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Kleinkinder: Plattfüße und O-Beine normal?

Platte Füße, O- oder X-Beine, Trippelgang auf Zehenspitzen – wenn Kinder laufen lernen, sieht das zunächst oft eigenartig aus. Doch viele der Fehlstellungen verschwinden von selbst wieder


Krabbeln, sitzen, laufen. Die Entwicklung vom Krabbler zum Läufer ist faszinierend

Es sieht zu drollig aus, wenn ein Kind mit etwa einem Jahr zum ersten Mal auf krummen Beinchen und speckigen Füßen lostapst. Dass der aufrechte Gang anfangs noch eine wacklige Angelegenheit ist und man nicht in wenigen Tagen vom Krabbler zum Lauf-Profi wird, versteht sich von selbst. Schließlich verändert sich der Körperschwerpunkt komplett, die Bein- und Fußmuskeln sind noch ungeübt in der neuen Aufgabe.

„Laufanfänger rollen noch nicht von der Ferse zu den Zehen hin ab, sondern patschen mit der ganzen Sohle auf“, sagt Jutta Hofer, die sich im baden-württembergischen Rottenburg auf Kinderphysiotherapie spezialisiert hat. „Bei den Kleinen hat sich das Längs- und Quergewölbe an der Fußsohle noch nicht ausgebildet, es besteht ein schützendes Fettpolster.“


Frühkindliche Fehlstellungen bessern sich meist von selbst

Wer deshalb lebenslange Plattfüße beim Nachwuchs befürchtet, sollte jedoch erst mal Ruhe bewahren. In den ersten Lebensjahren muss der weiche Fußknorpel vollständig verknöchern und die „Airbag“-Speckpölsterchen müssen schmelzen, bis sich eine gewölbte Sohle formt.

So ein Fuß ist von Geburt an ein kompliziertes Gebilde. Da versammeln sich auf relativ kleiner Fläche 26 Knochen, 33 Gelenke, 20 Muskeln und dazu 120 Sehnen und Bänder. Eigentlich kein Wunder, dass das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile nicht von Anfang an reibungslos funktioniert und dass so manches Babyfüßchen sich nach der beengten Lage im Mutterleib erst mal entknautschen muss. Die meisten Auffälligkeiten verschwinden aber mit fortschreitendem Wachstum.

Bei Knick-Senkfuß hilft spielerisches Training

Nur drei Prozent aller Neugeborenen kommen mit schwereren Fehlstellungen oder Verformungen zur Welt. Recht verbreitet ist vor allem bei Kleinkindern der Knick-Senkfuß: Dabei knicken die Fußknöchel nach innen, die Fußinnenkante senkt sich nach unten ab.

„Das hat entwicklungsphysiologische Gründe und hängt damit zusammen, dass das Fußgewölbe noch nicht ausgeprägt ist“, erklärt Jutta Hofer. Manchmal genügt es, die Muskulatur zu kräftigen, zum Beispiel durch spielerisches Training wie Tücher mit den Zehen greifen. Bei stärkerer Ausprägung kann der Orthopäde zusätzlich spezielle Einlagen verordnen.

Stärkere Verformungen erfordern oft Therapie

Neben den wachstumsbedingten „Fehltritten“ auf Platt- und Knickfüßen gibt es einige Verformungen, die schon im Mutterleib entstehen. Dazu zählen etwa der Hacken- und der Sichelfuß. Beim Hackenfuß ist die Fußspitze zu stark nach oben gezogen. Den Sichelfuß erkennt man einer verkürzten Fußinnenseite und einer überdehnten Außenseite, sodass der Fuß an ein C erinnert. „Bei diesen beiden Varianten vermutet man Platzmangel in der Gebärmutter als Ursache“, berichtet Jutta Hofer. „Sie können spontan heilen, wenn der Fuß genügend Platz hat.

Manchmal sind auch physiotherapeutische Maßnahmen wie Dehnungsübungen angebracht.“ Als weitaus gravierendere angeborene Fehlbildung, bei der die Ursache noch ungeklärt ist, gilt der Klumpfuß. Dabei handelt es sich um einen stark verdrehten Fuß, die Sohlen zeigen nach innen, und Gehen wäre nur auf der Außenkante des Fußes möglich.

