Früher war ja bekanntlich alles besser. Die Kinder hatten bessere Manieren, gehorchten besser, fügten sich besser ein. Die Kleinen heute dagegen: ein Heer an Mini-Egoisten, eine Phalanx verwöhnter Prinzessinnen und Prinzen mit Alleinherrscheranspruch, die geplagten Eltern auf der Nase herumtanzen. Steht in diversen Zeitschriften und Zeitungen, hört man als Vater oder Mutter ständig und ungefragt, wenn man etwa mit einem bockigen Dreijährigen im Supermarkt ansteht. Man kann es eigentlich nicht mehr hören!
Nur leider kommt die Beobachtung nicht nur von sentimentalen und besserwisserischen Oldies. Sie kommt auch von Kinderpsychologen und Familientherapeuten, beispielsweise von Jürgen Plass, Diplom-Psychologe und Leiter der Erziehungsberatungsstelle in Fulda. „In unseren Sprechstunden gibt es immer mehr verzweifelte Eltern, die sich an uns wenden, weil ihre Kinder keine Grenzen kennen, zu viel fordern, zu wenig auf die Bedürfnisse anderer eingehen“, sagt der erfahrene Therapeut. Er weiß aber auch: „Kinder, die zu viel Macht haben und zu wenige Grenzen kennen, sind unglücklich.“
Ins gleiche Horn bläst Dr. Michael Winterhoff, Autor und Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie aus Bonn. Zunehmend, klagt der Experte, kämen in seine Praxis „Kinder und Jugendliche mit vielfältigen Störungen“. Viele steckten in „einer frühkindlichen Phase fest und haben Schwierigkeiten, sich im Alltag zurechtzufinden, der das Anerkennen von Grenzen fordert“. Was ist da passiert?
Kindlicher Egoismus, Experten nennen ihn Egozentrismus, ist zunächst ein überlebenswichtiger Mechanismus in der Entwicklung des Menschen. Ein Baby braucht Nähe und Wärme, Nahrung und Pflege. Sonst hätte es, weil es im Vergleich mit vielen Tieren relativ unfertig zur Welt kommt, keine Chance zu überleben. Also wird es liebevoll gefüttert, getragen und beruhigt. Und fühlt idealerweise in den ersten Lebensmonaten: „Alles um mich herum ist für mich da“, erklärt Experte Plass.
Nur: So bleibt es nicht. Irgendwann müssen die Kleinen begreifen: Sie befinden sich in einem sozialen Umfeld, sie müssen sich ihm, zumindest gelegentlich, anpassen. Wer hat darauf schon Lust? Kein Wunder also, dass die Kleinen im Alter ab etwa zwei Jahren deshalb unter Wutanfällen leiden und sich mit Händen und Füßen weigern, den Wünschen ihrer Eltern nachzukommen. So testen sie aus: Wo sind meine Grenzen? Sie erfahren aber auch: Nicht nur ich, auch andere haben Bedürfnisse. Für die Eltern beginnt jetzt ein Eiertanz. Wie sehr sollen sie ihr Kleines in seiner egozentrischen Weltsicht begrenzen? Wie sehr sollen sie es zum Sozialsein drängen?
Fest steht: Kinder müssen lernen, sich in Menschen hineinzuversetzen, die Wünsche anderer zu respektieren. „Wenn die Kleinen soziale Regeln nicht lernen, können sie später schlechter Beziehungen eingehen, ecken häufiger an, halten Anforderungen im Leben nicht durch“, warnt Plass. Das soziale Lernen läuft dabei oft zwischen den Zeilen ab: im Sandkasten, wenn es Streit gibt, weil einer dem anderen ein Förmchen entwindet. Auf dem Arm von Mama, die nicht möchte, dass man ständig an ihren Haaren zieht. Im Supermarkt, wenn es darum geht, ein paar Gummibärchen zu ergattern. In solchen Momenten können die Kleinen ihre Grenzen erfahren. Plass plädiert deshalb häufiger „für ein entwicklungsförderndes Nein“.
Dass Eltern damit Schwierigkeiten haben, ist für Plass kein Wunder: „In einer globalisierten Welt möchten sie ihren Kindern optimale Chancen bieten.“ Viele Eltern fürchten, durch Verbote das Selbstbewusstsein ihrer Kinder zu begrenzen. Ohne Grund: Die Kleinen, so Plass, würden viel eher davon profitieren, wenn sich ihre Eltern „häufiger mit ihnen auseinandersetzen“. Wie das geht? Am besten, indem sich Eltern selbst ab und zu eine kleine Portion Egoismus gönnen und sich und ihren Kindern sagen: „Nein. Das geht nicht. Jetzt bin ich dran!“
Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie;
26.07.2011
Bildnachweis: Fotolia/lunamarina
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