Jedes dritte Kind hat einen imaginären Freund

Sie sind stark, für jeden Spaß zu haben – und für Eltern nicht zu sehen: eingebildete Gefährten. Vor allem drei- bis fünfjährige Kinder lassen sich gerne von unsichtbaren Freunden begleiten
von Annett Zündorf, aktualisiert am 16.02.2017

Auch Stofftiere können für Kinder zu imaginären Freunde werden

Fotolia/Wojciech Gajda/2009

Nun sind wir zu viert, dachten wir, als unsere kleine Tochter zur Welt kam. Und waren zufrieden. Doch nur wenig später kam überraschend Zuwachs. ­­Henri zog bei uns ein. Vorher kannte ich keinen Henri. Eigentlich kenne ich auch jetzt keinen. Aber ich weiß, er ist ein bärenstarker Typ. Er ist so stark, dass er auf der Baustelle drei Balken auf einmal schleppt und komplette Häuser anhebt und versetzt. Außerdem ist er schlau. Er erklärt meinem Sohn alle Dinge, die er wissen will. Wenn er nicht gerade bei uns haust, wohnt er, wo die Berge an den Himmel stoßen. Manchmal ist er ein Kind, manchmal schon groß. Henri ist der imaginäre Freund meines vierjährigen Sohnes.

Kein ungewöhnliches Phänomen

Nein. Mein Kind ist nicht komisch, weil es mit einem eingebildeten Freund spricht und spielt. Nach Studien der US-amerikanischen Psychologieprofessorin Marjorie Taylor, die seit über 20 Jahren zu diesem Thema forscht, leben 37 Prozent der Kinder unter sieben Jahre ­eine Zeit lang mit einem imaginären Freund. Zählt man dazu noch Puppen oder Stofftiere, die ihren Besitzern ganz lebendig erscheinen, sind es sogar 65 Prozent. Besonders häufig begleiten die Fantasiefiguren Drei- bis Fünfjährige.

Prof. Dr. Hellgard Rauh, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam

W&B/Privat

Spiel, das im Kopf stattfindet

"Den imaginären Spielkamerad kann man als Extremform des vorstellenden Spieles sehen", sagt Hellgard Rauh, emeritierte Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Potsdam. Wenn mit knapp drei Jahren Kinder ins soziale Spiel einsteigen, verwandeln sich Plüschtiere, Legomännchen oder auch Autos in lebendige Wesen mit Charakter. Und irgendwann brauchen manche Kinder keine sichtbaren Dinge mehr. "Sie verlagern das Spiel komplett auf die innere Bühne", sagt Rauh.

Der Fantasiefreund muss ­dabei nicht immer ein paralleles Ich in Menschenform sein. Marjorie ­Taylor interviewte für ihre Studien 300 Kinder. Deren Gefährten waren Panther, Mäuse, Babys, Riesen oder Geister. Für manche wurde regelmäßig der Essenstisch mitgedeckt. Andere waren jahrelang Familienmitglieder.

Außergewöhnliche Abenteuer mit eingebildetem Spielkamerad

So ein Fantasiefreund ist sehr praktisch. "Ein eingebildeter Spielkamerad kann alles ausprobieren. Er kann gut oder böse sein, sich in gefährliche Situationen begeben und glücklich daraus hervorgehen. Er muss sich nicht an Regeln halten", erklärt Hellgard Rauh. Und mit so jemandem erlebt man einfach auch Abenteuer, die mit Mama, Papa und normalen Kindern nicht funktionieren. Henri und mein Sohn sind gestern zusammen auf Wildschweinen durch den Wald geritten und haben mit Kanonenkugeln geschossen. Man stelle sich mal Mama auf dem Schwein vor!

Positive Erscheinung in der Entwicklung

Früher hatten Eltern oft Angst, dass ihre Kinder halluzinieren oder eine Schizophrenie entwickeln, wenn sie von ihren Fantasie­freunden erzählten. Doch längst ist klar, dass ein imaginärer Gefährte Teil der normalen Entwicklung und sogar eine positive Erscheinung ist. Deshalb können sich Mama und Papa entspannt zurücklehnen und freuen, wenn der Nachwuchs neue wilde Geschichten erzählt. "Besonders häufig haben Kinder mit viel Fantasie solche Freunde. Sie sind oft intelligent, kreativ und sprachlich sehr weit. Studien zeigen, dass sie sich ausgesprochen gut in andere Menschen hineinversetzen können", sagt Rauh. Und ganz ehrlich: Ein Verbot würde die gesamte Familie um viel Spaß bringen. Unser ­Henri scheint übrigens ein echter Klugscheißer zu sein: Einem Hai wachsen ständig neue Zähne? Stimmt nicht, schüttelt das Kind den Kopf. Die fallen einfach aus. Hat Henri gesagt. Aha.

Kinder kommunizieren durch Fantasiefreund

Sollten Eltern lieber ­mitspielen oder den Freund ignorieren? "Heitere Akzeptanz ist der richtige Weg", sagt Rauh. "Wenn Ihr Kind zu ­Ihnen kommt, spielen Sie mit!" Marjorie Taylor rät zum genauen Zuhören. Denn manche ­­Kinder nutzen ihre Gefährten auch zur Kommunikation. Sie lassen die unsichtbaren Freunde andere Positionen vertreten oder mal den Sündenbock spielen. Eltern, die genau hinhören, wissen deshalb schnell, dass ihr Kind Angst vor dem Arzt hat, wenn dessen unsichtbarer Freund auf keinen Fall dorthin will.

Letztens ist Henri gestorben, er war schon uralt, schon 14 Jahre. Zum Glück ist er aber eine halbe Stunde später wieder auferstanden. Jetzt droht uns jedoch neues Ungemach. Henris Freunde sind aufgetaucht – die vier Olafs.


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