Ergotherapie: Was bringt sie Kindern wirklich?

Die spielen doch bloß... Das ist ein häufiger Vorwurf, wenn Kinder zur Ergotherapie sollen. Doch hinter dem Bällewerfen und Malen steckt ein ausgeklügeltes Konzept

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 26.05.2015

Maßnahme in der Ergotherapie: Malen hilft Kindern, ihre Feinmotorik zu trainieren

Getty Images/Ralf Hettler/Vetta

Manchmal schaukeln die Kleinen beim Therapeuten vor sich hin. Oder sie üben Dinge, die alltäglich sind: Malen, Balancieren, Klettern. Ergotherapie sieht oft spielerisch aus. Doch sie ist ein wichtiger Baustein bei der Therapie vieler körperlicher und psychischer Erkrankungen im Kindesalter. Was genau steckt dahinter? Ein Gespräch mit Christine Donner vom Bundesverband für Ergotherapeuten in Deutschland:

Was bietet Ergotherapie?

Vereinfacht gesagt dient Ergotherapie dazu, eine durch Krankheit, Verletzung oder Behinderung verloren gegangene oder nicht vorhandene Handlungsfähig­keit im Alltag zu ermöglichen. Dafür werden Bewegungsabläufe geschult, aber auch Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Ergotherapie verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz.

So kommen ­etwa Menschen mit angeborenen körperlichen wie geistigen Schädigungen oder mit neurologischen Störungen, etwa nach einem Unfall, besser zurecht. Gleiches gilt für Menschen mit Verhaltens- und Entwicklungsstörungen.


Wie nützt die Heilmethode Kindern?

Manche Kinder sind motorisch nicht alters­gemäß entwickelt. Oder sie leiden unter Verhaltensauffälligkeiten, haben ADHS oder zeigen seelische Störungen wie starke Ängste. Auch bei Behinderungen, etwa beim Down-Syndrom, kann man die Kinder mit Ergotherapie fördern. Das funktioniert durch einen Strauß an Maßnahmen, die individuell auf das Kind zu­geschnitten sind.

Das reicht von verhal­tenstherapeutischen Ansätzen über Kon­zentrationstrainings bis hin zur Sensorischen Integration (SI), einem ganz wichtigen Pfeiler der Ergotherapie. Mit ihrer Hilfe sollen Kinder lernen, sich ­besser wahrzunehmen, und alle Sinne trainieren. Dabei sitzen die Kinder zum Beispiel auf einer sogenannten ­SI-Schaukel, nutzen Rollbretter und schräge Ebenen, werfen Bälle oder malen.

"Die spielen ja bloß!" – so lautet ein häufiger Vorwurf. Was erwidern Sie darauf?

Oft wirkt das, was die Kinder machen, tatsächlich spielerisch und leicht. Aber dahinter stecken ausgeklügelte Konzepte. Im Spiel erfährt das Kind seinen Körper, der Therapeut setzt bewusst bestimmte Impulse.

Auf der schiefen Ebene etwa kann ein Kind seinen Gleichgewichtssinn trainieren. Beim Malen geht es unter anderem um die Verbesserung der Feinmotorik. Was ein Kind braucht, bestimmt der Therapeut zu Therapiebeginn, je nach Diagnose und Entwicklungsstand.

Wird Ergotherapie zu oft verordnet?

Sicherlich nicht zu oft – aber manchmal an der falschen Stelle. Das Hauptproblem bildet dabei das ärztlich begrenzte ­Budget für Heilmittelbehandlungen, worunter auch die Ergotherapie fällt. Kinder mit Down-Syndrom etwa profitieren von regelmäßiger Ergotherapie enorm.

Aber es bedarf dafür vieler Verordnungen, die oft das ärztliche Kassenbudget sprengen. Verordnet der Arzt hingegen für viele Kinder mit kleinerem Handicap Ergotherapie, ist dem Kind meist mit ein paar Stunden geholfen.

Brauchen Kinder heute zum Schuhebinden wirklich einen Therapeuten?

Ich glaube nicht, dass der Nachwuchs ­heute grundsätzlich motorisch ungeschickter ist als früher. Vielmehr ist der Anspruch gestiegen, und zeitgleich stellt das Leben heute an den Körper ­andere Anforderungen. Heute reicht es nicht, dass Kinder sich gut entwickeln, sie müssen hundertprozentig funktionieren.

Wann zahlt die Kasse Ergotherapie?

Wenn der Arzt die Therapie für Kinder verschreibt, übernehmen die gesetzlichen Kassen die Kosten. Was viele nicht wissen: Ergotherapie muss nicht ­immer in der Praxis stattfinden, der Therapeut kommt, wenn nötig, auch nach Hause oder in die Kita. Wich­tig ist, der Therapeut sollte auf Kinder spezialisiert sein. Bei der Suche nach dem richtigen Ergotherapeuten hilft der Bundesverband.



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