Lebensmittelallergien bei Babys vorbeugen

Früher hieß es: Fisch, Eier, Nüsse und Soja von allergiegefährdeten Babys fernhalten. Nun deutet vieles daraufhin, dass ein früher Kontakt sinnvoll sein könnte

von Daniela Frank, aktualisiert am 04.08.2016

Was zu Hause oft auf den Tisch kommt und sich eignet, sollte auch in den Babybrei

Thinkstock/iStockphoto

Bei fast jedem dritten Deutschen wird im Laufe des Lebens eine oder mehrere Allergien diagnostiziert. Zahlen wie die des Robert Koch-Instituts aus dem Jahr 2013 treiben Wissenschaftler schon seit Jahren um. Wie können wir gegensteuern? Ein Ansatz könnte in der frühen Kindheit liegen: beim Stillen und der Beikost. Die Nahrungsmittel, die wir ganz am Anfang unseres Lebens zu uns nehmen, haben wohl neben anderen Faktoren großen Einfluss darauf, wie unser Immunsystem im Laufe des Lebens auf diese Stoffe reagiert – gelassen oder mit einer überschießenden Reaktion, einer Allergie.


Prof. Dr. med. Kirsten Beyer leitet das Kinder­allergologische Studienzentrum an der Klinik für Pädiatrie der Charité in Berlin

Beyer/Privat

Stillen beugt vor – Allergene meiden, nicht

Dass Stillen Allergien vorbeugt, ist bereits gut belegt. Früher dachte man aber, man sollte potenzielle Allergene – also Stoffe, auf die viele Menschen allergisch reagieren – möglichst lange aus dem Brei allergiegefährdeter Babys fernhalten. Damit das Immunsystem erst ausreifen kann und entsprechend stabil ist, so der Gedanke. Doch diese Strategie ging nicht auf: Allergien gingen nicht zurück. Heute empfehlen Wissenschaftler und Fachgesellschaften, diese Nahrungsmittel bei der Beikost nicht zu meiden, solange keine Allergie dagegen nachgewiesen ist. Man geht eher davon aus, dass es hilfreich ist, wenn sich das Immunsystem früh und für eine gewisse Zeit regelmäßig mit einem Stoff auseinandersetzen muss, damit es darauf später nicht mit einer Allergie reagiert.

Erdnuss im Brei kann Erdnussallergie vorbeugen

Zum Beispiel bekamen im Rahmen einer britischen Studie aus dem Jahr 2015 Kinder mit einem hohen Risiko für eine Erdnussallergie im Alter von vier bis elf Monaten regelmäßig erdnusshaltige Produkte. Das Ergebnis: Erdnussallergien traten bei ihnen bis zu siebenmal seltener auf als in der Vergleichsgruppe.

Sollen alle Kinder also am besten potenzielle Allergene wie Eier, Nüsse oder Soja in den Brei gemischt bekommen? "Hierfür ist der derzeitige Kenntnisstand noch nicht ausreichend", sagt Prof. Dr. Kirsten Beyer, Leiterin der Sektion Kinderallergologisches Studienzentrum an der Charité Berlin. "Die britische Studie bezieht sich auf Kinder mit schwerer Neurodermitis oder einer Hühnereiallergie, die ein hohes Risiko haben, eine Erdnussallergie zu entwickeln."

Aufgrund der Studie haben Fachverbände in Europa, den USA und Kanada entsprechende Empfehlungen zur Prävention von Erdnussallergien herausgegeben. Diese gelten allerdings nur für Kinder mit Neurodermitis (atopische Dermatitis) und lauten: Zuerst zum Allergologen gehen und einen Allergietest machen lassen. Wenn noch keine Allergie-Antikörper gegen Erdnüsse vorliegen, können diese im Rahmen der Beikost eingeführt werden. Natürlich auf keinen Fall in Form von Nüssen, da diese in der Luftröhre landen können. Im Rahmen der Studie wurden Erdnussflips verwendet. "Das ist aber eigentlich keine Babynahrung", sagt Beyer. "Eine Alternative wäre reines Erdnussmus, da muss der Arzt aber die Dosierung von den Daten der Studie ableiten."

