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Entspannung: Das Prinzip der Achtsamkeit

Die Pädagogik entdeckt ein altes Prinzip der buddhistischen Philosophie. Achtsamkeit verspricht bessere Nerven, mehr Konzentration – und Frieden daheim. Ein Plädoyer für Ruhe


Kleine Kinder genießen oft ganz automatisch den Zauber des Moments – Erwachsene verlernen das häufig

Manchmal wirken Babys erleuchtet. Wenn die Kleinen glücklich und entspannt daliegen, dann ruhen sie voller Präsenz in sich selbst. „Neugeborene haben keine Gefühle. Sie sind Gefühle“, sagt der emeritierte Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Heinrich Dauber aus Kassel. Die Kleinen vermögen das, was manche Erwachsene in endlosen Meditationsstunden (wieder) zu lernen versuchen: Sie leben im Hier und Jetzt. Sie sind weder der Vergangenheit verhaftet noch sorgen sie sich um die Zukunft. Sie sind einfach da, ohne sich darüber Gedanken zu machen. „Sich im Tun und Lassen ganz dem gegenwärtigen Geschehen hinzugeben: Das ist die Urform der Achtsamkeit“, sagt Dauber.


Konzentrierte Stille hilft beim Lernen

Mit Achtsamkeit verbinden Bud­dh­is­ten aber noch mehr: Sie bedeutet ein bewusstes Wahrnehmen des Augenblickes, in dem die Gedanken zur Ruhe kommen – ohne das, was geschieht, innerlich zu bewerten. Kein Wunder, dass Erziehungswissenschaftler sich für das Konzept zu interessieren beginnen. „Konzentration und Stille sind Vor­aussetzungen dafür, dass das Gehirn etwas Neues lernen kann“, erklärt Dr. Bettina Kobusch aus Bielefeld, Pharmakologin, Heilpraktikerin und Ärztin für Chinesi­sche Medizin in Bielefeld. In ihrer Forschungs­arbeit an der Universität Bielefeld setzt sie sich mit „Pädagogik und Achtsamkeit“ auseinander. Ein Novum in der westlichen Forschung.

Meditation beugt Krankheiten vor

Denn das buddhistische Konzept hat zwar längst in der westlichen Psychotherapie und Medizin Eingang gefunden. Studien zeigen etwa, dass Achtsamkeitsübungen wie Meditation den Blutdruck senken, mehr Gelassenheit schenken, vor Burn-Out schützen und Krebskranken sogar helfen können, ihr Leiden besser zu akzeptieren. Aber in dem Bereich der Erziehung „gilt dies noch als ziemlich randseitiges Konzept, es fehlen aussagekräftige Studien“, so die Expertin. „Allerdings machen Forscher in kleineren Untersuchungen immer wieder die Erfahrung: Schulklassen, in deren Alltag Lehrer Phasen der Achtsamkeit einbauen, gehen friedlicher und entspannter miteinander um und arbeiten konzentrierter“, so Kobusch. Dies ­­bewiesen etwa ­Studien an der Universität München unter der Leitung der Psychologin Vera Kaltwasser.

Unachtsamkeit führt zu Stress

Das pure, absichtslose Sein: Wann genau haben wir das eigentlich verlernt? Nicht nur Säuglinge, auch kleine Kinder können nämlich noch völlig abtauchen, versunken Klötzchen bauen oder eine Schnecke dabei beobachten, wie sie über den Gehweg kriecht. Ganz anders wir Erwachsenen: Morgens unter der Dusche planen wir schon mal unseren Tag durch. Während wir Kaffee trinken, linsen wir in die Tageszeitung. Wir telefonieren und räumen mit einer Hand die Spülmaschine aus. Und auf dem Weg zum Kindergarten treiben wir die Kleinen zur Eile an. Schließlich müssen wir rechtzeitig ins Büro. Wie unachtsam! Wir tun zu viele Sachen gleichzeitig, ohne uns auf eine zu konzentrieren. „Wir haben uns“, sagt Kobusch, „die Innenschau abtrainiert.“ Und fühlen uns oft abgehetzt, gestresst, nervös.

