Bei den Kindern in Pias Büchern geht es ganz einfach: Sie setzen sich auf ihr Töpfchen oder auf die Toilette und machen ihr großes Geschäft. Wenn Pia (3 Jahre) aus Nürnberg mal muss, läuft das oft so ab: Sie weint, hält sich den Bauch. Sie muss mal, aber kann nicht, und es tut weh. Es ist keine Bilderbuchgeschichte.
Schätzungsweise fünf Prozent aller Kinder quälen sich über längere Zeit mit ihrem Stuhlgang. Von chronischer Verstopfung sprechen Ärzte, wenn die Beschwerden mindestens zwei Monate anhalten. „Dabei kommt es weniger darauf an, wie oft die Kinder auf die Toilette gehen, sondern welche Begleiterscheinungen sie zeigen“, erklärt Dr. Axel Enninger, Kinder-Gastroenterologe am Klinikum Stuttgart – Olgahospital. Die Kleinen entleeren selten und unter Schmerzen große, harte Stuhlmassen. Damit einher gehen Bauchweh, Blähungen, Appetitlosigkeit und Abgeschlagenheit.
In 95 Prozent aller Fälle steckt hinter einer chronischen Verstopfung im Kleinkindalter keine organische Erkrankung. „Der Auslöser ist oft unbekannt, manchmal ist es eine überstandene Magen-Darm-Infektion, gelegentlich der Aufenthalt in fremden Umgebungen oder Ereignisse wie die Trennung der Eltern. Auch durch falsche Ernährung kann der Stuhl hart werden“, erklärt Kinderärztin Dr. Monika Niehaus aus Weimar und Sprecherin des Landesverbandes Thüringen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Das Entleeren bereitet dem Kind Schmerzen. „Daraus leitet es ab, dass Stuhlgang immer wehtut und versucht ihn zu vermeiden“, sagt Enninger.
Es entsteht ein Teufelskreis: Sobald das Kind mal muss, kneift es die Schließmuskeln zusammen. So lässt der Drang nach, der Kot wird zurückgeschoben. Gleichzeitig verhärtet sich dieser – und das nächste Geschäft wird noch schmerzhafter. Außerdem weiten sich die Muskeln der Darmwand, das Kind verliert mit der Zeit das Gefühl für den Stuhldrang. Manchmal scheidet es unbemerkt Kotmengen aus.
Vor mehr als einem Jahr hatte Pia das erste Mal ein Problem mit ihrem großen Geschäft. Warum, weiß ihre Mutter Sandra N. nicht mehr. „Ich dachte, das gibt sich von alleine. Jeder hat ja mal eine Verstopfung“, sagt sie.
Als Pia eine Woche nicht konnte und sie über Bauchschmerzen klagte, gingen sie zum Kinderarzt. Der untersuchte die damals Zweijährige und tastete unter anderem den After ab. „Das ist sehr ungangenehm für die Kleinen“, sagt Kinderärztin Niehaus. „Aber es ist wichtig, um organische Ursachen auszuschließen.“ Pia bekam einen Einlauf und konnte endlich alles ausscheiden. Danach ging es ihr besser. Bis sie das nächste Mal musste.
Denn das Mädchen hatte jetzt eines gelernt: Großmachen tut weh. „Typisch sind dann Rückhaltemanöver. Die Kinder tippeln hin und her, kreuzen ihre Beine oder setzen sich auf ihre Fäuste“, erklärt Enninger. Pia legte sich mit dem Bauch auf den Fußboden und wollte nicht mehr essen, auch nicht ihr Lieblingsgericht Spaghetti.
Pias Eltern versuchten es mit geduldigen Erklärungen, kauften ihrer Tochter Klo-Büchlein und nahmen sie mit, wenn sie selbst mal mussten. Pia durfte es mit der Windel probieren oder auf dem Töpfchen. Aber es klappte nicht – und die Schmerzen nahmen zu.
Bei einer chronischen Verstopfung können Eltern allein wenig tun. Sie brauchen die Unterstützung vom Kinderarzt und manchmal von Spezialisten. In einem ersten Schritt helfen sie dem Patienten, den Stuhl mithilfe von Arzneien, Klistieren oder Einläufen zu entleeren. Danach bekommt das Kind meist über viele Monate Medikamente, in aller Regel Polyethylenglykol, gelegentlich noch Lactulose, nur in seltenen Fällen Paraffinöl.
Diese langfristige Gabe bereitet vielen Eltern Unbehagen. „Ein Medikament so lange nehmen, muss das sein?“, fragte sich auch Pias Mutter. „Ja, es muss, wenn die Verstopfung chronisch ist“, sagt Experte Enninger. Die Mittel sorgen dafür, dass sich der Stuhl vermehrt mit Wasser mischt und weich bleibt. Das Geschäft kann nicht mehr schmerzen. „Einer Dreijährigen hilft es nicht, wenn man ihr das Problem erklärt. Sie lernt nur, dass der Stuhlgang nicht wehtut, indem sie es selbst erlebt, und das viele Male.“
Neben der Medikamentenbehandlung setzen Ärzte deshalb auf Stuhltraining. „Das ist die Brücke in das Leben ohne Arzneien“, meint Enninger. Er empfiehlt Eltern, ihr Kind regelmäßig nach jeder Mahlzeit auf Toilette oder Töpfchen zu setzen. Ohne Druck, aber konsequent. „Das funktioniert bei fast allen“, so der Experte. Denn durch das Essen wird der Darm in Bewegung gebracht – und auch die Ausscheidung angeregt. Allerdings, so Kinderärztin Niehaus, „kann es etliche Monate, manchmal Jahre dauern, bis sich die Verdauung normalisiert hat. Eltern und Kinder brauchen viel Geduld.“
Bei Pia schlugen die Medikamente gut an. Als die Eltern sie aber absetzten, traten erneut Probleme auf. „Wir fühlten uns so hilflos, wenn es bei ihr nicht klappte“, erzählt ihre Mutter. „Ich sah sie leiden und wusste nicht, was ich tun soll. Das war schlimm.“
Mittlerweile weiß Sandra N. die Zeichen ihrer Tochter besser zu deuten. Vor allem in ungewohnten Situationen, etwa als sie umzogen, bekommt Pia Stress mit dem Stuhlgang. Auch im Alltag heißt es für Sandra N., ihre Tochter immer wieder an den Toilettengang zu erinnern. Für den äußersten Notfall, dass bei Pia gar nichts geht, greift sie auch zu Medikamenten, um ihr ein schmerzhaftes Erlebnis zu ersparen.
Umso mehr freut sie sich, wenn Pia es schafft und verkündet: „Mein Kacka hat gar nicht wehgetan.“ Bis das dauerhaft so bleibt, benötigen Pia und ihre Eltern einen langen Atem. Denn so hartnäckig Verstopfung ist, so hartnäckig muss sie behandelt werden.
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Peggy Elfmann / Baby und Familie;
23.11.2010
Bildnachweis: Getty Images/fStop, Onoky
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