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Röntgen: Strahlen mit Risiko?

Bei manchen Diagnoseverfahren sind Röntgenstrahlen im Spiel. Wann man sie vermeiden kann und welche Alternativen Mediziner haben


Ist es etwas Schlimmes? Ist ein Kind gestürzt, untersucht der Arzt es. Eventuell fertigt er auch ein Röntgenbild an

Zwölf Stufen ist Paul hinuntergefallen: ein Unfall, wie ihn Tausende andere Kleinkinder schon gehabt haben. Der Zweijährige brüllt vor Schreck, aber ihm scheint nichts passiert zu sein. Dennoch fahren seine Eltern vorsichtshalber mit ihm in die Klinik. In der Notfallambulanz der Kinderchirurgie entscheidet die junge Assistenzärztin: „Wir machen zur Sicherheit eine Röntgenaufnahme des Kopfes.“ Sie will ausschließen, dass Paul bei seinem Sturz einen Schädelbruch erlitten hat. Wäre der Junge nach dem Sturz spürbar beeinträchtigt gewesen, hätte die Medizinerin eine Computertomografie gemacht, erklärt sie.

Die beiden Verfahren basieren auf der Röntgentechnik: Der Körper wird mit Strahlen durchleuchtet. Beim einfachen Röntgen kommen sie aus einer Richtung. Durch die Strahlen, die wieder aus dem Körper austreten, sieht man auf einem Monitor Schatten und Aufhellungen, anhand derer die Ärzte Diagnosen stellen können. Die Röntgenbilder werden vor allem genutzt, um Erkrankungen der Knochen und Gelenke festzustellen. Bei der Computertomografie (CT) liegt der Patient in einer Röhre. Die Röntgenstrahlen kommen aus verschiedenen Richtungen, und der Computer setzt sie zu einem dreidimensionalen Bild zusammen. Damit ist das Innere des Körpers noch genauer sichtbar als beim Röntgen. Die Strahlenbelastung bei der CT ist allerdings auch 100-mal höher als bei einer vergleichbaren Röntgenaufnahme. Dr. Christoph Heyer, Radiologe an der Bochumer Universitätsklinik, gibt jedoch zu bedenken, dass dieser Wert in Extremsituationen noch deutlich höher sein kann.


Trotz der Strahlenbelastung entscheiden sich viele Kinderärzte noch immer schnell für eine CT oder für Röntgen. Nicht zuletzt auf Druck der Eltern, die gerade nach Unfällen ihrer Kinder ganz sicher sein wollen, dass nichts übersehen wird. Ihnen erscheint das Verfahren als hinnehmbares Übel. Was sie nicht wissen: Manchmal werden die Kinder einer unnötigen Strahlenbelastung ausgesetzt, weil die gewählte Untersuchungsmethode gar nicht die gewünschten Ergebnisse bringt.

So ist das Schädelröntgen nach einem Sturz nach Ansicht der Kinderradiologin Dr. Gabriele Hahn von der Universitätsklinik Dresden überholt. „Bestimmte feine Frakturen kann man auf dem Röntgenbild nicht sehen und auch nicht die wirklich gefährlichen Verletzungen innerhalb des Schädels“, erläutert die Oberärztin. Auf die aber könne man durch eine genaue Beobachtung des Kindes schließen. Stehe dann der Verdacht einer Hirnblutung im Raum, sei eine Magnetresonanztomografie (MRT) möglich, die sogar gänzlich ohne Strahlung auskommt. Bei diesem Verfahren wird in einem Hochfeldmagneten ein Hochfrequenzpuls erzeugt, auf den die Wasserstoffatome im Körper des Patienten reagieren. Die Reaktion der Atome wird gemessen und in einem Computer in ein Bild übersetzt. Damit sind zum Beispiel fast alle Veränderungen des Gehirns und der großen Bauchorgane erkennbar.

