Seit Jahrtausenden verarbeiten Menschen Blätter, Blüten und Wurzeln zu Heilmitteln – und nutzen diese gegen eine Vielzahl von Beschwerden. Die ältesten Aufzeichnungen über Arzneipflanzen sind mehr als 6000 Jahre alt und stammen vom Persischen Golf. In Deutschland waren es im Mittelalter Hildegard von Bingen und Paracelsus, die die Pflanzenmedizin erforschten.
Heute ist die Phytotherapie bei Medizinern anerkannt und bei Patienten sehr beliebt. Rund 400 Pflanzen kommen hierzulande zum Einsatz – als Tee, Sirup, Balsam oder Inhalation. Das Besondere:
Professor Dr. med. Karin Kraft leitet den Lehrstuhl für Naturheilkunde der Universität Rostock und ist Vorsitzende der Gesellschaft für Phytotherapie
"Phytopharmaka bestehen aus einem oder mehreren Pflanzenextrakten, die durch ihr komplexes Zusammenspiel wirken", erklärt Professor Dr. med. Karin Kraft, Leiterin des Lehrstuhls für Naturheilkunde der Universität Rostock. Mittlerweile kennen die Forscher viele Inhaltsstoffe, wie ätherische Öle, Flavonoide und Gerbstoffe.
Die grünen Helfer gelten als sanft und arm an Nebenwirkungen. "In vielen Fällen trifft dies auch zu, vor allem bei nicht rezeptpflichtigen Mitteln", erklärt Kraft. Allerdings sollten Patienten auch pflanzliche Arzneien nicht unbedacht anwenden. "Zum Beispiel sind menthol- und kampferhaltige Mittel nicht für Kinder unter zwei Jahren geeignet", warnt Apothekerin Dr. Anke Ritter aus Arnstadt. Die ätherischen Öle können zu einem Atemstillstand führen.
Wie gut ein Präparat wirkt, hängt von der Herstellung und der Qualität der Pflanzen ab. "Als Verbraucher kann man dies nicht erkennen", sagt Karin Kraft. Deshalb rät sie, pflanzliche Arzneien in der Apotheke zu kaufen. "Zum einen unterlaufen die Produkte einer strengen Qualitätskontrolle, zum anderen sind sie ausreichend hoch dosiert." Und: Der Apotheker kann über Nebenwirkungen informieren.
Dr. Anke Ritter ist Apothekerin in Arnstadt und Vizepräsidentin der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft
Ist die Wirkung bewiesen?
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Heilpflanzen gibt es aus Zellexperimenten und Anwendungsbeobachtungen. Weil placebokontrollierte Blindstudien sehr teuer sind, gibt es diese nur für wenige Pflanzen wie Efeu, Thymian und Kapland-Pelargonie (bei Husten), Baldrian (bei Einschlafstörungen) und Johanniskraut (bei depressiven Verstimmungen). Doch: "Es gibt kaum Studien zur Anwendung bei Kindern", sagt Karin Kraft.
Bevor pflanzliche Präparate als Arznei zugelassen werden, müssen sie in Untersuchungen ihre Unbedenklichkeit, Qualität und Wirksamkeit beweisen. Dann erhalten sie eine Zulassungsnummer. Gibt es nur Anwendungsbeobachtungen, gelten sie als "traditionelle" Mittel.
Wurde die Arznei nicht an Kindern getestet, steht im Beipackzettel, dass es "aufgrund des Fehlens von Daten" bei Kindern unter zwölf Jahren nicht empfohlen wird – auch wenn Ärzte gute Erfahrungen damit machen, wie mit Ringelblumensalbe.
Peggy Elfmann / Baby und Familie;
12.04.2011, aktualisiert am 19.08.2011
Bildnachweis: W&B/Ronald Frommann, W&B/Privat, Jump Fotoagentur/Kristiane Vey
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