Regulationsstörung: Wenn Babys ständig schreien

Weint ein Baby in den ersten Lebensmonaten ohne erkennbaren Grund exzessiv, kann eine Regulationsstörung (Dreimonatskolik) dahinterstecken. Was hilft?

30.12.2015

Nervenprobe: Brüllen Babys wie am Spieß, sind die Eltern oft ratlos

BananaStock/ RYF

nach obenWas sind Dreimonatskoliken oder eine Regulationsstörung?

Schreien und kein Ende in Sicht – Dreimonatskoliken stehen eher für einen Zustand vor allem während der ersten drei Lebensmonate als für eine echte Erkrankung. Sie beschreiben exzessives Schreien beziehungsweise anfallsartige Schreiattacken eines sonst gut gedeihenden und gesunden Säuglings, oft im Anschluss an Mahlzeiten oder in den frühen Abendstunden. Das Baby krümmt sich oft vor Schmerzen, zieht die Beinchen an, überstreckt eventuell den Kopf nach hinten. Es hat häufig ein rotes Gesicht und einen geblähten Bauch. Eltern können der Verzweiflung nahe sein, da das Baby durch nichts zu beruhigen ist.

Meist beginnen diese Symptome nach den ersten beiden Lebenswochen und oft ist der Spuk nach rund drei Monaten vorbei – die Schreiphasen reduzieren sich wieder auf ein Normalmaß von etwa einer Stunde am Tag. Nur bei etwa zwei bis vier Prozent der Kinder bleibt das Problem bis zum sechsten Monat oder noch etwas länger bestehen.


Schluckt das Baby beim Trinken zu viel Luft, kann das Beschwerden machen

PhotoDisc/ RYF

nach obenUrsachen und Symptome: Wie viel Schreien ist normal?

Natürlich ist jedes Baby einzigartig. Verhaltensforscher haben jedoch Durchschnittswerte der normalen Schreiintensität ermittelt: In den ersten sechs Wochen kann das täglich etwa eine Stunde sein. Von der sechsten bis zwölften Lebenswoche steigt die Schreidauer nochmals um eine Stunde, um nach der zwölften Woche wieder langsam auf eine Stunde am Tag zu sinken. Von Schreibabys spricht man, wenn sie länger als drei Wochen an mindestens drei Tagen der Woche mehr als drei Stunden pro Tag schreien.

Warum schreit das Baby?

Laute sind die einzige Sprache mit der sich ein Baby zu Beginn seines Lebens verständlich machen kann. Es ist von der Natur so eingerichtet, dass das Baby schreit, um in wichtigen Angelegenheiten auf sich aufmerksam zu machen. Auch ein "Musterbaby" darf in den ersten Lebensmonaten zwischen einer und drei Stunden am Tag weinen. Je nach Situation kann Schreien verschiedene Bedeutungen haben: 

  • Ist das Baby hungrig?
  • Hat das Baby volle Windeln und liegt vielleicht im Nassen?
  • Ist es zu warm oder zu kalt?
  • Hat das Baby genug geschlafen, oder ist es einfach "überdreht"?
  • Liegt eine Krankheit vor (z.B. Fieber, Erbrechen, Husten, Durchfall)?

Schwer zu beruhigen: Manche Babys weinen mehr als andere

Banana Stock/RYF

Was ist dann eine Regulationsstörung?

Schreibabys gibt es überall auf der Welt und eine klare Ursache des unstillbaren Schreiens ist nirgendwo gefunden worden. Man geht heute davon aus, dass diese Babys einfach den Entwicklungsschritt zur Selbstregulation noch nicht bewältigt haben.

Vermutlich spielen auch psychosoziale Faktoren eine wesentliche Rolle. Die Eltern-Kind-Beziehung muss ohne Sprache auskommen und ist sehr vom Instinkt geprägt. Dabei kann es zu Missverständnissen kommen. Eltern, die glauben, ihr weinendes Kind nicht beruhigen zu können, entwickeln Schuldgefühle. Kinder wiederum spüren diese Verzweiflung und reagieren unsicher, sie schreien. Leider kommt es manchmal zu einem Teufelskreis in dem sich häufige Wechsel der Beruhigungsstrategie, Nachfüttern im Stundentakt und allerseitige Frustration aufschaukeln.

Nachdem das Schreien oft bei oder nach dem Füttern beginnt und es scheint, dass das Baby Bauchweh hat, liegt es natürlich nahe, eine Ursache im Darm zu suchen. Dazu gibt es verschiedene Theorien, wobei z.B. Röntgenaufnahmen keinen Unterschied der Gasmenge im Darm zwischen gesunden und Schreibabys zeigen und es sowohl unter gestillten Kindern als auch unter "Flaschenkindern" Schreibabys gibt.


