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Fremdsprachen: Ab welchem Alter fördern?

Ob Early-English oder zweisprachiger Kindergarten – schon für Babys gibt es Fremdsprachen-Angebote. Sind sie sinnvoll?


Sprachen lernen: Je früher, desto besser? Stimmt nicht unbedingt

Babys auf bunten Decken, stolze Eltern und eine singende Erzieherin, die statt „Alle meine Entlein“ lieber „Old McDonald had a farm“ trällert. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Krabbelgruppe als Frühförder-Treff: Englisch-Unterricht für unter Einjährige. Die kleinen Krabbler bekommen in der Gruppe Lieder und Sprüchlein in der Weltsprache zu hören.


Wenige Stunden bringen nichts

Wie sinnvoll ist das? „Baby-Englisch bringt eigentlich nichts, wenn die Kinder einmal in der Woche ein paar Gedichte hören“, sagt Professorin Dr. Tanja ­­Anstatt, Sprachwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum. Die Kurse werben mit dem Motto „Je früher, desto besser“. Doch ganz so einfach ist es nicht.



Prof. Dr. phil. Tanja Anstatt ist Sprachwissenschaftlerin an der Ruhr-Universität Bochum

Die wenigen Stunden in der Woche reichen nicht aus, die Strukturen im Babygehirn zu aktivieren, die es für das Lernen der Fremdsprache benötigt. Also geht auch spätes Englisch? „Heutzutage gilt die Idee vom kritischen Zeitfenster nicht mehr, nach der Kinder nur bis zu einem bestimmten Alter eine Fremdsprache besonders leicht lernen können“, so Dr. Daniela Elsner, Professorin für Sprachlehrforschung und Didaktik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Sie und auch ihre ­Kollegin Anstatt sagen, dass es den einen perfekten Zeitpunkt für den Start in ein zweisprachiges, ­also bilinguales Leben nicht gibt.



Prof. Dr. phil. Daniela Elsner ist Professorin für Sprachlehrforschung und Didaktik an der Goethe-Universität Frankfurt/Main

Den perfekten Zeitpunkt gibt es nicht

Ob und wie ein Kind ­eine Sprache lernen soll, hängt zum Beispiel auch vom Bildungsangebot im Umfeld ab. „Ein Kindergarten mit Muttersprachlern als Erzieherinnen kann schon für Kinder ab zwei Jahren sinnvoll sein, weil die Kleinen dort wirklich viel von der neuen Sprache hören und sie auch sprechen“, sagt ­Elsner. Und zwar täglich und mit jemandem, der die Sprache korrekt beherrscht.

Verlässt ein Kind den bilingualen Kindergarten, sollte es in der Schule dort anknüpfen können, wo es aufgehört hat. Da es aber nur wenige Schulen mit einem entsprechenden Angebot in Deutschland gibt, können Eltern anders nachhelfen. „Vielleicht lässt sich an der Schule eine Arbeitsgruppe mit Gleichgesinnten gründen“, schlägt Elsner vor. Auch englischsprachige Kinderfilme helfen, die Sprache nicht zu vergessen.

Vor der Pubertät fällt Sprachenlernen leichter

Vorteil Kita: Jetzt lernen Kinder noch unbewusst, zum Beispiel, indem sie imitieren. „Deshalb lernen sie jetzt am besten die Aussprache“, sagt Elsner. Etwas später, etwa ab dem siebten, achten Lebensjahr, erschließen sie sich ­­eine Sprache auch bewusst über deren Regeln, also die Grammatik. „Bis zur Pubertät fällt Kindern das Sprachen-Lernen definitiv leichter als danach“, erklärt Anstatt. Dann nämlich sind bestimmte Gehirnstrukturen nicht mehr so flexibel. Einzig der Wortschatz lässt sich ein Leben lang problemlos erweitern.

„Wichtig ist, dass die Kinder kontinuierlich dranbleiben können“, betont Elsner. Wenn also schon das Baby Englisch lernen soll, dann kann es das eigentlich nur in einer zweisprachigen Familie. Dabei sei auch das kein Selbstläufer, betont Anstatt: „Wenn Kinder merken, dass sie auch mit einer Sprache auskommen, werden sie sich kaum noch bemühen, sich in der anderen Sprache auszudrücken.“ Konsequenz, viel Vorlesen und, wenn möglich, häufige Urlaube und Kontakte zur Familie im Ausland machen die Sprache weiterhin attraktiv.

Ideal: Vom Muttersprachler lernen

Wichtigste Voraussetzung, damit die bilinguale Erziehung klappt, ist Authentizität. Sprechen beide ­Eltern Deutsch, teilen sich aber zu Förderzwecken zweisprachig auf, werden sie kaum Erfolg haben. „Ers­tens merken Kinder schnell, dass es hier nur ums Lernen geht, und blocken ab. Und zweitens ist es um das Englisch der Erwachsenen nicht immer zum Besten bestellt“, erklärt ­Daniela Elsner.

Ein Au-pair, das mit dem Kind nur in der Fremdsprache kommuniziert, kann eine gute Alternative sein. „Man hat hier eine sehr authentische Situation“, so Anstatt. „Trotzdem ist es nicht leicht, weil ja gleichzeitig das Au-pair eine neue Sprache lernen möchte. Deshalb sollte es ­klare Regeln geben, wer mit wem wie spricht, damit nicht am Ende doch nur Deutsch gesprochen wird.“

In den vergangenen Jahren zeigten einige Studien, dass Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, generell langsamer sprechen lernten als ihre einsprachigen Altersgenossen. „Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas in der Entwicklung falsch läuft, sondern es ist völlig normal“, erklärt Anstatt. Auch Sätze im Sprachmix kommen in dieser Zeit häufig vor. Das Kind kann eben noch nicht immer zwischen den Sprachen unterscheiden. „Es lernt meist spätes­tens ab drei Jahren von alleine, die Sprachen auseinanderzuhalten, und weiß dann sehr genau, mit wem es wie reden kann“, beruhigt Forscherin Anstatt. Die Kleinen verbessern oder mit ihrem Nachwuchs üben müssen Eltern nicht.


Weiterführende Informationen

Der Verein für frühe Mehrsprachigkeit in Kindertageseinrichtungen und Schulen e.V. listet zahlreiche bilinguale Kindergärten für Deutschland auf. Auf der Vereins-Homepage www.fmks-online.de* sind entsprechende Einrichtungen, auch Schulen, nach Bundes­land sortiert. ­Außerdem gibt die Seite Tipps zur zweispra­chigen Erziehung.

 

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Bildnachweis: W&B/Privat, Banana Stock/RYF

Julia Jung / Baby und Familie; aktualisiert am 30.06.2014, erstellt am 10.07.2012
Bildnachweis: W&B/Privat, Banana Stock/RYF

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