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Das große Krabbeln

Mit ungefähr zehn Monaten ist es soweit: Nach dem Robben kommt bei den meisten Kindern das Krabbeln. Und damit der nächste große Schritt in Babys mobiler Entwicklung


Jetzt muss die Wohnung sicher sein: Krabbeln ist der erste große Schritt in die Mobilität des Kindes

Konnte man sein Kind gerade noch im Garten auf eine beschattete Decke legen und daneben gemütlich einen Kaffee trinken, ist es mit Beginn des Krabbelalters dann endgültig vorbei mit einem entspannten Babysitting. Wenn die Kleinen den Krabbel-Dreh erst einmal raus haben, sind sie kaum zu stoppen.

Ab wann wird gekrabbelt?

Wie bei so vielen Entwicklungsschritten gibt es auch hier kein wirklich fixes Regelalter. Normalerweise sagt man, dass Kinder zwischen dem sechsten und dem zehnten Monat mit dem Krabbeln beginnen – nachdem die Muskeln in Armen, Beinen und Rücken stark genug geworden sind, um sich waagrecht auf allen Vieren zu halten. Hat das Kind dann irgendwann herausgefunden, dass es kräftemäßig die Schaukelbewegungen zwischen aufgestützten Armen und abgewinkelten Beinen hinbekommt, dauert es nicht mehr lange und die Kleinen beginnen richtig koordiniert zu krabbeln: gleichzeitig linker Arm, rechtes Bein vor und umgekehrt.


Was ist so wichtig am Krabbeln?

„Krabbeln ist quasi Laufen in der Horizontalen,“ sagt Dr. Arcan Demircioglu, Kinder- und Jugendarzt aus München. Das bodennahe Fortbewegen auf allen Vieren trainiert die Muskulatur der Kinder in Armen, Beinen sowie Rücken und schult sowohl die Balance als auch die Koordinationsfähigkeit. „Wenn Kinder geschickt krabbeln können, ist das die ideale Voraussetzung und Übung für die spätere Laufentwicklung,“ erklärt Demircioglu.  

Nicht nur, dass Krabbeln Babys erster Schritt in die aktive Mobilität ist, auch entwicklungspsychologisch ist das diagonale Bewegen der Arme und Beine ein ganz wichtiger Schritt in der grobmotorischen Entwicklung. Krabbeln ist entscheidend für die Grundmotorik, gibt Kraft und trainiert darüber hinaus auch das Gehirn. Denn die Kreuzkoordination der Arme und Beine mobilisiert gleichzeitig beide Gehirnhälften. Das abwechselnde Bewegungsspiel – linker Fuß sowie rechter Arm vor und andersrum –  trainiert schon früh den Einsatz der rechten und der linken Gehirnhälfte, welche das Kleine auch für zukünftige Fähigkeiten wie Lesen und Schreiben braucht.

Zusammen mit der mobilen Fähigkeit verbessert sich in diesem Alter auch die des Sehens. Der optische Radius vergrößert sich immer mehr und damit wächst natürlich auch die Neugier. Die Kleinen sind nun in der Lage, Gegenstände zu erkennen, die weiter entfernt sind. Dementsprechend müssen diese natürlich auch erforscht und erkrabbelt werden.

Psychisch löst Krabbeln im Kind demnach ebenfalls jede Menge aus: Die Gewissheit, sich fortbewegen zu können, bietet dem Baby einerseits eine nie da gewesene Freiheit und Eigenständigkeit, aber andererseits auch ein gewisses Unsicherheitspotenzial. Die kleinen Heranwachsenden haben auf einmal die Fähigkeit um Ecken zu krabbeln und damit aktiv aus dem Blickfeld der Mutter zu verschwinden. Das kann spannend sein, aber auch gewisse Ängste auslösen. Umso wichtiger ist es, dass Eltern ihrem Kind in diesen Erkundungsphasen immer die Sicherheit geben, dass sie noch da sind und dass es immer wieder zurück in den „sicheren Schoß“ kann.

Was tun, wenn das Kind nicht krabbelt?

Ähnlich wie beim Sprechen oder Gehen lernen, gilt auch hier: Jedes Kind ist anders und hat sein eigenes Tempo. Manche Kinder sind früher dran, andere (etwa Frühchen) etwas später. Das weiß auch Dr. Demircioglu. „Man muss die Entwicklung eines Kindes immer im Ganzen sehen. Krabbeln ist nur ein Teil davon.“ Das bedeutet: Wenn Sohn oder Töchterchen mit zehn Monaten noch nicht krabbeln kann, sich aber ansonsten ganz normal entwickelt, ist das kein Grund zur Beunruhigung.

