Der richtige Vorname fürs Kind

Dem eigenen Baby einen beliebten Namen geben? Oder sich von der Masse abheben? Die Wahl des Vornamens für ihr Kind stellt Eltern vor Grundsatzfragen

von Daniela Frank, aktualisiert am 31.03.2016

Na, wie heißt du denn? Eltern haben bis einen Monat nach der Geburt ihres Kindes Zeit, sich für einen Vornamen zu entscheiden

Strandperle/Fancy

"Nomen est omen" besagt ein lateinisches Sprichwort, "Der Name ist ein Vorzeichen". Da ist was Wahres dran: Mit Namen verbinden wir meist bestimmte Eigenschaften. Dies wollen viele Eltern nutzen und ihrem Kind mit der Wahl eines entsprechenden Vornamens etwas mit auf den Weg geben. "Der Name Julia klingt für uns zum Beispiel weich und feminin, während Eltern, die ihre Tochter Ronja nennen, sich wahrscheinlich vorstellen, dass sie auf dem Spielplatz eher wild ist und vielleicht auch mal Lust hat zu raufen", sagt Professorin Bettina Hannover, Psychologin im Arbeitsbereich Schul- und Unterrichtsforschung an der Freien Universität Berlin. "Diese Erwartungshaltung beeinflusst die Entwicklung des Kindes."

Ansprüche herunterschrauben

Deshalb kann es auch heikel werden, wenn die Erwartungen der Eltern im Vornamen ihres Kindes besonders eindeutig zu erkennen sind. Dies kann zum Beispiel der Fall sein, wenn sie ihrem Kind den Namen eines Helden aus einem Buch oder Film geben – oder den eines Filmstars oder Fußballspielers. Dann besteht die Gefahr, dass das Kind diese Vorstellungen nicht erfüllen kann oder will. Bei dem 21-jährigen Model Chanel Iman liegt beispielsweise nahe, dass sich seine Eltern für ihr Kind eine Karriere in der Modebranche gewünscht haben. "Wenn Chanel klein und pummelig wäre oder aus anderen Gründen der Name nicht zu ihr passen würde, wäre ihr der Spott der Klassenkameraden sicher", sagt Hannover. Sie empfiehlt daher Zurückhaltung bei Namen mit so starken Assoziationen.


"Heute hängt die Wahl des Vornamens im Gegensatz zu früher meist vom Klang ab", sagt sie. Der noch vor einigen Jahrzehnten bei uns übliche Brauch, den Sohn nach dem Vater oder Großvater zu nennen, gehe mehr und mehr zurück. "Damals sollte eine Zugehörigkeit ausgedrückt werden, zum Beispiel zu einer Familie oder Religion", sagt Hannover. Heute ist die Vorstellung verbreitet, dass das Kind selbst herausfinden soll, wer es ist. Namen werden meist nach dem Klang ausgesucht: Enthalten sie viele Vokale, wie beispielsweise Luisa oder Louis, gelten sie als schön.

Namen mit Verfallsdatum

Sollten Eltern ihrem Kind also einfach auch einen der aktuell beliebtesten Namen geben, weil ihn die meisten Menschen schön finden? Gegen dieses Patentrezept spricht einiges: Zunächst können Eltern davon ausgehen, dass dann wahrscheinlich viele Kinder in Krippe oder Schulklasse genauso heißen wie ihr eigener Nachwuchs und zwangsweise Spitznamen bekommen. So wird das Kind vielleicht zeitlebens mit einem Namen oder einer Kurzform angesprochen, die seinen Eltern gar nicht gefällt.

Zudem hat eine Studie der Uni Chemnitz im Jahr 2007 herausgefunden, dass Modenamen meist wieder aus der Mode geraten: Wenn man einen Vornamen hört, stellt man sich eine Person mit einem bestimmten Alter vor. Davon hängt ab, als wie attraktiv man sich den Betroffenen ausmalt und dies bedingt wiederum, als wie intelligent er eingeschätzt wird. Bei aus der Mode geratenen Vornamen wie Petra und Olaf stellen sich die meisten somit ältere, eher unattraktive und wenig intelligente Menschen vor. Positive Eigenschaften werden beispielsweise Lauras und Leons zugeschrieben – also den Namen, die heute häufig junge Menschen tragen. Die Autoren der Studie empfehlen aber gerade deshalb, keine Modenamen zu wählen. Diese werden in einigen Jahrzehnten wahrscheinlich negativer besetzt sein als heute, weil sie dann längst "passé" sind und altbacken wirken. Bei zeitlosen Namen wie Alexander oder Anna ist diese Gefahr laut den Wissenschaftlern dagegen geringer.