Gesundheitscheck: Der Kinderarzt kann organische Ursachen für das Schreien ausschließen

Jupiter Images GmbH/Comstock Images

nach obenDiagnose

Laute sind die einzige Sprache mit der sich ein Baby zu Beginn seines Lebens verständlich machen kann. Schreit ihr Kind auffällig viel oder haben Sie das Gefühl, dass es ihm nicht gut geht, suchen Sie am besten Ihren Kinderarzt auf.

Dieser muss organische Erkrankungen ausschließen, die dem Baby Schmerzen verursachen können: Dazu gehören unter anderem Entzündungen des Mittelohres oder der Harnwege; Darmentzündungen, -einstülpungen, Verstopfung, Refluxkrankheit (Magensäure gelangt aus dem Magen zurück in die Speiseröhre), Hirnerkrankungen oder Knochenbrüche. Neben einer normalen Untersuchung durch den Arzt sind eventuell auch Ultraschallaufnahmen, Röntgenuntersuchungen, Blut- oder Stuhltests notwendig. Eine Allergie auf Kuhmilcheiweiß (Spuren von Kuhmilch können auch durch die Muttermilch übertragen werden) ist nur sehr selten die Ursache. 

Wenn Sie sich durch das schreiende Kind überfordert fühlen oder gar Angst haben, dass Sie in einer Kurzschlussreaktion Ihrem Kind schaden könnten, sollten Sie das unbedingt mit Ihrem Arzt besprechen!


Herumtragen kann beruhigend wirken

Stockbyte/RYF

nach obenTherapie

Es gibt keine sicher wirksame Therapie bei unstillbaren Schreien und auch das Kind selbst scheint ja nicht zu wissen, was es will. Sie können aber aus vielen bewährten Tipps Ihren individuellen Plan erstellen, der der ganzen Familie die schwierigen Monate erleichtert. Wichtig ist jedoch vor allem: Auch wenn Sie es sich jetzt nicht vorstellen können – nach drei bis vier Monaten ist der Stress meist von heute auf morgen vorbei. Reden Sie mit anderen Eltern. Sie sind nicht allein! Jede dritte Familie weiß, wovon Sie sprechen.

Holen Sie sich gegebenenfalls Hilfe von einem Profi: In jeder größeren Stadt gibt es sogenannte Schreiambulanzen (meist in Kinderkrankenhäusern), in denen Sie Ihr Problem schildern können und von Fachleuten beraten werden. Fragen Sie Ihre Hebamme oder Ihren Kinderarzt nach Adressen vor Ort.

Neugeborene müssen viele neue Eindrücke verarbeiten. Gönnen Sie Ihrem Kind einen ruhigen Tagesablauf und achten Sie auf ausreichende Schlafenszeiten. Routine gibt Babys Sicherheit.

Falls noch andere Ursachen (zum Beispiel Zwangshaltungen von Wirbelsäule und Kopf) für die Schreiattacken in Frage kommen, können manuelle Therapie oder Osteopathie eventuell hilfreich sein. Sprechen Sie auch darüber mit Ihrem Kinderarzt.

Ernährung: Achten Sie darauf, dass Ihr Kind in Ruhe und ausreichend trinken kann und lassen Sie es sorgfältig aufstoßen. Ihre Hebamme oder der Kinderarzt beraten Sie bei der richtigen Fütterungstechnik.

Auf blähende Speisen und starke Gewürze während der Stillzeit gegebenenfalls verzichten: Bohnen, Linsen, Kohl, Lauch, Zwiebel, Knoblauch, Pfeffer und Paprika machen zum Beispiel manchmal Probleme. Wenn Ihr Kind auf ein spezielles Nahrungsmittel zu reagieren scheint, lassen Sie es einfach weg. Wenn Sie keinen Unterschied bemerken, essen Sie ruhig wieder wie gewohnt.

Diagnostiziert der Kinderarzt eine Kuhmilchallergie, muss das Kind mit einer kuhmilchfreien Spezialnahrung ernährt werden. Dies ist jedoch nur selten der Fall. Lassen Sie sich dazu vom Arzt beraten.

Gegen Blähungen – die es natürlich gibt – ist nicht nur ein Kraut gewachsen: Kümmel- und Fencheltee entblähen Groß und Klein. Sie können auch das Fläschchen gleich mit Tee zubereiten. Ein gestilltes Kind braucht aber keine zusätzliche Teemahlzeit.

Nach Rücksprache mit dem Kinderarzt können Sie ihrem Kind bei Blähungen eventuell auch Simeticon- beziehungsweise Dimeticon-Tropfen aus der Apotheke gemäß Dosierungsanleitung oder ärztlicher Verordnung geben. Sie sollen zur Auflösung der Gasblasen führen. Möglich ist auch die Gabe von Lactobacillen, die helfen sollen, die normale Darmflora (Besiedelung mit Bakterien) herzustellen. Lassen Sie sich auch dazu von Ihrem Kinderarzt beraten.