Teilweise genügt es, die Form schrittweise durch jeweils angepasste Gipsverbände zu korrigieren, manchmal ist ein chirurgischer Eingriff nötig. „Das Vorgehen wird in der Regel direkt nach der Geburt noch in der Klinik besprochen, da es sich um eine komplexe Beeinträchtigung handelt“, so die Kinderphysiotherapeutin.

Krumme Beine wachsen sich oft wieder aus

Beim Wechsel vom Krabbel- zum Lauf­alter tragen auch die Beine auf einmal deutlich schwerer. Vor allem zwischen dem ersten und zweiten Geburtstag machen Ober- und Unterschenkel bei vielen Laufanfängern einen leichten Bogen nach außen. Diese „O-Beine“ entstehen durch die frühkindliche gekrümmte Stellung der Beinachsen, die Kniescheiben zeigen nach außen.

Im Alter von zwei bis vier Jahren verändern sich die Beinachsen, es kommt zu einer Drehung nach innen. Bei manchen Kindern berühren sich in geradem Stand die Knie, nun bilden Ober- und Unterschenkel eine angedeutete X-Form. „Solche Auffälligkeiten können ein vorübergehendes Problem sein“, erklärt Jutta Hofer. „Aber es gibt natürlich auch die Anlage zu deutlichen O- oder X-Beinen, das wird manchmal von den Eltern oder Großeltern weitervererbt.“

Der Wachstumsprozess von nach außen zu nach innen gedrehten Beinachsen bis hin zum geraden Bein dauert einige Jahre und ist in der Regel mit dem Schuleintritt abgeschlossen. Allerdings sollten Kleinkinder mit starken Krümmungen, die das Gangbild deutlich beeinflussen, unbedingt vom Kinderorthopäden untersucht werden. Manchmal stecken nämlich auch Knieprobleme oder eine Hüftfehlstellung dahinter.

Kind läuft auf Zehenspitzen: Oft nur Expertiment

Vielleicht haben sich die Plattfüße gerade ausgewachsen, da stutzen Sie schon über die nächste Besonderheit: Das Kind läuft plötzlich so viel auf den Zehenspitzen! Oder es dreht die Zehen beim Gehen auffällig nach innen oder außen. „Das muss nicht gleich behandlungsbedürftig sein, der Zehenstand kräftigt die Gewölbestruktur des Fußes“, macht Jutta Hofer klar. „Beobachten Sie: Kann Ihr Kind wirklich nur auf diese Weise laufen, oder experimentiert es vielleicht gerade, etwa mit Gewichtsverlagerung und Gleichgewichtssinn?“

Besonders das verstärkte Laufen auf den Zehenspitzen im dritten oder vierten Lebensjahr scheint mit der Fußreifung zu tun zu haben und wird von Experten häufig beobachtet. „Und das Nach-außen-Drehen der Zehen kann einfach bedeuten, dass die Kleinen ­eine breitere Stand­fläche suchen, mehr Bodenhaftung wollen“, so die Expertin. Trotzdem sollten Eltern bei auffälligem Gang ihr Kind beim Kinderarzt vorstellen, damit Hüftbeschwerden oder andere Erkrankungen frühzeitig ausgeschlossen werden können.

Barfuß laufen ist die beste Therapie

Die beste Therapie, die Sie Ihrem Nachwuchs zu Hause anbieten können, um die kleinen Füße und Beine zu stärken, heißt übrigens barfuß laufen! Laut einer Studie der Universität Zürich arbeitet die Fußmuskulatur in Schuhen um 30 Prozent weniger als beim Barfußgehen. „Viel ohne Schuhe laufen trainiert prima die Fuß- und Sehnenmuskeln“, bestätigt Physio­therapeutin Jutta Hofer.

Deshalb tut es Kindern außerdem gut, wenn sie bei warmem Wetter auch mal draußen auf unebenem Untergrund wie Sand oder Gras barfuß gehen dürfen. Kleine Ausnahme: Kinder mit ausgeprägten Knick-Senk­füßen profitieren nicht vom Unten-ohne-Gehen, sondern sie brauchen die Unterstützung durch fes­tigende Schuhe.




Bildnachweis: Getty Images/JGI/Jamie Grill

Tanja Pöpperl / Baby und Familie;
Bildnachweis: Getty Images/JGI/Jamie Grill

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