Bettnässen bei Kindern: Was hilft?

Braucht ein drei- oder vierjähriges Kind nachts noch Windeln, ist das völlig normal. Ist das Kleine schon fast schulreif, gilt es als Bettnässen – und das trifft mehr Kinder, als man denkt

von Julia Jung, aktualisiert am 05.01.2017

Viele Kinder unter fünf Jahren sind nachts noch nicht trocken. Das ist völlig normal

Thinkstock/iStockphoto

Es ist eine Geschichte vom richtigen Zeitpunkt. Kleine Kinder, die tagsüber schon lange keine Windel mehr brauchen, verschlafen nachts den Augenblick, wenn die Blase drückt und sie auf die ­Toilette müssten. Erst, wenn das Bett nass ist, wachen sie auf. Und es geht um den Zeitpunkt, wann Eltern mit dem Nachwuchs deswegen zum Arzt sollten. Die einen gehen viel zu früh, weil andere Dreijährige angeblich schon lange trocken sind. Andere probieren ein Hausmittel nach dem anderen und sehen hilflos zu, wie ihr Sechsjähriger immer unglücklicher wird.


Wann ein Kind nachts selbstständig aufwachen kann und zur Toilette geht, lässt sich nicht vorhersagen. "Bis Harnblase und Gehirn so weit aufeinander abgestimmt sind, dass Urin zurückgehalten und der Schlaf unterbrochen wird, können bis zu zehn Jahre vergehen", sagt Dr. med. Wolfgang Bühmann, Urologe in Wenningstedt-Braderup auf Sylt. "Bei manchen Kindern entwickeln sich diese Mechanismen einfach langsamer als bei anderen."

Bettnässen kann Entwicklungsverzögerung sein

Enuresis heißt die Entwicklungsverzögerung, wenn Kinder ab dem fünften Geburtstag mindestens zwei Nächte im Monat ins Bett machen. Meist hängt das mit einem bestimmten Botenstoff des Körpers, dem antidiuretischen Hormon, kurz ADH, zusammen. Es sorgt dafür, dass der Körper nachts weniger Urin bildet und Harndrang den Schlaf seltener stört. Bei Enuretikern funktioniert dieser hormonelle Tag-Nacht-Rhythmus nicht. Hinzu kommt, dass kleine Bettnässer häufig einen besonders tiefen Schlaf haben. Die Blase meldet zwar, dass sie voll ist, das Kind bekommt es aber nicht mit – bis der Schließmuskel dem Druck nicht mehr standhält und Urin im Bett landet.

Jungen trifft es häufiger

Kaum einer mag offen darüber reden, wenn Nacht für Nacht das Bett frisch bezogen werden muss. Dabei sind zwei von zehn Fünfjährigen nachts noch nicht trocken. Bei den Siebenjährigen ist es immer noch einer von zehn. Jungen trifft es doppelt so oft wie Mädchen.


Dr. med. Wolfgang Bühmann ist Urologe auf Sylt und Sprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen

W&B/Privat

Damit ist das nächtliche Einnässen das zweithäufigste chronische Leiden bei Kindern. "Körperlich bereitet das Einnässen keine Schmerzen. Aber je älter ein Kind wird, desto mehr belastet es die Situation", so Bühmann.

Und dann ist es Zeit für den Arzt. Dieser prüft zunächst, ob es organische Ursachen für das Einnässen gibt, etwa Harnwegsinfekte oder eine Fehlbildung der Harnwege. Er fragt nach dem Alltag des Kindes und lässt Eltern und Nachwuchs gemeinsam eine Art Pipi-Tage­buch führen. Anhand der Aufzeichnungen, wie oft das Kind auf die ­Toilette muss und wie viel es wann trinkt, kann der Arzt ebenfalls Anhaltspunkte finden.