Bei Risikokindern berät der Allergologe

Ohnehin seien die Empfehlungen nicht ohne Weiteres auf Deutschland übertragbar. "Eltern von Kindern mit Neurodermitis oder Hühnereiallergie können aber zum Allergologen oder Kinderarzt gehen, ihr Baby auf eine Erdnussallergie testen und sich zur Beikosteinführung beraten lassen", so Beyer. Großbritannien gilt als Hochrisiko-Land, was Erdnussallergien betrifft, genau wie die USA und Kanada. In Deutschland sind Erdnussallergien seltener.

Eltern flächendeckend Erdnussprodukte in die Beikost mischen zu lassen, sei aufgrund der vorliegenden Ergebnisse keinesfalls sinnvoll, so die Expertin. "Es ist überhaupt nicht klar, ob das nutzen oder schaden würde", sagt Beyer. "In Griechenland gibt es zum Beispiel kaum Erdnussallergien. Wenn man da flächendeckend Erdnuss über die Beikost einführen würde, würde man sich womöglich selbst ein Problem schaffen: Es könnten mehr Erdnussallergien auftreten."

Brei sollte Familienkost wiederspiegeln

Deshalb sollten sich Eltern an die geltenden Empfehlungen halten: Potenzielle Allergene im Rahmen der Beikost nicht bewusst meiden. "Sinnvoll ist es, bei der Beikosteinführung darauf zu achten: Was wird eigentlich in meiner Familie gegessen?", sagt Beyer. "Dann die typischen Bestandteile der Familienkost bevorzugt einführen."

Neu eingeführte Nahrungsmittel sollte das Kind regelmäßig bekommen. "Regelmäßig ist natürlich relativ", sagt Beyer. "Bisher liegen dazu kaum Studien vor. Sinnvoll könnte sein, das entsprechende Lebensmittel dreimal pro Woche zu geben."

Allergien auf Nahrungsmittel treten laut der Expertin meist beim ersten Essen des Stoffes auf. Kann es also passieren, dass ein Baby plötzlich heftig auf ein neues Nahrungsmittel reagiert? "So etwas ist selten, kann aber bei potenten Nahrungsmittelallergenen wie Hühnerei, Erdnuss und Kuhmilch vorkommen", sagt Beyer. "Meist betrifft es Kinder mit Neurodermitis, die möglicherweise über den Hautkontakt mit diesen Nahrungsmitteln Allergie-Antikörper entwickelt haben."

Neurodermitis ist Zeichen für höheres Allergierisiko

Auch zu anderen Nahrungsmittelallergenen wird geforscht: In einer Anschlussstudie zu der oben genannten teilten die britischen Forscher Säuglinge, die drei Monate voll gestillt worden waren, in zwei Gruppen ein: Die eine Gruppe bekam von ihren Müttern wöchentlich eine bestimmte Menge Erdnussbutter, Ei, Joghurt, Sesampaste, Renke und Weizenkekse. Die Kontrollgruppe wurde bis zum Ende des sechsten Monats ausschließlich gestillt. Weil viele Mütter den aufwendigen Versuch nicht vollständig durchführen konnten, sind die Ergebnisse zwar nicht optimal aussagekräftig. Doch bei denen, die sich genau an die Vorgaben hielten, zeigte sich: Nur 2,4 Prozent der Kinder, die mit der Beikost gezielt potenzielle Allergene bekamen, entwickelten bis zum dritten Lebensjahr Nahrungsmittelallergien – aber 7,3 Prozent der Kinder, die sechs Monate ausschließlich gestillt wurden. Vor allem bei Erdnüssen und Eiern war die frühe Gabe effektiv. Bei Milch, Sesam, Fisch und Weizen war kein Effekt messbar, was laut der Forscher aber an der Seltenheit der Allergien liegen könnte. Zur Einführung von Hühnerei laufen derzeit beispielsweise auch Untersuchungen in Berlin, erste Ergebnisse werden im Laufe des Jahres 2016 erwartet.

"Für Eltern ist also vor allem wichtig, Neurodermitis bei ihrem Kind zu erkennen", sagt Beyer. Sie zeigt sich bei Babys oft zunächst als Ekzem an den Wangen. "Viele denken bei Neurodermitis immer an Ekzeme in den Beugen von Armen und Beinen, aber bei Säuglingen sind juckende Ekzeme an den Wangen und den Streckseiten von Armen und Beinen viel typischer."



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