Diese erstaunlichen Reflexe haben Babys

Neugeborene können schon verblüffend fest zugreifen und zielgerichtet saugen. Forscher erklären die frühkindlichen Reflexe
von Barbara Weichs, aktualisiert am 18.04.2017

Saugen, greifen, die Zehen spreizen – all das können Babys kurz nach der Geburt

Getty Images/Tom De Bruyne/E+, SPL/Ian Hooton, W&B/Judith Haeusler

Legt man ein gesundes neugeborenes Baby auf den Bauch seiner Mutter, verblüfft einen ­seine Zielstrebigkeit. Das Kleine bewegt sich Richtung Brust, saugt daran und trinkt Milch, ohne sich zu verschlucken. Ganz so, als ­hätte es noch nie etwas anderes gemacht und wüsste, dass satt werden genau so funk­tioniert. "In unserer biologischen Ausstattung sind archaische Schutzmechanismen enthalten, die dem hilflosen Kind ein Minimum zum Überleben bieten", sagt Dr. Hans Mayer, Neuropsychologe am Epilepsiezentrum Kork in Kehl.


Frühkindliche Reflexe: Für Babys überlebenswichtig

Diese erstaunlichen Verhaltensweisen und Reaktionen, die die Winzlinge zeigen, nennt man Reflexe. "Ein Reflex ist die motorische Antwort auf einen Reiz von außen. Sie läuft automatisch und unbewusst nach dem immer gleichen Schema ab", erklärt Dr. med. Annette Lingenauber, Kinder- und Jugendärztin aus Hamburg. Das heißt: Das Bewegungsmuster musste nicht gelernt werden, es verläuft unwillkürlich.

Viele der angeborenen Reflexe schützen das Neugeborene und ­sichern ihm Überleben und Gedeihen wie zum Beispiel der Such-, Saug- und Schluckreflex. Andere sind ein Überbleibsel aus längst vergangenen Zeiten, etwa der Greifreflex: Er diente früher dazu, dass sich ein Baby fest an die Mutter klammern konnte, wenn diese sich bewegte. Bei Schimpansen lässt sich das heute noch beobachten.


Die wichtigsten Reflexe

Suchreflex: Streichelt man die Wange eines Babys, dreht es seinen Kopf in die ­Richtung der Hand und öffnet womöglich den Mund. Die Berührung wirkt wie ein Signal: Die Nahrungs­quelle ist ganz in der Nähe. Nach etwa drei bis vier Monaten verliert sich der Reflex.

 

Saug- und Schluckreflex: Eine lebens­wichtige Reflexkombination! Denn sie sorgt ­dafür, dass das Neugeborene trinken kann. Sobald ­etwas ­seine Lippen berührt, beginnt es kräftig zu saugen. Das Schlucken stellt sicher, dass die Milch in die Speiseröhre kommt. Der Saugreflex wird nach und nach durch Nuckelbewegungen ­ersetzt, die das Baby selbst steuern kann. Der Schluckreflex bleibt ein Leben lang erhalten.

 

Greifreflex: Wer einen Finger in die Hand ­seines Babys legt, wird sofort fest von den kleinen Fingern umklammert. Berührt man ­seine Fußsohle, beugt das Kleine die Zehen und rollt seinen Fuß ein – ein Erbe aus alter Zeit, als sich ­Babys noch fest mit Händen und Füßen an ­ihre Mutter klammerten. Der Handgreif­reflex verschwindet um den vierten Monat ­herum, der Fußgreifreflex nach etwa elf Monaten.

 

Schreitreflex: Hält man das Neugeborene ­aufrecht unter den Achseln, sodass seine Fußsohlen ­eine Unterlage berühren, fängt es automatisch an zu trippeln. Mit etwa drei Monaten erlischt der Reflex.

 

Mororeflex: Diese auch Umklammerungs­reflex genannte Reaktion zeigt ein Baby, wenn es er­schrickt, zum Beispiel weil seine Eltern es ­ablegen. Es öffnet den Mund und streckt blitz­artig die Arme von sich, zieht sie dann langsam ­­wieder an und ballt die Fäuste. Zwischen dem ­dritten und vierten Monat verliert sich der Reflex.

 

Atemschutzreflex: Benetzt Wasser Mund und ­Nase, verschließen sich die Atemwege automatisch, Wasser kann nicht in die ­Lunge gelangen. Bei manchen Babys verschwindet ­dieser Reflex bereits mit wenigen Monaten.

 

Babinskireflex: Streicht man mit dem Finger seitlich an Babys äußerer Fußsohle entlang, spreizt es seine Zehen weit auseinander und die große Zehe nach oben. Gegen Ende des ­ersten ­Jahres verliert sich der Reflex – eine wichtige Voraus­setzung zum Laufenlernen.


Gezielte Bewegungen ersetzen Reflexe nach und nach

So sinnvoll Reflexe für den Beginn des Lebens sind, so schränken sie ein Baby in seinem Reaktions- und Bewegungsrepertoire auch ein. Reflexe, die nicht mehr unmittelbar einen Nutzen haben, entwickeln sich deshalb in den ers­ten Lebensmonaten vollständig zurück und verschwinden. Andere werden ersetzt durch differenziertere und bewusst gesteuerte Bewegungsmus­ter. Beispiel Greifen: "Legt man einem vier Wochen alten Baby einen Finger in die Hand, umklammert es diesen automatisch wie einen Schraubstock. Wieder loslassen kann es ihn jedoch nicht", erklärt Hans Mayer. Erst mit der Zeit lernt es, seine Finger willentlich zu bewegen und den Reflexmechanismus aufzubrechen. "Das Lösen vom ­Reflexhaften erlaubt uns, komplexere Verhaltensweisen zu entwickeln", sagt der Neuropsychologe.

Regelmäßige Kontrolle

Für Kinderärzte sind die frühkindlichen Reflexe daher ein wichtiger Gradmesser für die Reife eines Babys. In den Vorsorgeuntersuchungen während der ersten Lebensmonate überprüfen sie ­diese immer wieder. "Fehlende oder übersteigerte Reflexe sowie Reflexe, die sich nicht zurückgebildet haben, zeigen, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung ist", erklärt Annette Lingen­auber. Sie macht sich dann auf die Suche nach einer neurologischen Grund­­erkrankung. Hat ein Baby keinen Schluckreflex, deutet das auf eine sehr schwere Hirnschädigung hin. Bewegt ein Kind beim Moro­reflex seine Arme nicht seitengleich, könnte es bei der Geburt einen Schlüsselbeinbruch erlitten haben.

Damit eine Vorsorgeuntersuchung kein verfälschtes Ergebnis zeigt, sollten Eltern den Termin so wählen, dass ihr Baby auch fit ist. "Am besten wäre es, ich bekomme ein Kind zwischen zwei Mahlzeiten zu sehen. Außerdem sollte es nicht zu müde sein", sagt Annette Lingenauber.



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