Dr. med. Sabine Stein ist Oberärztin an der AHG-Klinik für Kinder und Jugendliche in Beelitz-Heilstätten

W&B/Privat

Wichtig: Geduldige Eltern

Um dauerhaft trocken zu werden, brauchen Kinder die Unterstützung ihrer Eltern. "Die Großen sollten auf jeden Fall gelassen mit der Situa­tion umgehen, auch wenn sie an den Nerven zehrt", sagt Kinder- und Jugendärztin Dr. med. Sabine Stein, Oberärztin an der AHG-Klinik für Kinder und Jugendliche im brandenburgischen Beelitz-Heilstätten.

Die Psychia­terin für Kinder und Jugendliche erlebt häufig, dass Eltern nicht wissen, wie sie mit dem Problem umgehen sollen. "Das Kind kann nichts dafür. Schimpfen oder dramatisieren geht nicht", erklärt sie. "Viele Kinder müssen erst einmal ihr Selbstvertrauen wieder finden, um das Trockenwerden zu lernen", sagt Urologe Bühmann.

Trocken-Training und Pipi-Tagebuch

Die Enuresis-Therapie ­gestaltet sich von Kind zu Kind unterschiedlich. "Ich habe schon erlebt, dass Eltern ihrem Sohn für jede Nacht ohne Einnässen 50 Cent anboten und der Junge war nach drei Wochen trocken", erzählt Bühmann. Generell können Belohnungen unterstützend wirken, meist braucht es jedoch mehr als das. Sogenannte Klingelhosen oder -decken geben einen Weckton ab, wenn ihre eingebauten Sensoren Feuchtigkeit bemerken. "Das löst in etwa 70 Pro­zent der Fälle das Problem. Aber nur, wenn das Kind nicht zu tief schläft", erklärt Bühmann. Deshalb empfiehlt Kinderärztin Stein, den Umgang mit diesen Hosen am Tag zu üben. "Das Kind muss die Vorgänge buchstäblich im Schlaf beherrschen. Also merken, dass es nicht mehr anhalten kann, zur ­­Toilette gehen und – bei Größeren – eventuell Bettwäsche wechseln."

Beim leidigen Lakenwaschen helfen viele Kinder übrigens ­gerne mit. "So übernehmen sie Eigenverantwortung und ent­wickeln ein Bewusstsein für das Problem", sagt Stein. Wer außerdem jeden Morgen in einen Kalender eine ­­Sonne oder eine Wolke malt – für trockene oder nasse Nächte – erkennt Erfolge sofort. Das motiviert.

Windeln ja oder nein?

"Wenn es aushaltbar ist, sollte man auf Windeln verzichten", sagt ­Experte Bühmann. Wird die Belastung durch das ständige­ Wäschewaschen zu groß, sind Windelhöschen für ­einige Zeit ­eine Lösung. Auch, wenn das Kind mal auswärts schläft, geben die Spezial-­Windeln, die kaum noch nach den dicken weißen Baby-Windeln aussehen, Sicherheit.

In bestimmten Fällen helfen auch Medikamente beim Trockenwerden. "Sie sorgen für die wichtigen Erfolgserlebnisse und geben ebenfalls Sicherheit, wenn zum Beispiel eine Klassenfahrt ansteht", so Bühmann. Als einzige Therapie sind sie jedoch nicht geeignet. "Fast alle Maßnahmen orientieren sich am Verhalten. Auch deshalb dauert es bis zum Erfolg, – also ein halbes Jahr ohne nasse Nächte –, oft bis zu mehrere Monate", erklärt Bühmann. Kinderpsychiaterin Stein setzt bei den Therapien zudem auf Fantasiereisen: "Bei einem gedanklichen Spaziergang durch den Körper verbessert sich die Wahrnehmung für die Blase." Auch Entspannungsübungen helfen, die kleinen Bedürfnisse rechtzeitig zu erkennen.

Sekundäre Enuresis: Plötzlich wieder nass

Wenn ein Kind schon mindes­tens sechs Monate trocken war und dann wieder einnässt, sprechen Mediziner von der sekundären Enuresis. Liegen keine körperlichen Ursachen zugrunde, sind meist einschneidende Erlebnisse, häufig zum Beispiel ­eine Trennung der Eltern der Auslöser. Entscheidend ist dann, dass sowohl Kind als auch Eltern psychologische Hilfe bekommen.



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