Es gibt neben dem Krabbeln die unterschiedlichsten Arten und Strategien wie sich manche Kinder fortbewegen. Man findet die Robber, die Rückwärts-Kriecher oder die Po-Rutscher. „Es gibt auch die so genannten Roller“, erklärt Demircioglu. „Die errollen sich ihre Umwelt, anstatt sie zu erkrabbeln. Aber sie sind mobil und das ist das Wichtigste. Die ziehen sich irgendwann auch hoch und beginnen ganz normal zu laufen.“

Manche Kinder lassen sogar jegliches vierfüßige Fortbewegen komplett aus. Die ziehen sich schon sehr früh an allen möglichen Gegenständen oder Hosenbeinen hoch, überspringen das Krabbeln und legen gleich zweibeinig los. Das kann unter anderem daran liegen, dass solche Krabbel-Verweigerer diesen Bewegungsablauf nie bei Erwachsenen beobachtet haben. Das Kind will laufen – wie Papa und Mama und verzichtet dabei einfach auf das Krabbeln.

Entwarnung auch vom Kinderarzt: Es entstehen keine gesundheitliche Folgeschäden aus dem Nicht- oder Spät-Krabbeln. Sollte das Kind nach einem Toleranzzeitraum von etwa zwölf Monaten allerdings noch immer kein Interesse daran zeigen, sich auf irgendeine Art fortzubewegen (das heißt: weder krabbeln noch kriechen oder rutschen), dann sollte man einen Arzt aufsuchen. „Der Kinderarzt wird eine genaue Anamnese und eine körperliche Untersuchung vornehmen,“ so Demircioglu. „Wenn er der Meinung ist, dass das weiter abgeklärt werden muss, ist eine entwicklungsneurologische Untersuchung nötig.“ Diese wird zum Beispiel in sozialpädiatrischen Zentren oder von speziell weitergebildeten Ärzten vorgenommen.

Wie kann man sein Kind bei diesem Entwicklungsschritt unterstützen?

Wie in jeder Phase können Eltern auch beim Krabbeln unterstützend mitwirken. Aufmunterndes Loben oder kleine Spiele, die das Krabbeln schulen, wirken bei den meisten Kindern motivierend. Beispiel: Legen Sie einfach das Lieblingskuscheltier (oder wahlweise sich selbst) außer Babys Greifumfeld und lassen den kleinen Krabbler einfach kommen.

Natürlich gilt auch hier wie so oft: Vormachen ist die beste Motivation! Das Kind kennt ja normalerweise die Erwachsenen nur zweibeinig. Deswegen der Tipp an alle Eltern: Einfach mal auf alle Viere runter und dem Kind vormachen, wie das mit dem Krabbeln funktioniert.

Kontraproduktiv kann es hingegen sein, wenn man das Kind zum Krabbeln zwingen will. Das heißt: Es in die entsprechende Position zu drängen oder manuell in die Bewegungsabläufe einzugreifen. So kann selbst schon ein zehn Monate altes Kind die Lust am eigenen Körper- und Bewegungsentdecken verlieren. Absolut hinderlich sind auch die so genannten Baby Walker. Als Lauflernhilfe gedacht greifen diese Sitzgestelle mit Rollen lediglich in die natürliche Entwicklung ein und sabotieren oftmals die Krabbelentfaltung und verursachen sogar Unfälle. „Diese Gehhilfen verhindern den natürlichen Muskelaufbau bei Kindern und können sowohl das Krabbeln- als auch das Gehen lernen verzögern,“ weiß auch der Kinderarzt. Er rät dringend von diesen Gestellen ab: „Auch wegen der zu frühen Mehrbelastung der Gelenke.“

Ein weiterer Tipp vom Kinderarzt: Babys nicht zu viel herumtragen, sondern sie auch auf dem Boden die Welt entdecken lassen. Das heißt für Eltern: Lieber einmal öfter selbst auf die Knie in Richtung Baby gehen.

Wie macht man die Wohnung krabbelsicher?


Sobald das Kind krabbelt, sollte man die Wohnung oder das Haus krabbelsicher gestalten.

  • Treppen durch spezielle Gitter oder Türen absichern
  • Alle Gefahrenherde (wie zum Beispiel Steckdosen) oder scharfe Kanten unter einem Meter kindersicher machen
  • Spitze Gegenstände, Pflanzen sowie Reinigungsmittel, Hygieneartikel oder Medikamente aus der erreichbaren Höhe entfernen
  • Vorsicht auch bei Heizung und Backöfen

Da sich die Kleinen jetzt an allem hochziehen, empfehlen sich auch spezielle Krabbelsschuhe oder so genannte ABS-Socken mit Gumminoppen an der Sohle, die die Kinder bei Krabbel- und Aufstehversuchen nicht unglücklich wegrutschen lassen.




Bildnachweis: W&B/Angelika Jakob

Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de;
Bildnachweis: W&B/Angelika Jakob

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