Durch die Fontanelle können Ärzte bei Babys sogar mit Ultraschall Einblicke in den Schädel bekommen, sagt Hahn. Die Sonografie arbeitet ebenfalls ohne Strahlenbelastung. Die Wellen, die ein Schallkopf aussendet, werden je nach Gewebeart im Körper unterschiedlich stark reflektiert, die zurückgesandten Schallwellen in elektronische Impulse umgewandelt und auf einem Bildschirm dargestellt. Der Arzt erhält so zweidimensionale Bilder von Geweben, Organen und Gefäßen. Weil die eingesetzten Schallwellen relativ ungefährlich sind, ist der Ultraschall gerade bei der Untersuchung von Babys und Kleinkindern das Mittel der Wahl. Besonders wichtig ist er, wenn es um mögliche Fehlbildungen der Hüfte, Erkrankungen im Bauchraum, der Harnwege oder des Herzens geht.

Es geht also auch oft ohne Strahlung. Warum kommen Röntgen und CT trotzdem so häufig zum Einsatz? „Selbst viele Ärzte unterschätzen die Strahlenbelastungen“, so Radiologe Heyer. Und: „Junge Kollegen sind oft unsicher und stehen unter Zeitdruck. Sie glauben, dass sie sich über radiologische Methoden bestmöglich absichern können“, sagt Hahn. Nach Untersuchungen des Bundesamtes für Strahlenschutz werden hierzulande rund 132 Millionen Röntgenaufnahmen pro Jahr gemacht. Der Anteil der medizinischen Diagnostik und Therapie an der Strahlenbelastung steigt weiter an – vor allem deshalb, weil die Zahl der CT-Untersuchungen sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu verdoppelt hat. Kritiker errechneten, dass die Röntgenstrahlen für bis zu 2000 Krebserkrankungen jährlich verantwortlich sein könnten.

Gabriele Hahn setzt sich an der Dresdner Universitätsklinik dafür ein, dass nur dann geröntgt wird, wenn der diagnostische Gewinn auch wirklich größer als das Risiko ist, das durch die Strahlung entsteht. Denn das schnell wachsende Gewebe von Kindern reagiert darauf viel empfindlicher als das von Erwachsenen. „Wir können es nicht oft genug betonen: Kinder sind keine kleinen Erwachsenen.“ Ist eine Röntgenuntersuchung nach Abwägung der Vor- und Nachteile unbedingt nötig, müssen bestimmte Schutzmaßnahmen eingehalten werden: So sind etwa Aluminium-Kupfer-Filter, Schürzen oder Hodenkapseln zum Schutz der Keimzellen und besonders empfindlichen Gewebes vorgeschrieben. Für Hahn ist klar: „Kinder sollten nur von speziell ausgebildetem Personal behandelt werden.“

Diese Einschätzung teilt auch Dr. Robert Rath vom Landesamt für Gesundheitsschutz in Berlin: „Kinderradiologen sind leider immer noch Mangelware. Dabei wissen sie besonders gut, wie man auf Kinder eingehen muss und sicherstellen kann, dass sie bei der Untersuchung richtig positioniert werden. Hätten wir mehr dieser Ärzte, könnten viele Fehlaufnahmen verhindert werden – und das wäre ein großer Beitrag zum Strahlenschutz.“

Pauls Untersuchungsergebnisse waren ohne Befund. Nach 48-stündiger Überwachung konnte der Kleine putzmunter nach Hause entlassen werden. Dass das Röntgen möglicherweise gar nicht nötig gewesen wäre, hat seine Mutter nachdenklich gemacht. Beim nächsten Mal will sie den Sinn der vorgeschlagenen Diagnostik genauer hinterfragen. Damit es so weit möglichst gar nicht kommt, gibt es jetzt aber erst einmal ein Treppenschutzgitter für Paul.



Susanne Kailitz / Baby und Familie; 20.01.2011
Bildnachweis: Corbis GmbH/Cultura

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