Anmelden | Registrieren
Drucken

Schnell handeln bei einer Blutvergiftung

Eine Sepsis kann sich rasend schnell im Körper ausbreiten, lebensgefährlich werden. Wie man handeln sollte, erklärt Experte Michael Sasse


Bei der Behandlung einer Blutvergiftung zählt jede Sekunde

Es geschieht oft über Nacht. Bakterien, vielleicht aus einer kleinen Wunde, haben sich ganz plötzlich zahlreich vermehrt. Das Immunsystem arbeitet auf Hochtouren. In wenigen Stunden verbreiten sich die Erreger über das Blut im ganzen Körper. Am nächsten Morgen ist das Kind schwer krank. Eine Blutvergiftung, in der Fachsprache Sepsis genannt, tritt jährlich bei 150.000 Menschen in Deutschland auf, darunter sind mehr als 10.000 Kinder.

Warum eine Blutvergiftung bei Kindern häufig kritisch ist, erklärt Dr. Michael Sasse. Der Oberarzt an der Medizinischen Hochschule in Hannover hat ein Kinderintensivnetzwerk zur Sepsisbehandlung gegründet und vertritt den Themenbereich „Kinder“ bei der Deutschen Sepsis-Gesellschaft.


Herr Sasse, müssen sich Eltern denn bei jeder Schramme Sorgen machen?

Nein. Die meisten Kinder, die eine Blutvergiftung bekommen, holen sich diese im Krankenhaus. Das heißt, sie waren schon vorher krank oder verletzt und deswegen geschwächt. Klinikerreger haben dann leichtes Spiel. Aber auch eine kleine eitrige Entzündung kann eine Sepsis auslösen. Das passiert jedoch nur selten. Trotzdem sollten Eltern eine Wunde immer gleich desinfizieren. Warnzeichen für eine Blutvergiftung sind Fieber, Husten oder Schlappheit.

Diese Symptome unterscheiden sich kaum von denen bei einem normalen Infekt. Wie erkenne ich, dass mein Kind in Gefahr ist?

Eigentlich gar nicht. Das ist das Tragische an diesem Krankheitsbild: Man vermutet eine banale Erkältung, doch nach wenigen Stunden ist das Kind kaum ansprechbar. Dann muss sofort der Notarzt kommen. Denn jetzt zählt jede Minute, und selbst die Fahrt im eigenen Auto kann für das Kind schon zu lange dauern.

Warum wird die Sepsis bei Kindern schnell so gefährlich?

Kinder sind schwächer, haben weniger Reserven als Erwachsene. Wenn die Infektion auf Herz oder Lunge übergreift, arbeiten die Organe zunächst mit voller Kraft dagegen an, das Kind hat Herzrasen oder atmet sehr angestrengt und schnell. Aber ganz plötzlich stellt das Organ seine Funktion ein. Atemstillstand und, im schlimmsten Fall, ein Kreislaufschock sind die Folge. Außerdem verbraucht der kranke Körper seine kraftspendenden Blutzuckerreserven so schnell, dass die Leber mit der Produktion nicht mehr hinterherkommt. Die Unterzuckerung kann für das Kleine ebenfalls lebensgefährlich werden.

Was kann der Notarzt tun?

Er legt dem Kind den Tropf an. Der kleine Patient braucht viel Flüssigkeit, die den Kreislauf stabilisiert. Und trinken können viele Kinder dann nicht mehr. Ein Breitbandantibiotikum dämmt die Infektionen etwas ein, bis sicher ist, welcher Erreger die Sepsis ausgelöst hat.

Wie geht es dann im Krankenhaus weiter?

Häufig sind die Kinder zu schwach, um eigenständig Luft zu holen, und brauchen eine künstliche Beatmung. Das Herz wird medikamentös gestärkt. In schlimmen Fällen, wenn die Nieren geschädigt sind, bekommt der kleine Patient auch eine Dialyse. Die ersten Momente auf der Intensivstation nennen wir die goldene Stunde der Sepsisbehandlung. In dieser Zeit entscheidet sich, ob das Kind überlebt.

Wie viele Kinder sterben an Sepsis?

Das hängt vom Krankenhaus ab. In Zentren, in denen sich die Ärzte ständig weiterbilden und diese speziellen Notfälle trainieren, sterben zwei Prozent der Kinder. In vielen Krankenhäusern ist man leider noch nicht so erfahren mit kleinen Sepsispatienten. Dort stirbt im Durchschnitt eines von zehn Kindern an der Infektion.

Bei den Erwachsenen stirbt sogar jeder Dritte. Woran liegt das?

Daran, dass die Kleinen seltener Begleiterkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder chronische Lungenleiden haben. Diese Krankheiten erschweren die Erwachsenentherapie zum Teil. Bei Kindern können wir viel aggressiver therapieren.

Sie engagieren sich dafür, dass Kinder mit einer Blutvergiftung besser behandelt werden. Wie sieht das in der Praxis aus?

Wir haben ein Netzwerk aus mittlerweile 33 Kinderintensivstationen gegründet. Hauptsächlich geht es dabei um die Optimierung der Sepsisbehandlung. Wir veranstalten regelmäßig Fortbildungen und Trainingsprogramme für Mediziner und Pfleger. Außer dem beraten wir Kliniken und fliegen bei Notfällen selbst in die betreffende Klinik, um dort bei der Behandlung zu helfen.


Dr. Michael Sasse ist Oberarzt auf der Pädiatrischen Intensivstation der Medizinischen Hochschule Hannover.



  1. 1
  2. 2
  3. 3

Julia Lüneburg / Baby und Familie; 04.10.2010
Bildnachweis: W&B/Fritz Stockmeier, PhotoDisc/RYF

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren  »

Braucht(e) Ihr Kind einen Schnuller?

Memo-Spiele

Unsere Kartenaufdeck-Spiele, das ähnlich wie das klassische Memory® funktioniert »

Auf www.apotheken-umschau.de

Medikamentencheck

Nebenwirkungen und Wechselwirkungen von Arzneien überprüfen »

© Wort & Bild Verlag GmbH & Co KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages

Apotheken Umschau mit den Themen Krankheiten von A-Z, Symptome, Medikamentencheck, Laborwerte, Heilpflanzen, Hausapotheke, Abnehmen, Gesundheitsvideos, Arzt- Apothekensuche, Gehirn-Jogging und Sport
Senioren Ratgeber mit Informationen rund um Krankheiten, Medikamente, gesund alt werden, altersgerechtes Wohnen, Pflege und Finanzen
Diabetes Ratgeber mit den Schwerpunkten Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2: Symptome, Behandlung und Ernährung bei Zuckerkrankheit