Auch Lehrer haben Vorurteile

Ein schlechtes Image kann außerdem an einem Namen haften, wenn er hauptsächlich in eher bildungsfernen Schichten beliebt war oder ist. Eine Studie der Universität Oldenburg im Jahr 2009 hat herausgefunden, dass Namen wie Chantal, Mandy, Justin oder Kevin negativ besetzt sind. Die rund 2000 in der Studie befragten Grundschullehrer und -lehrerinnen stellten sich unter den genannten Namen leistungsschwache oder verhaltensauffällige Kinder vor. Mit Namen wie Sophie, Hannah, Lukas oder Maximilian assoziierten sie dagegen freundliche und intelligentere Kinder. "Wenn eine Lehrerin ein Kind für leistungsstark hält, wird sie es stärker fordern und ihm andere Aufgaben stellen, als einem Kind, dass sie für leistungsschwach hält", sagt Hannover. Dies könne Einfluss auf das Selbstbild und das Lernverhalten des Kindes haben.

Wegen der Gefahr für Spitznamen, der unterschiedlichen Moden und möglicher Vorurteile rät auch Bettina Hannover von allzu häufigen Namen ab. "Der gewählte Name sollte aber trotzdem eine gewisse Gebräuchlichkeit haben", sagt sie. Denn Menschen mit ungewöhnlichen Namen seien häufiger mit ihrem Namen unzufrieden als Menschen mit verbreiteteren Namen. Ein Beispiel: Wenn ein Mädchen neu in die Kindergartengruppe kommt und sagt, nachdem sich die anderen Kinder als Elisa, Jonas oder Paul vorgestellt haben, "Ich heiße Morlin", wird sie sicher irritierte Blicke ernten. Ist das jedes Mal der Fall, wenn das Mädchen beim Vorstellungsgespräch oder Kennenlernen neuer Leute eigentlich einen guten ersten Eindruck machen möchte, kann sie der Name langfristig belasten. "Auch Namen mit mehreren Schreibweisen können in solchen Situationen lästig sein", sagt Hannover. "So kann es passieren, dass sich jemand immer als ,Philipp mit einem L und Doppel-P' vorstellen muss."

Trotzdem ist sie dagegen, eine Faustregel für die Wahl eines Vornamens aufzustellen. "Es gibt vielfältige Einflüsse, warum wir einen bestimmten Namen schön finden", sagt sie. "Obwohl wir viel über diese Mechanismen wissen, kann der Einzelne oft gar nicht begründen, warum ihm ein Name besonders zusagt." Es mache keinen Sinn, Eltern einen Namen zu empfehlen, der ihnen gar nicht gefällt.

Nicht alles erlaubt

In Deutschland ist die Vergabe von Vornamen ohnehin strenger geregelt als in vielen anderen Ländern. Es gilt: Die Eltern müssen einen Namen wählen, der als Vorname gebräuchlich ist. Im Gegensatz zu den USA sind bei uns zum Beispiel Markennamen und Orte als Vornamen nicht erlaubt. So können Eltern ihr Kind beispielsweise nicht Nivea, Porsche oder Brooklyn nennen. Auch Namen von fiktiven Film- und Buchfiguren kommen nicht infrage, vor allem, wenn es Bösewichte sind. Klassische Beispiele kommen aus der Bibel: Satan ist als Name unzulässig, während Jesus aufgrund seiner häufigen Verwendung in Spanien und Südamerika mittlerweile erlaubt ist. Familiennamen oder Namen des anderen Geschlechts können nicht gewählt werden, außer, sie sind in einem anderen Land in dieser Verwendung üblich. Maria kann zum Beispiel aber auch für Jungen als zweiter Vorname gewählt werden. Bei geschlechtsneutralen Namen wie Kim muss der Zweitname das Geschlecht eindeutig anzeigen. Geläufige Abkürzungen wie Kathi kommen als Vornamen infrage, Koseformen wie Tinchen oder Kosenamen wie Mäuschen jedoch nicht. Wer einen außergewöhnlichen Vornamen eintragen lassen möchte, muss als Nachweis häufig ein Zertifikat der Gesellschaft der Deutschen Sprache beim zuständigen Standesamt vorlegen. Entscheidend dafür, ob das Standesamt den Namen akzeptiert, ist, dass er die Persönlichkeitsrechte des Kindes nicht verletzt. Im Zweifelsfall entscheidet das Gericht.


Tipps zur Wahl des Vornamens

Welchen Vornamen haben Sie für Ihr Kind gewählt und warum? Welche Namen befinden sich in Ihrer persönlichen Hitliste? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion, um zu diskutieren und sich Tipps von anderen Eltern zu holen. Als Anregung hier die Top-Ten-Liste des vergangenen Jahres:

Die beliebtesten Vornamen 2015

Jungen Mädchen
 1. Maximilian
 2. Alexander
 3. Elias
 4. Paul
 5. Leon/Léon
 6. Louis/Luis
 7. Ben
 8. Luca/Luka
 9. Noah/Noa
10. Jonas
 1. Sophie/Sofie
 2. Marie
 3. Sophia/Sofia
 4. Maria
 5. Mia
 6. Emma
 7. Hannah/Hanna
 8. Emilia
 9. Anna
10. Johanna


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