Einzelkinder: Haben sie Nachteile?

Hartnäckig hält sich das Bild vom egoistischen, verwöhnten Einzelkind. Ob das überhaupt stimmt und was Eltern tun können, wenn im Alltag doch Geschwister fehlen

von Madlen Ottenschläger, aktualisiert am 27.02.2017

Allein mit Mama und Papa? Einzelkinder haben heute keine Nachteile mehr

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Vehement verteidigt der Zweijährige – nennen wir ihn Paul – seine Förmchen in der Sand­kiste. Seine Mutter beobachtet nachdenklich die Szene und fragt sich, ob es okay ist, dass ihr Sohn so ungern seine Spielsachen teilt – oder ob sich hier schon zeigt, dass er ein Einzelkind ist und keine Geschwister zum täglichen Sozialtraining hat. Kindern wie Paul haftet immer noch oft ein mieses Image an. Häufig gelten Einzelkinder als egoistisch und verhätschelt.

"Wissenschaftlich ist das absolut nicht haltbar", sagt Prof. Dr. Jürg Frick, Entwicklungspsychologe und Geschwisterexperte an der Pädagogischen Hochschule Zürich. Er erklärt, dass das schlechte Image vor mehr als über hundert Jahren entstand. Anders als heute waren Einzelkinder damals die Ausnahme, zudem oft unehelich, die Gesellschaft drängte sie ins Abseits.


Prof. Dr. Jürg Frick lehrt an der Pädagogischen Hochschule Zürich und gibt Kurse zu Geschwisterpsychologie

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Einzelkinder haben oft positive Seiten

Glücklicherweise sind ­diese Zeiten vorbei. Mittlerweile wächst in Deutschland jedes vierte Kind ohne Geschwister auf, ermittelte das Statistische Bundesamt. Manchmal ist es gewollt, manchmal hat es sich schlicht nicht anders ergeben. Das Spannende: Bereits seit den 1980er-Jahren belegen Stu­­dien, dass Kinder, die geschwis­terlos groß werden, meistens keine Egoisten sind. Im Gegenteil, Einzelkinder haben sehr positive Seiten: "Sie sind oft besonders freigiebig, weil sie zu Hause nicht zu kurz kommen. Und viele sind kommunikativ und sozial kompetent, weil sie auf andere zugehen müssen, ­etwa wenn sie mit Gleichaltrigen spielen wollen", erläutert Pädagoge­ Jürg Frick.


Holger Simonszent arbeitet als Kinder- und Jugendlichen-psychotherapeut in Gauting bei München

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Alles gut also? "Jede Familienkonstellation birgt Fallstricke", sagt Holger Simonszent. Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut arbeitet in eigener Praxis in Gauting bei München. Im Alltag seien das bei Einkindfamilien die Situationen, in denen Eltern merken: Es fehlt ein Geschwisterkind. Doch es gibt für Eltern gute Möglichkeiten, dies aufzufangen. Vier typische Konstellationen und ihre Lösungen:

 

Einzelkind-Szenario 1: Ich will ein Geschwisterchen!

Das Einzelkind sehnt sich nach einer Schwester oder einem Bruder. "Die Eltern haben ein schlechtes Gewissen. Sie glauben, dass ihr Kind einsam ist", erklärt Simonszent. Das kann, muss aber nicht der Grund sein.

Im Umfeld des Kindes – etwa bei Spielkameraden – wird ein ­Baby geboren. Vor allem kleine Kinder wollen dann schlicht wissen, was ihre Kumpels da erleben. Der Geschwisterwunsch ist ­also nicht auto­matisch "echt" – und kann sich auflösen, wenn Eltern mit dem Kind die Familie mit Baby besuchen und die Neugier gestillt wird.

Manchmal scheint es Eltern von Einzelkinder so, als äußerten diese­ den Wunsch indirekt, indem sie einen Bruder, eine Schwester erfinden. "Fantasiegeschwister haben eine­ Funktion", sagt der Psycho­loge Jürg Frick. Diese trauen sich oft mehr, sie sind frech zu den Eltern oder helfen als ­­Verbündete, wenn Verbote drohen. Mithilfe der Fantasiegestalt kann das Kind aus seiner Haut. Dass Kinder sich tatsächlich nach einer Schwester oder einem Bruder sehnen, bedeuten sie aber nicht unbedingt. Eltern tun deshalb gut daran, behutsam aufzudecken, was hinter der Sehnsucht steckt.

Doch was, wenn sich tatsächlich Einsamkeit hinter dem Wunsch nach einem Bruder oder einer Schwes­ter verbirgt? "Dann erkläre ich den Eltern, dass ein Geschwisterkind dieses Gefühl nicht automatisch auflöst", sagt Psychotherapeut Simonszent. Geschwisterexperte Frick ergänzt: "Nicht alle Geschwis­terkinder verstehen sich gut und spielen beispielsweise­ miteinander." Ignorieren sollten Eltern das Gefühl des Kindes trotzdem nicht. Ihre Aufgabe: dem Kern der Einsamkeit auf die Spur kommen. Wird das Kind vielleicht im Kindergarten ausgeschlossen? Langweilt es sich? Kinder brauchen Gleichaltrige, mit denen sie sich gut verstehen – das kann auf dem Spielplatz sein oder in einer Spielgruppe. "Rührt die Einsamkeit daher, würde ich die Frequenz dieser Treffen erhöhen", rät Frick.

