Babyschwimmen: Macht den Kleinen eine Menge Spaß. Allerdings leiden manche Kinder unter dem Reizklima im Schwimmbad
Bis dato gingen engagierte Eltern davon aus, dass sie ihren Kindern etwas besonders Gutes tun, wenn sie mit ihnen zum Babyschwimmen gehen. Doch eine Pressemitteilung des Umweltbundesamtes (UBA) alarmierte kürzlich viele Mütter und Väter: Das UBA sprach die Empfehlung aus, dass Kinder unter zwei Jahren vorerst nicht am Babyschwimmen teilnehmen sollten, wenn in ihrer Familie gehäuft Allergien auftreten. Es bestehe der Verdacht von asthmaauslösenden Wirkungen bei Kleinkindern aufgrund des dort auftretenden Reizstoffes Trichloramin.
Was ist Trichloramin?
Trichloramin ist eine so genannte DNP, eine unerwünschte chemische Verbindung, die bei der Desinfektion von Wasser gebildet wird. Es wird erzeugt, wenn das im Wasser gelöste Chlor mit Harnstoff in Verbindung kommt und reagiert. Harnstoffe können übrigens auf unterschiedlichste Arten in das Hallenbadwasser gelangen: Urin, Schweiß, aber auch Kosmetika wie Make-Up oder sogar einfach nur Hautschuppen können diese Reaktion mit dem Chlor auslösen. Wenn das Trichloramin dann durch die stetige Wärme im Bad verdunstet, entsteht dieser intensive und bisweilen als unangenehm empfundene Geruch. Dr. Ingrid Chorus, Abteilungsleiterin der Trink- und Badebeckenwasserhygiene beim Umweltbundesamt, erklärt: "Wenn man diesen typischen Chlorgeruch wahrnimmt, ist das interessanterweise nicht das Chlor, sondern das Trichloramin, das da so müffelt." Je mehr es also im Hallenbad nach dem vermeintlichen "Chlor" riecht, umso höher sind die Trichloramin-Werte.
Der empfohlene Richtwert der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die Trichloramin-Konzentration in Hallenbädern beträgt 0,50 Milligramm pro Kubikmeter. In den vom UBA untersuchten Badeanstalten wurde festgestellt, dass in circa 90 Prozent der getesteten Bäder die Konzentration unter 0,34 Milligramm pro Kubikmeter lag. Bei einigen Bädern allerdings wurden Werte von 18,8 Milligramm pro Kubikmeter gemessen. In diesen Fällen entsprach weder die Wasseraufbereitung noch die Hallenbadlüftung den optimalen Technikstandards. "Es gibt leider keine gesetzliche Regelungen für diese Werte, sondern lediglich empfohlene Normen oder Richtwerte", meint Chorus. Das UBA will durch seine Aufklärungsarbeit aber erreichen, dass die Filteranlagen und die Aufbereitungstechniken in den Hallenbädern immer besser werden.
Was ist so gefährlich am Trichloramin?
Trichloramin kann unter Umständen für kleine Kinder unter zwei Jahren gefährlich werden. Das Lungengewebe und die Bronchienwände der Babys sind noch ausgesprochen empfindlich. Dr. med. Josef Lecheler, Lungenfacharzt und ärztlicher Direktor des Asthmazentrums in Berchtesgaden, erklärt: "Das Problem bei Kindern unter zwei Jahren ist die besondere Geometrie ihrer Atemwege. Diese sind empfindlicher, aber vor allem enger und können auf verschiedene Reizstoffe leichter mit Entzündungen und Infektionen reagieren." Wenn nun die Kleinstschwimmer durch allergische Erkrankungen wie Heuschnupfen oder Asthma noch erblich vorbelastet sind, dann liegt der Verdacht nahe, dass das reizende Trichloramin eine Belastung für die Babylungen sein und die sensiblen Atemwege verletzen könnte. Medizinisch könnte demnach folgendes passieren: Das Trichloramin dringt bis in den unteren Atemtrakt und schädigt dort das Lungenephitel. Dieses wird dadurch durchlässiger und lässt somit zu, dass Allergene leichter Asthmaattacken provozieren können.
Endgültig belegt ist diese Hypothese allerdings noch nicht, da entsprechende Langzeitstudien fehlen. Trotzdem gab das UBA eine Warnung raus. Die Botschaft ist unmissverständlich: Kinder unter zwei Jahren, die familiär mit Allergien vorbelastet sind, sollten vorerst nicht zum Babyschwimmen! Ein Schnellschuss? Oder gar eine voreilige Panikmache? "Wir haben genug Hinweise", bezeugt Chorus, "dass dieses Risiko für Kinder unter zwei Jahren besteht und sehen uns in der Pflicht, die Eltern zu informieren. Wir wollen keine Panik machen, aber ich würde persönlich auch nicht mit meinem eigenen Kind, wenn es einen allergischen Hintergrund hätte, regelmäßig zum Babyschwimmen gehen."
Lungenarzt Lecheler beruhigt ein wenig: "Wenn kleine Kinder ab und zu im Schwimmbad planschen, ist das meiner Ansicht nach kein Problem. Nur wenn Eltern mit ihren vorbelasteten Babys regelmäßig und viele Stunden im Wasser verbringen, dann könnte unter Umständen dieses Risiko bestehen."
Gefahr für größere Kinder?
Für größere Kinder oder auch Erwachsene bestehe kein Risiko, selbst wenn sie allergisch vorbelastet sind. Im Umweltbundesamt trägt man nun Sorge, dass die Meldung möglicherweise falsch verstanden werden könnte. "Wir hoffen, dass die Eltern den Unterschied wahrnehmen, den wir zwischen hochsensiblen Kleinkindern und Schulkindern machen. Schwimmen gehen und schwimmen lernen ist für Kinder im Vorschul- oder Schulalter enorm wichtig. Nicht schwimmen können bedeutet im schlimmsten Fall ertrinken. Die Risikogruppe sind lediglich Kinder unter zwei Jahren", so Chorus.
Und Dr. Lecheler vom Asthmazentrum sieht noch ein ganz anderes Problem: "Hoffentlich fördert diese Meldung nicht die zunehmende Passivität bei Kindern, die wir leider schon bei Babys ab einem Jahr beobachten müssen. Grundsätzlich ist es viel sinnvoller Bewegungsprogramme zu fördern und nicht zu verhindern – auch und gerade bei asthmagefährdeten Kindern."
Vorbeugen möglich?
Ganz verhindern wird man die Entstehung von Trichloramid kaum können. Denn: Wasserdesinfektion in Hallenbädern muss sein. Überall, wo es warm und feucht ist und sich viele Menschen aufhalten, ist die Bildung von Keimen unvermeidlich. In Schwimmanstalten treffen alle diese Faktoren zu: Aus diesem Grund muss das Wasser in den Schwimmbecken stetig desinfiziert werden und dafür benutzt man Chlor.
Allerdings können die Badbesucher mithelfen, die Entstehung von Trichloramid zu reduzieren: "Wenn alle Menschen sauber ins Becken gehen würden und keiner reinpinkelt, dann kann man die Trichloramin-Enstehung gering halten", ist Chorus überzeugt. "Das Feedback der Badbetreiber auf unsere Meldung war übrigens überraschend positiv: Die waren froh, dass wir einmal mehr darauf aufmerksam gemacht haben, dass man sich auf jeden Fall vor dem Baden duschen soll."
Sandra Schmid / www.baby-und-familie.de;
24.01.2011
Bildnachweis: W&B/Bernhard Huber
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