Fliegerstellung: Das Baby liegt auf dem Unterarm, die andere Hand stützt es ab

Mauritius/André Pöhlmann

nach obenWeitere Tipps

Verschiedene Methoden können helfen, Ihr Baby zu beruhigen: herumtragen, an den eigenen Körper halten, die Arme des Kindes vor der Brust kreuzen, tanzen, singen, summen, spazieren gehen, den Rhythmus der Waschmaschine hören (Kind nur neben, nicht auf die Waschmaschine stellen), eine App mit weißem Rauschen herunterladen (die Töne erinnern das Baby an die Geräusche im Mutterleib), Bauchmassagen im Uhrzeigersinn, mit beiden Händen die Knie Ihres Babys ein paar Mal leicht gegen den Bauch drücken, feucht-warme Bauchwickel, ein warmes Bad, Herumtragen über die Schulter gelehnt, in "Fliegerstellung" spazieren tragen (dazu das Kind bäuchlings auf den waagrecht gehaltenen Unterarm legen, mit der einen Hand am Po festhalten und  mit der anderen von oben stützen), ins Tragetuch packen, gleichmäßiges, vorsichtiges Wippen auf einem großen Gymnastikball… Probieren Sie es einfach aus, aber lassen Sie sich nicht zu rasch entmutigen und wechseln Sie nicht panisch die Methode, wenn sie nicht sofort den gewünschten Erfolg erzielen.

Wenn Ihr Kind eigentlich schlafen sollte, aber unruhig und weinerlich wirkt, könnte das auch heißen: Ihr Baby braucht keinen direkten Kontakt mehr, sondern es will seine Ruhe haben und schlafen – ab ins Bettchen legen.

Wenn Ihr Kind im Bett weint, sollten Sie es nicht gleich hochnehmen. Zunächst einmal im Bettchen oder Wagen in ruhigem Rhythmus schaukeln beziehungsweise hin und her schieben, streicheln oder nur Hand auflegen, leise murmelnd mit ihm sprechen oder ein Gute-Nacht-Lied singen – gerne immer dasselbe.

Auch ein warmes Kirschkernkissen auf dem Bauch tut gut. Aber Vorsicht: Testen Sie die unbedingt Temperatur vorher an Ihrer Handgelenksinnenseite. Machen Sie das Kissen auf keinen Fall zu heiß!

Wenn Sie dabei sind, darf Ihr Baby auch mal auf dem Bauch oder der linken Seite liegen, damit es aufstoßen kann und die Blähungen abgehen können.

Viele Hebammen schwören auf Homöopathie. Im Bündel der Maßnahmen ist das vielleicht einen Versuch wert.


Wenn Sie früher für die Erzählungen anderer Jungmütter nur Kopfschütteln übrig hatten, nach dem Motto "Die können sich halt nicht organisieren" – spätestens jetzt wissen auch Sie es besser. Lassen Sie im Tagesablauf alle Fünfe gerade sein, Ihr Neugeborenes geht vor. Morgens um halb zehn in Deutschland und Sie sind immer noch im Schlafanzug? Ja, na und …

Denken Sie immer daran, dass das Schreien zwar ein Zeichen sein kann, aber dem Baby nicht direkt schadet. Wenn die Nerven blank liegen, denken Sie auch mal an sich: Lassen Sie sich ablösen, rufen Sie eine Freundin an oder gehen Sie zumindest einfach mal kurz aus dem Zimmer. Planen sie Auszeiten für sich ein: Wenn Oma oder Opa babysitten, gehen Sie joggen, ins Kino oder einfach nur spazieren. Kurz: Machen Sie, was Ihnen gut tut.


Unser Experte: Dr. Guido Krandick

W&B/Privat

nach obenBeratender Experte

Dr. med. Guido Krandick ist Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin. Nach Studium in Bonn, Wien und Würzburg folgte eine fast zehnjährige Tätigkeit an der Kinderklinik Schwabing der TU-München. Seit 2000 führt er eine eigene Praxis südlich von München. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.


Wichtiger Hinweis:
Dieser Artikel enthält nur allgemeine Hinweise und darf nicht zur Selbstdiagnose oder –behandlung verwendet werden. Er kann einen Arztbesuch nicht ersetzen. Die Beantwortung individueller Fragen durch unsere Experten ist leider nicht möglich.



Bildnachweis: Mauritius/André Pöhlmann, PhotoDisc/ RYF, BananaStock/ RYF, W&B/Privat, Stockbyte/RYF, Jupiter Images GmbH/Comstock Images, Banana Stock/RYF

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