Einzelkind-Szenario 2: Urlaub nur mit Erwachsenen?

Familienurlaub mit einem Kind. Das klingt nach Langeweile – zumindest für das Kind. Für viele Eltern scheint die Lösung naheliegend: Das Ziel und die Unternehmungen werden am Nachwuchs ausgerichtet: Kinderhotel, Zoo, Schwimmbad, Kletterpark, Indoorspielplatz. Hauptsache, das Kind hat Spaß?

"Ein Familienurlaub, der für ­alle erholsam ist, berücksichtigt auch die Interessen der Erwachsenen", sagt Simonszent. So verhindern ­Eltern auch, dass aus ihren Kindern verwöhnte Egoisten werden, denn sie lernen Kompromisse einzugehen: Am Ziel der Wanderung (Mamas Wunsch!) lockt etwa ein Bad im Bergsee. Auf die Mischung kommt es an. Wichtig­ ist, dass Kinder die Möglichkeit erhalten­, mit anderen Kindern zu spielen. So könnte etwa nach einem Ausflug in die Stadt ein Besuch auf dem Spielplatz folgen. Mit so viel Zeit, dass sich das Kind auf die anderen Sandkuchenbäcker einlassen kann. Übrigens: Hin und wieder ist Langeweile nicht per se schlecht. Reizüberflutung und beständiges Eventmanagement behindern Krea­tivität und Spiellust.

Einzelkind-Szenario 3: Mama, du musst mit mir spielen!

Gibt es keine Geschwister, springen zu Hause Mama und Papa als Spielpartner ein. Gut so oder laufen Eltern Gefahr, dass sich im Alltag zu viel ums Kind dreht?

Geschwisterexperte Frick beruhigt: "Mütter und Väter sind ­heute automatisch auch Spielpartner, egal ob sie ein Kind oder mehrere­ Kinder haben." Und das sei wundervoll, denn im Spiel wachsen ­Nähe und Geborgenheit, gleichzeitig fördert Spielen die Eltern-Kind-Kommunikation. Denn Kinder spielen nach, was sie beschäftigt, und Eltern können spielerisch nachhaken oder eigene Themen zur Sprache bringen.

Entscheidend ist aber auch das Maß: "Kinder brauchen für ­ihre soziale und kognitive Entwicklung gleichaltrige Spielgefährten­", ­erklärt Simonszent. ­­Genauso ­wichtig sei es allerdings, dass die Kleinen lernen, sich zeitweise ­­allein zu beschäftigen und kurze Phasen der Langeweile auszuhalten. Für Einkindeltern heißt das: Sie dürfen ruhig auch mal Nein sagen und das Kind zum Alleinspielen anleiten­. Das gelingt gut, wenn Eltern bewusst Zeit für sich selbst und die Partnerschaft einplanen. Toller­ Neben­effekt: Das Kind begreift, dass es nicht der Nabel der Welt ist.

Einzelkind-Szenario 4: Allein gegen die Eltern?

In jeder Familie gibt es auch mal Streit oder Konflikte. Die muss das Einzelkind ganz allein mit seinen Eltern ausfechten, es hat ­keine Verbündeten. Mit Enttäuschungen oder Kummer bleibt es allein zurück. Ist das denn in Ordnung?

"Dieses Gefühl können Geschwis­terkinder genauso erleben", sagt Experte Frick. Geschwister fah­ren nämlich nicht immer dieselbe Linie. Versprechen sie sich Vorteile, schlagen sie sich mitunter bewusst auf die Seite der Eltern, anstatt sich mit Bruder oder Schwester zu verbünden.

Eltern gegen Kind – diese Haltung müssen Einkindfamilien auch nicht automatisch einnehmen: "Mal halten Mama und Kind, mal Mama und Papa zusammen", so der Psychologe. Bilden die Eltern stets ein Bollwerk, laufe aber etwas schief. Ebenso übrigens wie in Mehrkindfamilien, in denen häufig Geschwis­ter­ fürs Trösten zuständig sind: "Das ist Aufgabe der Eltern", so Experte Frick.

"Den Kummer auch hin und wieder aus­zuhalten ist wichtig", sagt der Geschwisterexperte. Versuchen Eltern ihrem Kind jede Enttäuschung zu ersparen, erziehen sie lebensuntüchtige Menschen. "Ein Kind braucht keinen Verbündeten, um seinen Kummer zu teilen, sondern einen Menschen, der es liebevoll begleitet." Für Frick ist deshalb nicht die Bündnisfrage entscheidend, sondern wie Eltern Konflikte leben: "Wie wird kommuniziert? Wie versöhnt und getröstet?"

Gelingt das, schlagen Einkind­eltern übrigens zwei Fliegen mit ­einer Klappe: Ihr Kind lernt, dass es nicht allein ist mit seinem Kummer – auch ohne Verbündeten. Und es erfährt nebenbei, dass nicht nur ­seine Position zählt. ­­Keine Chance ­also für ein verwöhntes Einzelkind.



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