Bei Verdacht auf eine Blinddarmentzündung sollten Eltern mit ihren Kindern unbedingt einen Arzt aufsuchen
Kleine Bäuche sind sensibel. Egal, ob zu viel Schokolade, ein Infekt oder ein anstehender Zahnarzttermin, ganz schnell reagieren sie mit Schmerzen. Doch nicht immer sind die Gründe für Bauchweh so harmlos. Entzündet sich ein Teil des Blinddarms, der sogenannte Wurmfortsatz oder Appendix, hilft kein Fencheltee und keine Bettruhe. Wenn die medizinisch als Appendizitis bezeichnete Krankheit nicht behandelt wird, kann es zum Durchbruch des Blinddarms kommen, der in schlimmen Fällen lebensbedrohlich ist.
Ein erster Hinweis: Schmerzen im Bauch
Eine Blinddarmentzündung lässt sich vor allem in einem frühen Stadium nur schwer sicher diagnostizieren. „Hinzu kommt, dass kleine Kinder selten genau sagen können, wo es genau wehtut“, sagt Professor Dr. med. Roman Carbon, der an der Erlanger Universitätsklinik die Kinderchirurgische Abteilung leitet. Manchmal tut der Bauch im Bereich des Nabels weh, manchmal zieht sich der Schmerz aber auch über die ganze rechte Seite. Oft haben die Kinder zusätzlich Fieber und erbrechen sich. Im Unterschied zu einem Magen-Darm-Infekt kann bei einer Appendizitis die Bauchdecke sehr hart werden.
Um die schmerzende Körperpartie zu entspannen, ziehen die Kinder im Liegen häufig die Beine an oder laufen sogar gekrümmt. „Eltern merken meist, dass die Bauchschmerzen ihres Kindes anders sind als die herkömmlichen“, sagt Dr. med. Roland Böhm, Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Kinderchirurgie am Universitätsklinikum Leipzig. In der Regel verschwinden die Schmerzen nicht von selbst wieder. „Sobald Eltern feststellen, dass das Bauchweh stärker als sonst ist, müssen sie mit dem Kind zum Kinderarzt oder in die Klinik fahren“, rät Böhm. Auf keinen Fall darf das Kind ein Schmerzmittel bekommen. Seine Wirkung kann die Symptome verfälschen und die Diagnose erschweren.
Schwierige Diagnose
Der Arzt stellt anhand bestimmter Druckpunkte fest, ob die Schmerzen wirklich aus dem Bereich um den Blinddarm kommen. Außerdem nimmt er Blut ab und macht einen Ultraschall. Beides kann anzeigen, ob sich im Körper etwas entzündet hat. „Ärzte können die Appendizitis nicht immer eindeutig diagnostizieren“, sagt Kinderchirurg Carbon. Denn neben den unklaren Bauchschmerzen liefern auch Laborwerte und Ultraschall nicht immer klare Ergebnisse.
„Die Symptome einer Blinddarmentzündung sind denen vieler anderer Krankheiten sehr ähnlich, manchmal wird sie sogar mit bestimmten Formen der Lungenentzündung verwechselt“, sagt Roland Böhm. Dann reizen die entzündeten Atemwege auch den Bauchraum, und selbst der Ultraschall kann täuschen. Tatsächlich stellt sich bei einer von zehn Blinddarmoperationen heraus, dass der Wurmfortsatz gar nicht entzündet ist und nicht Auslöser der Schmerzen war. Das ist auch Kinderchirurg Carbon schon passiert: „Wir operieren lieber einmal zu oft als einmal zu wenig“, sagt er. Denn eine unbehandelte Blinddarmentzündung kann zum Durchbruch führen. Wird dieser nicht operiert, kann er für den Patienten lebensgefährlich sein. Auf seinen Wurmfortsatz kann ein Mensch hingegen verzichten. „Die gesunde Appendix spielt für den Körper eine unbedeutende Rolle“, betont Carbon.
