Kleinkinder: Plattfüße und O-Beine normal?

Platte Füße, O- oder X-Beine, Trippelgang auf Zehenspitzen – Auffälligkeiten sind bei Kinderfüßen häufig. Doch viele der Fehlstellungen verschwinden von selbst wieder
von Barbara Weichs, aktualisiert am 09.05.2017

Barfuß laufen und viel Bewegung tragen zu gesunden Füßen bei

F1online/Blend Images/Shestock

Winzig, weich und einfach zum Knuddeln – so schwärmen Eltern von den Füßen ihres Babys. Ein Wunderwerk der Natur, komplex konstruiert, unter­­schätztes Körperteil – das denken Orthopäden darüber. Fest steht: Wenn ein Kind zur Welt kommt, ist die Entwicklung seiner Füße noch lange nicht abgeschlossen. "Der Fuß ist eigentlich ein Greiforgan. Er wird erst zum Lauffuß", erklärt Dr. René Paulus, Kinder­orthopäde mit eigener Praxis in München.

Das Fußskelett besteht anfangs hauptsächlich aus Knorpel und ist daher leicht verformbar. Ein Fettpolster umgibt und schützt den Fuß und lässt ihn so niedlich speckig aussehen. Erst wenn ein Kind zu laufen beginnt, schmilzt mit den Jahren das Speckpolster, Längs- und Quergewölbe bilden sich heraus, die Sohle, wie wir sie von erwachsenen Abdrücken her kennen, entsteht. Die Verknöcherung des Skeletts dauert letztlich bis in die Pubertät und ist meist erst mit circa 14 Jahren abgeschlossen.


Dr. med. René Paulus ist niedergelassener Kinderorthopäde in München

W&B/Privat

Platte Füße sind bei Kindern anfangs normal

Haben Eltern das Gefühl, ihr Kleines watschelt auf Plattfüßen durch die Gegend, trügt der Eindruck nicht. "Das liegt an dem Fettpolster an der Sohle und ist in den ersten Jahren ganz normal", erklärt Prof. Andrea Meurer, Ärztliche Direktorin der Orthopädischen Universitätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt am Main. Einlagen braucht es deshalb nicht – es sei denn, das Kind hat Schmerzen oder läuft auffallend ungern. "Das kommt aber nur sehr selten vor", sagt René Paulus.

Ähnlich verhält es sich beim ­­sogenannten Knick-Senk-Fuß, den Kinder – manche ausgeprägter als andere – in ihren ersten Lebensjahren zeigen. Er entsteht durch die Beinachsen-Entwicklung.


Prof. Dr. Andrea Meurer leitet die Ortho­pädi­sche Univer­si­tätsklinik Friedrichsheim in Frankfurt/Main

/Orthopädische Universitätsklinik Friedrichsheim

O-Beine und X-Beine wachsen sich meist aus

"Der Säugling kommt mit O-Beinen zur Welt. Aufgrund der Wachstumsdynamik ent­wickeln sie sich im dritten Lebensjahr zu X-Beinen, mit sechs bis sieben Jahren sind die Beinachsen mehr oder weniger gerade", erklärt Andrea Meurer. Nur bei Schmerzen oder extrem knickenden Füßen sind Einlagen notwendig. "Das Zeit­­fenster dafür liegt zwischen dem vierten und sechsten Geburtstag", sagt Paulus. Kinderärzte haben dafür meist einen guten Blick, allerdings sollte ein Orthopäde dann die Therapie einleiten.

Echte Fehlstellungen werden häufiger

Immer mehr Babys, das zeigen auch Untersuchungen, haben jedoch angeborene Fehlstellungen wie Sichel-, Klump- oder ­Hackenfuß. Der Grund: Mehrlingsgeburten nehmen zu. "Die Kinder haben weniger Platz im Bauch, so entstehen Verformungen", erklärt Paulus. Diese müssen sofort behandelt werden, zum Beispiel mit korrigierenden Gipsschienen, die regelmäßig angepasst werden, und mit unterstützenden Massagen.

Darüber hinaus gibt es auch Fehlstellungen wie etwa den echten Plattfuß, den Senk- oder auch Spreizfuß. "Mit einer Behandlung wartet man hier in der Regel bis zum Eintritt in die Schule ab, denn erst dann kann man sicher sagen, dass die Erscheinung nicht der normalen Entwicklung geschuldet ist", erklärt Andrea Meurer.

Meist liegt es am Bewegungsmangel

Das Gros der orthopädischen Auffälligkeiten geht den Experten zufolge allerdings auf ein gesellschaftliches Phänomen zurück: Kinder bewegen sich nicht mehr so viel wie früher. "Welches Kind läuft denn noch zum Kindergarten oder zur ­Schule? Die mei­sten werden heutzutage gefahren", sagt René Paulus. Damit das Zusammenspiel von Knochen, Sehnen und Muskeln im Wunderwerk Fuß gut funktioniert, muss dieser jedoch trainiert werden, und zwar regelmäßig. Bewegungsmuffel­ tun dies gerade nicht und bauen deshalb keine kraftvolle und flexible Muskulatur auf, die zu stabilen Füßen führt.

Dazu kommt, dass Kinder immer mehr wiegen. "Übergewicht und Bewegungsfaulheit bedingen sich natürlich auch gegenseitig. Das Ergebnis ist eine schlechte Grundmotorik", erklärt der Mediziner.

Krankengymnastik brauchen trotzdem die wenigsten. Vieles, was der Kinderorthopäde Eltern als Therapie rät, ist gleichzeitig auch die ­beste Prävention:

  • Viel laufen – sooft es geht barfuß auf den unterschiedlichsten Untergründen. Vor allem ein weicher oder unebener Boden wie ­etwa Gras oder Sand trainiert die Muskeln gut.
  • Auf einer Slackline oder einem Wackelbrett balancieren, aber auch einfaches Seilspringen ist ebenfalls sehr effektiv.
  • Oder mit den Zehen Kieselsteine, Murmeln oder ein Tuch fassen und hochheben. 
  • Der Tipp des Münchner Kinderorthopäden für alle Eltern, die wenig Zeit haben und deshalb nicht selbst für ausreichend Bewegung und Anregungen sorgen können: den Nachwuchs in einem Sport- oder Schwimmverein anmelden. "Das ist ein super Ausgleich und bringt sehr viel!"

Die meisten Eltern können die Fußentwickung ihres Kindes ge­lassen abwarten. Aber: "Humpelt es oder schmerzt etwas, sollten sie zum Arzt", rät René Paulus.



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