Immer nur zur Mama – ist das normal?

Es gibt Phasen, da wollen die lieben Kleinen nur einen Menschen: ihre Mama. Ob Baby oder größeres Kind – Papa ist dann einfach nicht angesagt. Geht das auch anders?
von Annett Zündorf, 09.06.2016

Mama bevorzugt? Das kann anstrengend sein – und die Beziehung belasten

Westend61 GmbH/Rainer Berg

Das erste Jahr mit dem Baby wird toll: Mama kümmert sich tagsüber. Abends kommt Papa nach Hause, nimmt das Söhnchen oder Töchterlein auf den Arm, kitzelt es, schäkert mit ihm, wickelt es und summt später am Bett ein Schlaflied. So ungefähr stellen sich frischgebackene Eltern das vor. Groß ist die Enttäuschung, wenn eines Tages das ­Baby nicht zum Papa will. Es schreit, lässt sich nicht beruhigen und ins Bett bringen. Nur Mama und niemand sonst darf es trösten.

Fixiert auf den betreuuenden Elternteil

Vorab: Das ist eine völlig ­normale Entwicklungsphase im Leben eines Babys. Fast alle bevorzugen irgendwann einen Elternteil. Heidrun Beese, die beim AWO-Kreisverband Magdeburg die ­Elternschule betreut, erklärt: "Kinder ­­wollen den Elternteil, der sich um sie kümmert. Das ist oft die Mutter, muss es aber nicht unbedingt sein." In einigen Kulturen gibt es diese Fixierung auf die Mutter nämlich nicht.

Anna Dintsioudi ist Entwickungspsychologin beim Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück

W&B/Privat

Gelassen bleiben und Kind ernst nehmen

Anna ­Dintsioudi, ­Entwicklungspsychologin vom Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung in Osnabrück, ergänzt: "Be­treuen ­normalerweise Großeltern, Geschwis­ter, ­­Onkel oder Tanten das Baby, verlangt es nicht ausschließlich nach der Mutter." In Deutschland verbringt aber die Mutter die meiste Zeit mit dem Kind, ­gerade im ers­ten Jahr. Kommt dann die ­Phase, in der das Baby besonders stark auf sie fixiert ist, heißt es gelassen bleiben und dem Kleinen liebevoll begegnen. Auf keinen Fall sollten Eltern etwas erzwingen. "Sonst produzieren Sie nur eine Gegen­reaktion", sagt Anna Dintsioudi. "Nehmen Sie die Angst des Kindes ernst!"

Heidrun Beese leitet die Elternschule beim Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt in Magdeburg

W&B/Privat

Bindung auch zur anderen Bezugsperson stärken

Und ein klein wenig können Mütter auch vorbeugen. Heidrun ­Beese erklärt: "Gerade wenn ein ­Baby sehr klein ist, lassen manche Mütter niemanden zwischen sich und ihr Kind. Dann ist der Vater schnell außen vor." Verbringt er von Anfang an regel­mäßig Solo-­Zeit mit dem ­Baby, wächst die Bindung zwischen den beiden. "Fällt es ­einer Mutter schwer, das ­Baby loszulassen, hilft es manchmal, wenn die Heb­amme dem Vater zeigt, wie alles geht", so Beese. Mit älteren Babys können Papas zudem gemeinsame Kurse besuchen, zum Beispiel PekiP oder Baby­schwimmen.

Phasen können bis zur Pubertät auftreten

Die meisten Kinder ­entwachsen der ersten Nur-die-Mama-­Phase mit etwa einem Jahr. Aber schon kurze Zeit später, wenn die Kleinen losziehen und die Welt ­erobern, kommt sie oft wieder. "Besonders häufig sehen wir eine solche Fixierung bis zum vierten Lebensjahr. Aber bis zur Pubertät können immer wieder Mama- oder Papa-Phasen auftreten", sagt Beese. Nach einer Trennung, einer Mutter- oder Vater-Kind-Kur oder einem Urlaub mit einem Elternteil, wenden sich Kinder dem zu, der ihr Bedürfnis nach Wärme und ­­Sicherheit in erster Linie erfüllt.

Paar sollte sorgsam mit Situation umgehen

Will das Kind immer nur ­Mama, weil sie so schön tröstet, oder Papa, weil er so toll spielt, steigt das Potenzial für Stress zwischen den Eltern. "Paare müssen einen gemeinsamen Weg finden, mit dieser Situation umzugehen", sagt Heidrun Beese. Kontraproduktiv wirken Sprüche wie "Ich mach das schon, er will ja eh nicht zu dir". Das verletzt unnötig – und löst das Problem nicht. Besser: sich zunächst gemeinsam kümmern, also sich zum Beispiel zusammen zum Spielen mit dem Sprössling auf den Boden setzen. Ist das Kind entspannt, kann sich die Mutter langsam zurückziehen, um dem Vater Zeit mit dem Nachwuchs zu geben und für sich eine kurze Auszeit zu nehmen.

Vorliebe kann sich schnell umkehren

Und irgendwann passiert auch das: Gerade bei älteren Kindern ist Mama manchmal out. Sie kümmert sich zwar immer noch genauso, aber sie spielt eben nicht so schön wie Papa. Der kommt nach Hause und baut Burgen, albert herum, geht noch eine ­Runde kicken und macht Kissenschlachten. ­­Action statt Kuscheln ist gefragt. Und Mama ist zudem oft noch mit Kochen, Putzen, ­Organisieren beschäftigt.

Auch wenn Eltern ­eigentlich gleichberechtigt sind, zeigt Beeses Erfahrung, dass in Familien mit kleinen Kindern die Rollen häufig sehr klassisch aufgeteilt werden. Die Beraterin warnt: "Bleiben Sie im Gespräch und reden Sie über Ihre Gefühle. Eifersucht darf zwischen Eltern nicht entstehen. Eltern sein hat nichts mit Konkurrenzkampf zu tun." Sie rät, öfter mal die Rollen zu tauschen – Papa putzt, während Mama spielt. Oder die ganze Familie kocht gemeinsam. Das gilt zwar nicht für Babys, aber schon Zweijährige können Quark rühren oder mit Hilfe etwas schneiden. Wenn die ganze Familie öfter etwas zusammen unternimmt oder einfach nur kuschelt und Bücher liest, sind schnell auch wieder Mama und Papa gleich beliebt.

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