Wann also sollten Eltern eine osteopathische Behandlung für den Nachwuchs überhaupt in Erwägung ziehen? „Bei Asymmetrien“, meint Philippi. „Und vor allem bei funktionellen Störungen“. Bei Problemen also, für die ein körperlicher Befund fehlt.
Bei Babys sind das vor allem Regulationsstörungen wie exzessives Schreien oder starke motorische Unruhe. Aber auch an chronischen Schmerzen, Verstopfung oder Migräne leiden schon Kinder. „Das schränkt die Lebensqualität erheblich ein, doch die Schulmedizin kann selten helfen – außer mit Schmerzmitteln“, so Philippi.
Andrew Taylor Still wollte anders heilen, sanfter. Dem US-amerikanischen Arzt, der die parietale Osteopathie um 1870 herum entwickelte und lehrte, seien die Arzneien seiner Zeit teilweise suspekt gewesen, erklärt von Heymann. Still habe sich von seinen Kollegen abgrenzen wollen. Sein Konzept taufte er nach den griechischen Begriffen für Knochen („osteon“) und Leiden („pathos“).
Auch Andrea Lamberts suchte nach einer Alternative zur Schulmedizin. Schon als Studentin litt sie unter Problemen mit der Bandscheibe. Die angehende Ärztin wollte ihre Rückenschmerzen unbedingt in den Griff bekommen. Aber eines wollte sie nicht: sich in so jungen Jahren operieren lassen. Sie probierte Osteopathie aus. „Seither hatte ich nie wieder Beschwerden“, berichtet Lamberts. Sie ließ sich in den USA selbst zur Osteopathin ausbilden. Heute bildet sie Kinderosteopathen aus und therapiert in ihrer Praxis in Celle vor allem Kinder.
An erster Stelle steht dabei immer ein Gespräch mit den Eltern über die Schwangerschaft, die Geburt des Kindes sowie über seine bisherigen Krankheiten. Dann wird der kleine Patient – leicht bekleidet oder nackt – am ganzen Körper untersucht. Die Behandlung selbst dauert meist ungefähr eine halbe Stunde, kostet rund 70 Euro und sollte auf jeden Fall sehr sanft sein, also ohne ruckartige Bewegung. Wie oft die Sitzungen wiederholt werden müssen, ist individuell unterschiedlich. „Bei Kindern tritt der Effekt oft schneller ein als bei Erwachsenen und ist größer“, so Lamberts.
Zwar gibt es für den Besuch beim Osteopathen keine Überweisung wie etwa bei der Physiotherapie. Trotzdem gilt besonders für die Kleinsten: immer erst zum Arzt! Nicht alle Osteopathen haben einen schulmedizinischen Hintergrund. „Kein Kind sollte nur vom Osteopathen untersucht werden“, betont Andrea Lamberts.
Zu den Risiken der Osteopathie gehört nämlich, „dass nur Symptome behandelt werden und die ernsthafte Krankheit dahinter übersehen wird“, erläutert Almut Tempka. Die leitende Ärztin der Sektion Rehabilitation des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie (CMSC) der Charité Berlin kann darüber so einiges berichten.
Von einem Kind, das wegen ominöser Schmerzen im Schultergürtel beim Osteopathen gewesen ist. Nur habe dieser nicht erkannt, dass die Beschwerden von der Lunge herrührten. Oder von einem Mann, dessen Osteopath ihn wegen Verspannungen im Rücken behandelte. Was dem Mann wirklich wehtat, waren Krebs-Metastasen. Bei strukturellen Problemen wie diesen oder etwa einem Gelenk, dessen Knorpel zerstört ist, kann Osteopathie nichts ausrichten.
Hat der Kinderarzt grünes Licht gegeben, stehen Eltern allerdings oft vor dem Problem: Wie finde ich einen guten Osteopathen? „Es gibt kaum Orientierungspunkte“, kritisiert Tempka. Staatlich geregelt ist die Weiterbildung zum Osteopathen nur in Hessen. Eine einheitliche Linie existiert nicht. „DIE Osteopathie gibt es bei uns und in vielen anderen Ländern nicht“, so die Expertin weiter. Zudem können nicht nur Ärzte diesen Beruf ergreifen, sondern beispielsweise auch Heilpraktiker.
Auf der Internetseite der Deutschen Ärztegesellschaft für Osteopathie (www.daego.de) sind unter „Therapeutenliste“ die Berufsgruppen getrennt aufgeführt. Nach Bundesländern sortiert finden Interessierte hier erfahrene Therapeuten, die eine mindestens 1350 Stunden umfassende Ausbildung vorweisen.
Die Schulmedizin bringt der Osteopathie immer weniger Skepsis entgegen. Almut Tempka arbeitet in ihrer Rehabilitationsabteilung mit Physiotherapeuten ebenso zusammen wie mit Osteopathen. Die Chirurgin weiß: „Die Studienlage ist schlecht, vieles beruht auf Erfahrungswissen, und manche Annahmen kann ich als Ärztin nur schwer nachvollziehen.“ Aber die Therapie helfe ihren Patienten. „Wenn jemand Angst hat, streichelt man ihn ja auch – und er beruhigt sich. Berührungen haben eine besondere Kraft, die man nicht erklären kann.“
Unsere Experten:
PD Dr. med. Heike Philippi ist die Ärztliche Leiterin des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) Frankfurt Mitte.
Dr. med. Wolf gang von Heymann ist der Präsident der Internationalen Gesellschaft für Manuelle Medizin aus Bremen.
Dr. med. Andrea Lamberts ist die zweite Vorsitzende der Deutschen Ärztegesellschaft für Osteopathie aus Celle.
Professor Dr. med. Almut Tempka ist die leitende Ärztin der Sektion Rehabilitation an der Charité in Berlin.
Julia Wölkart / Baby und Familie;
02.09.2010
Bildnachweis: W&B/privat, W&B/Judith Häusler
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