Ab wann Prüfungen das Lernen fördern

Tests in der Schule helfen Kindern beim Lernen neuer Informationen. Dies gilt bei älteren, aber nicht bei jungen Grundschülern, zeigt eine Studie

von Daniela Frank, aktualisiert am 19.02.2016

Abfragen und Tests helfen erst größeren Grundschülern beim Lernen

Thinkstock/iStockphoto

Dass Prüfungen beim Lernen helfen können, haben Studien bereis vor längerer Zeit belegt – allerdings nur bei Erwachsenen: Nachdem diese an Tests teilgenommen haben, konnten sie sich besser darauf konzentrieren, neue Informationen zu erlernen. Durch die Prüfungen störten die bereits abgefragten Informationen weniger dabei, neues Wissen zu erwerben.

Gilt dieser Zusammenhang auch bei Kindern? Das haben Forscher um Dr. Alp Aslan und Professor Karl-Heinz Bäuml vom Lehrstuhl für Experimentelle und Angewandte Entwicklungspsychologie der Universität Regensburg untersucht. Das Ergebnis: Der beschriebene Effekt von Prüfungen zeigt sich zwar bei älteren, aber nicht bei jüngeren Grundschülern. Die Studie ist in der Fachzeitschrift "Developmental Science" erschienen.


Tests helfen beim Abspeichern von Wissen

"Wenn Erwachsene neue Gedächtnisinhalte abspeichern, passiert das relativ zu einem bestimmten Kontext", erklärt Wissenschaftler Bäuml. "Wird das Wissen dann bei einem Test abgefragt, verstärkt das die Kontextualisierung in hohem Maß." Das Wissen werde in eine Art Paket geschnürt. Für neue Informationen könne im Anschluss ein neues Paket eröffnet werden. "Das erleichtert es dem Gehirn, sich neue Dinge zu merken", sagt Bäuml. Bei jüngeren Kindern funktioniere der Mechanismus allerdings noch nicht.

Insgesamt 144 Probanden nahmen an dem Versuch teil: 48 jüngere (Durchschnittsalter: 6,7 Jahre) und 48 ältere Grundschüler (Durchschnittsalter: 8,8 Jahre) sowie 48 Erwachsene als Vergleichs- bzw. Kontrollgruppe. Die Teilnehmer sollten sich vier Listen mit Begriffen einprägen. Die Forscher hatten ihnen gesagt, dass sie später einem Erinnerungstest zu allen vier Listen unterzogen würden.

Jüngere Schüler lernen noch anders

Allerdings manipulierten die Wissenschaftler die Versuchsbedingungen: Sie prüften das Wissen der Probanden entweder gleich, nachdem diese sich eine einzelne Liste eingeprägt hatten. Oder die jeweilige Liste wurde ihnen noch einmal zum Lernen vorgelegt. Die Ergebnisse des Versuchs waren eindeutig: Wenn die Teilnehmer die Informationen auf den ersten drei Listen sofort abgefragt wurden, konnten sie sich meist die nachfolgend einstudierte vierte Liste besser merken. Doch der Effekt trat nur bei den Erwachsenen und älteren Grundschülern auf, aber nicht bei den jüngeren Grundschülern.

Die Wissenschaftler folgern daraus, dass Lernende erst später im Entwicklungsprozess von Prüfungen profitieren. Der Mechanismus bildet sich offenbar erst im Verlauf der Kindheit aus und ist beispielsweise bei Erst- oder Zweitklässlern noch nicht beobachtbar. "Aus anderen Untersuchungen gibt es Hinweise darauf, dass jüngere Kinder noch Probleme haben, Wissen relativ zu einem bestimmten Kontext zu bündeln", erklärt Bäuml.

Fähigkeit entwickelt sich gegen Ende der Grundschule

Diese Fähigkeit entwickelt sich erst ab der zweiten Hälfte der Grundschule. "Etwa ab der siebten oder achten Klasse ist sie dann fertig ausgebildet und ähnelt der von Erwachsenen", sagt Bäuml. Dann helfe es zum Beispiel auch, sich verschiedene Lerninhalte an unterschiedlichen Orten einzuprägen. "Auch dadurch wird das Wissen in kleinere Pakete geschnürt, in diesem Fall relativ zu einem bestimmten Ort."

Außerdem unterstützt es dann beim Lernen, längere Unterrichtseinheiten ab und zu zu unterbrechen und das Wissen abzufragen. "Das kann auch am Ende einer Unterrichtssitzung oder am Anfang der nächsten sein", sagt Bäuml. "Aber es sollte von Leistungsnachweisen entkoppelt passieren." Stattdessen sei das Abfragen als Lernmethode zu sehen. Diese könne der Schüler später auch selbst anwenden. "Wenn man sich ab und zu selbst abfragt, kann man sich Dinge besser merken", sagt Bäuml. Und das gilt nicht nur für Inhalte von Listen: "Verschiedene Studien mit Erwachsenen haben gezeigt, dass diese Mechanismen auch auf andere Lerninhalte – zum Beispiel Geschichten – übertragbar sind", sagt Bäuml.

Für jüngere Kinder müssen die Informationen dagegen noch in viel kleinere Portionen geteilt werden als für altere. "Auch Abfragen hilft in diesem Alter noch nicht beim Lernen", sagt Bäuml. "Ich vermute, dass es ist hilfreicher ist, wenn der Lehrer am Ende einer Unterrichtseinheit die Inhalte selbst noch einmal zusammenfasst." Zum Ende der Grundschulzeit ändere sich das: Die Kontextfähigkeit des Gehirns entwickelt sich. "Man braucht das nicht extra trainieren", sagt Bäuml. Das Gehirn sei dann einfach soweit.



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