Laparoskopie: Entfernung des Blinddarms in Schlüssellochtechnik (zur vollständigen Ansicht bitte auf die Lupe klicken)
Seinen Namen trägt der Blinddarm deshalb, weil er eine Art Sackgasse des Dickdarms bildet (siehe linke Grafik). Mediziner vermuten, dass der Wurmfortsatz vor allem im Kindesalter Aufgaben der Immunabwehr übernimmt. „Dort sitzen zahlreiche Lymphknoten. Sie reagieren, wenn sich zum Beispiel nach einem Durchfall zu viele krank machende Bakterien im Darm befinden“, erklärt Professor Carbon. Doch wie bei allen Abwehrreaktionen schwellen auch im Wurmfortsatz die Schleimhäute an, werden rot und geben Gewebsflüssigkeit ab. „Wir sprechen dann von der Blinddarmreizung. Die tut zwar weh, kann aber auch wieder abschwellen“, so Kinderchirurg Böhm. Die Hälfte der Kinder mit Verdacht auf Blinddarmentzündung kann das Krankenhaus nach einer Nacht und ohne Operation wieder verlassen.
Verstopfungen können zu Blinddarmdurchbrüchen führen
Da der Wurmfortsatz jedoch nur einen Zugang hat, verstopft er schnell, wenn die geschwollenen Schleimhäute den Weg versperren. Ähnliches können verschluckte Fremdkörper wie zum Beispiel Kirschkerne auslösen. Stuhl und Flüssigkeiten lassen sich nicht mehr abtransportieren und sammeln sich in der Appendix. Hier vermehren sich Krankheitskeime so stark, dass der Wurmfortsatz sich entzündet.
Und dann geht es manchmal ganz schnell: „Bei Kindern kann eine entzündete Appendix innerhalb weniger Stunden perforieren, also durchbrechen“, sagt Roman Carbon. Durch einen Riss in der Darmschleimhaut gelangen Stuhl, Bakterien und Eiter in die Bauchhöhle, wo sie eine gefährliche Bauchfellentzündung auslösen können. Es kann aber auch sein, dass die Schmerzen wieder schwächer werden und sich der Zustand des Kindes erst nach einigen Tagen verschlimmert.
Eine Notfall-Diagnose sei die Appendizitis aber auch bei einem sehr schnellen Verlauf nicht mehr, und auch eine Notfall-Operation brauche heute kaum noch ein Patient, es sei denn, der Blinddarm ist durchgebrochen, wie Kinderchirurg Böhm betont. „Meistens können wir die Kinder erst einmal überwachen, eventuell mit Antibiotika behandeln, und sie dann operieren.“
Zwei Möglichkeiten zur Operation
Zwei Möglichkeiten haben die Ärzte, um entzündete Wurmfortsätze zu entfernen: über einen Bauchschnitt oder mittels Bauchspiegelung, der sogenannten Schlüsselloch-Methode. Beide Verfahren haben Vor- und Nachteile. Die offene Operation über einen etwa sechs Zentimeter langen Bauchschnitt hinterlässt nur eine Narbe, diese ist dafür etwa sechs Zentimeter lang. Durch diese Öffnung holt der Chirurg die entzündete Appedix aus dem Bauchraum.
Die andere Methode ist die sogenannte Laparoskopie (siehe Grafik oben). Sie hinterlässt bis zu drei Narben, die aber sehr klein sind. Außerdem ermöglicht die eingeführte kleine Kamera dem Chirurgen einen Blick auf die anderen Organe im Bauchraum, im besten Fall findet er so die Ursache der Entzündung. Bei Blutungen oder Verwachsungen ist die Laparoskopie nicht immer möglich.
Nach der Operation liegen die Kinder noch zwei bis sechs Tage im Krankenhaus, je nachdem, ob es Komplikationen gab und wie gut sie sich erholen. Nach etwa vier Wochen sind die Narben meist so weit verheilt, dass Kinder die Schmerzen völlig vergessen haben und auch wieder Sport treiben können.
Julia Lüneburg / BABY und Familie;
07.04.2011
Bildnachweis: W&B/Ulrike Möhle, Panthermedia/Monkeybusiness
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