein normaler Entwicklungsschritt“, sagt Experte Hermann Scheuerer-Englisch. Und die Kindertherapeutin Lassonczyk ergänzt: „Kinder lernen damit Regeln und Strukturen des sozialen Lebens.“ Irgendwann beherrschen die Kleinen dann sogar die sogenannten weißen Lügen – die Lügen aus Freundlichkeit. Und über die sind Eltern meist froh. Jeder erinnert sich an peinliche Situationen à la „Mama, warum ist die Frau so fett?“ Erleichtert lächeln Eltern auch, wenn Kinder sich beim Besuch der Tante für das schöne Geschenk bedanken, obwohl schon zwei der gleichen Sorte unbeachtet im Kinderzimmer herumliegen.

Magisches Alter: Fantasie und Realität liegen dicht beieinander

Geradezu abenteuerlich sind manchmal die Ausflüchte, die Kinder liefern. Da konnten sie unmöglich rechtzeitig zu Tisch kommen, weil sie vor einem Drachen fliehen mussten. Oder Fantasiewesen versperrten den Weg zum Aufräumen. Die Geschichten sind natürlich nicht wahr, aber für Kinder zwischen drei und sechs Jahren bedeuten sie keine Lügen. Sie erleben gerade das magische Alter, in dem sie Fantasie und Realität nur schwer trennen können. Dann sollten Eltern nicht überreagieren. „Lassen Sie sich auf die Fantasiewelt des Kindes ein, und führen Sie es sanft zurück in die Realität“, rät Lassonczyk. „Und zeigen Sie Humor!“

Kinder haben meist einen Grund, wenn sie schwindeln – sie fürchten sich vor einer Strafe oder schämen sich für etwas. Manchmal wollen sie Aufmerksamkeit bekommen oder vor anderen Kindern prahlen.­ Was dann garantiert nicht hilft: Strenge. „So lernen Kinder nur, geschickter zu lügen“, sagt Scheuerer-Englisch. Also lieber mal ein Lob für ein ehrliches Kind als Tadel für eines, das gerade mit Unwahrheiten experimentiert und schaut, wie Mama und Papa reagieren.­ Und in einer offenen, liebevollen Atmosphäre, in der alle mal Fehler machen dürfen, werden Schwindeleien sowieso zur Nebensache. Eltern sollten aber hellhörig werden, wenn ein Kind immer und ständig lügt. Vielleicht bekommt es nicht genug Aufmerksamkeit und sendet ein Notsignal. Dann müssen Eltern im Gespräch vorsichtig die Gründe finden. Vielleicht eifert es auch einfach dem familiären Vorbild nach. Denn wenn Mama öfter flüs­tert: „Das sagen wir dem Papa aber nicht“, oder Eltern Fragen nicht ehrlich beantworten, lügen auch Kinder häufiger.




Bildnachweis: W&B/Privat, Mauritius/Nikky

Annett Zündorf / Baby und Familie; aktualisiert am 30.09.2013, erstellt am 06.10.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, Mauritius/Nikky

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