Ist Babysprache sinnvoll oder schädlich?

Wie lernen Babys sprechen? Wichtig sind Mama und Papa, die ihren Worten mit Mimik und Gestik einen Sinn geben. Und später allgemeingültige Begriffe verwenden
von Beatrice Sobeck, aktualisiert am 16.06.2017

Nah dran: So sieht das Baby das Lachen am besten – und lacht zurück

Getty Images/Cultura RF

"Schau, da ist der Ball." "Der Balli ist rund." "Zu dir rollt der Balli." Stellen Sie sich diese Sätze vor, gesprochen in einem zuckersüßen Singsang mit hoher Stimme. Mama oder Papa ­grinst dabei breit, macht die ­Augen ganz groß und nickt dem Baby immer wieder aufmunternd zu, während sie oder er spricht. Und das Baby? Es schaut aufgeweckt abwechselnd zu Mama oder Papa und zum Ball, lächelt wahrscheinlich zurück und "antwortet" mit Mundbewegungen.

Babysprache erfüllt Bedürfnisse von Säuglingen

Was aussieht und sich anhört wie albernes Dutzi Dutzi, ist genau die Art der Kommunikation, von der Babys profitieren. Das machen fast alle Eltern so – automatisch und überall auf der Welt auf die gleiche Art und Weise, stellten Entwicklungspsychologen in einigen Studien fest. "Und sie machen es genau richtig. Babys lernen Begriffe durch viele Wiederholungen und durch Beobachten", sagt ­Manuel Bohn, Kommunikationsexperte und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Vergleichende und Entwicklungspsychologie am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.


Manuel Bohn ist Entwicklungs­psychologe am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig

W&B/Privat

Die Bedeutung der Worte verstehen die Kleinen zwar noch ­lange nicht, aber sie hören genau zu, wie die Töne klingen und ­welche Stimmung wir mit unserer Stimme transportieren.

Bleiben wir bei dem Ball. Durch das Lächeln vermitteln wir, damit zu spielen macht Spaß. Und durch die Beschäftigung mit dem Ball lernt das Kind allmählich: Okay, alles, was so aussieht, nennt man Ball.

Aktives Erleben ermöglicht das Sprechenlernen

Diese Verknüpfungen gelingen dem Kind aber nur durch die aktive Beschäftigung. "Im Grunde ist es genauso, wenn man als Erwachsener eine Fremdsprache lernt", veranschaulicht Bohn den Prozess. "Ohne Bilder oder Situationen würden wir die Worte der Sprache nie verstehen. Sie dienen als Übersetzungshilfen, und die brauchen Kinder auch, um überhaupt sprechen zu lernen."

Mimik und Ges­tik vermitteln also hauptsächlich die Informationen, weniger die Sprache an sich. Lächeln, Stirn runzeln, grimmig gucken – all das dient dem Verständnis einer Situation. Mit dem Finger auf etwas zeigen, Dinge in die Hand nehmen und fühlen, vermittelt dem Baby, worum es gerade geht.

Und irgendwann kommt dieser ganz besondere Tag: Das ­Kleine zeigt mit seinem süßen knubbeligen Zeigefinger auf den bunten Stoffball und sagt "baba". Ein Meilenstein in der Entwicklung des Kindes, denn von jetzt an wird es immer mehr versuchen, sich selbst aktiv mitzuteilen. Gleichzeitig verfallen Eltern immer seltener in diesen typischen Baby-Singsang. "Für die Kommunikation bedeutet das: Für Eltern wird klarer, was und wie viel das Kind versteht. Nun geht es darum, den Wortschatz zu erweitern", so der Leipziger Kommunikationsexperte.

Babys senden Signale, die die Eltern lesen lernen

In gewisser Weise kommunizieren Babys schon von Geburt an mit ­ihren Eltern, sonst könnten sie womöglich nicht überleben. Durch glucksen, quietschen, weinen oder schreien und durch Körper­sprache teilt ein Säugling mit, was er gerade braucht. Mit etwas Übung hören Eltern dann bald ganz genau heraus, ob das Kleine Hunger hat, müde ist, spielen möchte, ­seine Ruhe haben will oder ob es vielleicht Angst hat.

"Diese Art der Kommunika­tion dient allerdings ausschließlich der Bedürfnisbefriedigung. Die Signale des Kindes sind passiv, sie richten sich nicht an eine ganz bestimmte Person", so Manuel Bohn. Eltern lesen das Verhalten ihres Kindes und handeln aufgrund ihrer Erfahrungen. Bei einem Baby ist das natürlich relativ leicht, da seine Bedürfnisse in den meisten Fällen auf Füttern, Wickeln, Schlafen und Spielen begrenzt sind.
Eltern erraten oder erfühlen mit der Zeit, was das Baby gerade braucht. Je besser sie aufeinander abgestimmt sind, desto höher ist die Trefferquote.

Geheime Familiensprache okay?

"Die Sprache, egal welche, ist ein allgemeingültiger Code, den ­alle verstehen, die die gleiche Sprache sprechen. Nur so können wir uns zielgerichtet und aktiv mitteilen", erklärt der Leipziger Entwicklungspsychologe. Wie einzigartig Sprache sein kann, stellen Eltern oft untereinander fest. Denn in vielen Familien gibt es einen eigenen Code. Meist sind es Worte, die kleine Sprachanfänger kreieren und ihre Eltern einfach mitbenutzen, weil es ja auch irgendwie süß ist, wenn der Zwerg "Naninani" sagt und die Banane meint.

Aber ist das okay, wenn ­Mama und Papa auch diese Wortkreationen verwenden? "Am Anfang kann das hilfreich sein. Das Kind weiß gleich, was gemeint ist, der Austausch ist unkompliziert. Innerhalb der Kernfamilie, in der  ­alle die Wortspielereien verstehen, wird das auch kein Problem sein", so der Kommunikations­experte.

Schwieriger werde es, wenn sich der Umgang des Kindes erweitert. Im Kindergarten würde das Kind wahrscheinlich schwer verstanden werden, denn die anderen Kinder und die Erzieherinnen kennen womöglich die Wortkreationen nicht. Die Folge: Ein Austausch wäre unmöglich, das Kind wäre sehr schnell frustriert. Daher ist es gut, wenn Eltern zwar mit den Fantasieworten spielen, aber die allgemeingültigen Bezeichnungen gleichzeitig mitbenennen, damit es später gar nicht erst zu Missverständnissen kommt.

Wenn "nicht" nichts bringt

Wie es ist, wenn man etwas sagt, und es kommt beim Kind nicht an, erleben Eltern täglich, gefühlt andauernd. Wie oft kommen Ihnen Sätze über die Lippen, die so lauten: "Nicht die Schublade aufmachen." "Nein, die Vase darfst du auch nicht anfassen." Öfter? Streichen Sie "nicht" aus Ihrem Wortschatz – zumindest so lange, bis Ihr Kind zwei ist. "Verneinungen verstehen Kinder frühestens ab zwei Jahren", so Manuel Bohn. Das Wörtchen "nicht" übernimmt in einem Satzgefüge die Funktion, den Inhalt ins Gegenteil zu verkehren. "Das zu verstehen, setzt aber eine gewisse Logik voraus, die sich im Denken eines Kindes erst entwickeln muss", erklärt der Experte.



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