Eltern-Kind-Bindung: Warum sie so wichtig ist

Das Thema fasziniert Mütter und Väter genauso wie die Forschung: Wie funktioniert die Bindung zwischen Eltern und Kind? Klar ist, dass sie starken Einfluss auf die Entwicklung des Nachwuchses hat

von Anne-Bärbel Köhle, aktualisiert am 11.02.2016

Viel Zuwendung und feste Bezugspersonen geben dem Kleinen Urvertrauen

Thinkstock/iStockphoto

Wenn der Göttinger Hirnforscher Professor Dr. ­Gerald Hüther über die Bindung von ­Eltern zu ihren Kindern spricht, gerät er ins Schwärmen. Liebevolle Begegnungen innerhalb der Familie seien "die Wurzeln, mit denen sich Kinder fest im Erdreich verankern und ihre Nährstoffe aufnehmen", schreibt er in seinem Buch. Kein Wunder: Dem harmonischen Zusammenspiel in der Familie kommt in Bezug aufs Lebensglück eine entscheidende Rolle zu.


"In der frühen Kindheit, bis zum Alter von drei Jahren, geht es in der kindlichen Entwicklung vor allem um die primäre Bindung", erklärt der Ravensburger Entwicklungsexperte Dr. Herbert Renz-Polster. Und dabei passiert Erstaunliches, wie die Hirnforschung beobachtet hat. Erfahren die Kleinen nämlich von Anfang an, dass die Welt um sie herum sicher und freundlich ist und dass ihre Eltern sich ausreichend und feinfühlig um sie kümmern, setzen sie auf ihrer Reise ins Erwachsenenalter wichtige Segel:


Sichere Bindung unterstützt die Entwicklung

1. Sie merken, sie werden wahrgenommen. Empathische­ Eltern antworten auf die Signale, die das Baby ausssendet, reagieren auf Weinen, wissen, wann es gestreichelt oder gefüttert werden­ möchte.­ In diesem geschützten Seelenraum entwickeln sie Lust aufs Lernen. Und sie sind …

2. später in der Lage, ihre Entwicklung selbst zu organisieren, sich in der Gruppe, also mit anderen Kindern, die Welt zu er­schließen und als Erwachsene glückliche und tragfähige Beziehungen einzugehen.

Liebe der Eltern macht schlau

Dass ausgerechnet ein Hirn­forscher wie Hüther die Liebe preist, hat einen guten Grund: Die emotionale Umgebung, in die ein ­Baby hineingeboren wird, hat gro­ßen Einfluss darauf, wie sich das Nervensystem des kleinen Menschen entwickelt. Geraten die Kleinen früh unter Druck, etwa weil es ihnen an Zuwendung fehlt, schüttet der Körper vermehrt Stress­hormone aus – und das wirkt sich auf die Gehirnentwicklung aus. "Intelligenz", sagt Pschologe John Medina, "entwickelt sich vor allem in den Armen liebevoller Menschen." Was passiert, wenn Eltern und Kinder dieses ­feste Band nicht knüpfen, zeigte ­­eine Längsschnittuntersuchung an Heimkindern. Lebten diese länger als 18 Monate ­ohne feste Bezugsperson, lernten sie noch zehn ­Jahre später schlechter und waren sozial auffälliger.

Liebe macht also gesund, ­sozial, stressresistent und schlau. Mit einem Wort: glücklich. Und das liegt, zumindest in den ersten Jahren, an den Großen. "Erfreulicher­weise machen die meisten Eltern im Umgang mit ihren Babys in­s­­­tinktiv alles richtig", sagt Diplom-Pädagogin und Kinder- und Jugendpsychologin Gabriele Pohl. Für sie wirkt eine feste Bindung als Glücksfaktor innerhalb der Familie­ aber noch viel länger fort als die ersten Lebensjahre. Und da ­beginnt manchmal das Problem.

Erziehung soll Eltern Spaß machen

Kinder brauchen Eltern, denen Erziehung Spaß macht. Der aber scheint den Großen ab und zu ein bisschen abhandengekommen zu sein. "Viele Eltern haben heute unglaubliche Angst davor, in der Erziehung etwas falsch zu machen", ist die Erfahrung von Psychologin Pohl. "Weil sie das Beste für ihre Kinder wollen, dauernd den Eindruck haben, sie müssten sie fördern, traut sich keiner mehr, einfach mal das Leben gemütlich laufen zu lassen. Alles muss immer pädagogisch sinnvoll sein. Und in viele Familien ist leider ein ziemlicher Meckerton eingezogen."

Schade eigentlich. Denn eine Sache haben alle glücklichen Familien gemein: Sie lassen ab und zu einfach mal die Zügel locker. Ein halbes Stündchen nach der ­Arbeit erst mal kuscheln, Insider-Witzchen reißen, die nur der eingeweihte Kreis der Familie versteht, einen Sonntag im Bett verbummeln: "Solche Traditionen sorgen für einen unglaublich festen Zusammenhalt – der dann übrigens auch standhält, wenn Kinder in die Pubertät kommen", sagt die Expertin.


Das stärkt die Bindung und macht glücklich:

  • Altruistisch handeln: Etwas­ selbstlos für andere tun macht nachweislich sogar noch glücklicher,­ als wenn man selbst ­etwas geschenkt bekommt.


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  • Dankbar sein: "Diese grundsätzliche Lebenseinstellung ruft langfristig Glücksempfindungen hervor", sagt der US-Forscher John Medina. Er empfiehlt: immer mal wieder eine Liste erstellen mit Dingen, für die man dankbar ist. Auch aufschreiben, was man an den Kindern mag – damit nicht immer nur das Nervige hängen bleibt.


    2/5

  • Vergeben: Wer dazu in der ­Lage ist, anderen zu verzeihen, lebt nachweislich fröhlicher. Wer sich entschuldigen kann, auch!


    3/5

  • Empathie entwickeln: Wenn jemand starke Emotionen zeigt, sollte man ihn nicht negativ bewerten – sondern ihm empathisch begegnen. Zum Beispiel so: "Ich merke, du siehst gerade ziemlich sauer aus. Hängt es vielleicht damit zusammen, dass es heute in der Schule nicht gut gelaufen ist?"


    4/5

  • Glückssätze sagen: Das Gefühl, geliebt zu werden und nicht ­allein zu sein, macht glücklich und stark. "Wir lieben dich, so wie du bist", ist so ein Glückssatz. Oder: "Wir sind immer für dich da, egal was passiert."


    5/5


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