Regelmäßige Übungen verbessern das Klima

Achtsamkeit im Alltag führt dagegen dazu, dass „ein behutsameres, freundlicheres, stressfreieres Klima in der Familie, in Schulen, im Kindergarten herrscht“, ist Kobusch überzeugt. In Fortbildungen demonstriert Kobusch Pädagogen, wie sie Achtsamkeitsübungen in den Tagesablauf mit Kindern einbauen können. Und in ihrer Praxis zeigt die Expertin, wie Eltern kleine Inseln der Stille ins tägliche Leben integrieren. „Es geht nicht darum, viel, sondern darum, ganz regelmäßig zu üben“, erklärt die Wissenschaftlerin. Jeden Tag um dieselbe Uhrzeit eine kleine Entspannungsmassage oder eine Meditation von wenigen Minuten, ein bisschen Singen und Summen oder ein paar Qigong- oder Yoga­übungen – das reicht. „Dazu brauchen Sie nichts als einen angenehmen Ort in der Wohnung, an dem man sich immer zurückziehen kann, und ruhige, nicht unterbrochene Zeit, in der Sie wirklich mit Ihrem Kind zusammen sind“, erklärt die Expertin. Man muss ja nicht gleich erleuchtet wie ein buddhistischer Mönch oder wie ein neugeborenes Baby werden. „Es geht um ein kleines Innehalten“, sagt Kobusch, „um ein kurzes Sich-berühren-Lassen, das langfristig für ein achtsameres, friedlicheres Klima sorgt.“


Augen zu und aufpassen! Mit diesen drei kleinen Übungen lässt sich die Achtsamkeit steigern. Vielleicht haben ja auch Ihre Kinder Lust, mitzumachen!

  • Den Atem verstreichen lassen:

    Schließen Sie die Augen, und ­richten Sie Ihre volle Aufmerksamkeit auf ­Ihre Nasenflügel, an denen vorbei die Luft aus- und einströmt. Wenn Sie durch Gedanken und Gefühle abgelenkt werden, kehren Sie einfach immer wieder zu den Nasenflügeln zurück. Nehmen Sie Ihre Körperempfindungen (warm beim Ausatmen, kalt beim Einatmen) wahr, ohne sie zu bewerten. Jetzt registrieren Sie alle Hintergrundgeräusche, ohne sie zu bewerten – und ­­kehren Sie mit der Aufmerksamkeit wieder zu den Nasenflügeln zurück. Probieren Sie das Wechselspiel ein paar Mal aus, und öffnen Sie die Augen.


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  • Absichtsloses Spazierengehen:

    Ohne Ziel durch die Gegend laufen, den Blick schweifen lassen, einfach wahrnehmen, was man sieht. Es geht nicht darum, die Dinge, die man betrachtet, zu fixieren oder zu bewerten (etwa als schön/hässlich), sondern einfach nur wahrzunehmen.

    Das Gesehene sollten Sie mental vorüberziehen lassen, ohne es gedanklich festzuhalten.


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  • Qigong-Übung „Fest wie ein Baum“:

    Mit den Beinen schulterbreit auseinander stehen, die Knie sind leicht gebeugt, die Arme hängen zur Seite. Jetzt gehen Sie auf eine Gedankenreise oder erzählen Ihrem Kind: Stell dir vor, dass die Füße Wurzeln haben und sich im Boden ausbreiten. Dadurch stehst du ganz fest, und die Wurzeln sammeln Kraft für den Baum. Der Stamm wächst, die Blätter entfalten sich, die Blüten öffnen sich.“ Das Kind kann einfach stehen bleiben oder seine Arme mitbewegen, um etwa zu demonstrieren, wie sich die Blätter bewegen – meist tun die Kleinen das bei der Erzählung ohnehin von alleine.


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Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto

Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; aktualisiert am 27.12.2013,
Bildnachweis: Thinkstock/iStockphoto

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