Hyposensibilisierung schon bei Kindern?

Der Herbst ist die ideale Zeit, um über eine Hyposensibilisierung nachzudenken. Wann sich die Spritzentherapie gegen Allergien auch für Kinder eignet

von Marian Schäfer, aktualisiert am 26.10.2016

Ab fünf Jahren können Kinder in der Regel hyposensibilisiert werden

istock/pyotr021

Der jüngste Patient, der mit juckend-roten ­Augen und triefender Nase zu ihr in die Praxis kam, war 13 Monate alt. "Prinzipiell kann man in jedem Alter allergisch sein – selbst im Säuglingsalter, auch wenn das selten vorkommt", sagt Dr. Antje ­Pizzulli, Kinder-Allergologin aus Berlin. Um festzustellen, ob der Kleine tatsächlich an einer Allergie und nicht etwa an einem banalen Infekt leidet, machte sie einen sogenannten Prick-Test. Gut abgelenkt, gab es Pikser in die Haut und Mittel mit Allergieauslösern in die winzigen Einstichstellen – auf dass sich Quaddeln bilden oder nicht. Als eine Gräserpollen-Allergie feststand, linderte Pizzulli die lästigen Symptome mit Tropfen gegen die allergische Reaktion. Mehr ­konnte sie zunächst nicht tun.

Hyposensibilisierung meist erst ab fünf Jahren möglich

Für eine Hyposensibilisierung war der kleine Patient deutlich zu jung. Die Therapie, die den Körper an bestimmte Allergene gewöhnen und damit allergische ­Reaktionen verringern soll, wird bei Kindern in der Regel erst ab fünf Jahren durchgeführt. "In seltenen ­Fällen, zum Beispiel bei ­schweren Insekten­allergien, ist sie auch ­früher möglich", erklärt ­Pizzulli.


Prof. Dr. med. Bodo Niggemann ist Allergologe und Direktor der Klinik für Pädiatrie an der Berliner Charité

W&B/Privat

Problematisch sei, dass es keine Studien zu Wirkungen und Neben­wirkungen bei Kindern ­­unter fünf Jahren gebe. "Und das monatliche Spritzen ist in so jungem ­Alter oft schwierig", so die Expertin. Ab fünf Jahren sei das hingegen kaum ein Problem: "95 Prozent der Patienten in diesem Alter machen das gut mit", sagt sie.

Die spezifische ­Immuntherapie, wie die Hyposensibilisierung auch genannt wird, gilt als wirksamstes Mittel gegen Allergien und wird in der Regel in pollenarmen Jahreszeiten wie im Herbst begonnen. Bei Kindern ist sie besonders erfolgversprechend, weil deren Abwehrsystem noch in hohem ­­Maße lern- und damit auch veränderungsfähig ist. Zudem reagiert der Körper in so jungen Jahren seltener auf mehrere verschiedene Baum- und Gräserpollen allergisch, was die Wirksamkeit der Behandlung erhöht. "Je weniger Allergien man hat, ­desto besser", betont Pizzulli.


Dr. med. Antje Pizzulli ist Allergologin für Kinder und Jugendliche in einer Schwerpunktpraxis in Berlin

Axel Nickolaus

Prick-Test: Schnell und zuverlässig

Wenn Kinder unter den ­typi­schen Symptomen leiden – meistens sind das Fließschnupfen, ­Niesattacken und juckende ­Augen, aber auch asthmatische Beschwerden –, sollte man sie auf Allergien testen lassen. Am häufigsten geschieht das mit dem Prick-Test. Dabei werden Mittel mit verschiedenen ­Allergieauslösern auf die Haut aufgetragen und das Gewebe dann mit einer feinen Nadel eingestochen. Die Allergene gelangen so in die Haut. Bis zu einer möglichen aller­gischen Reaktion, die sich meist an roten Quaddeln zeigt, vergehen nur 15 bis 20 Minuten.

Der Test ist schnell und recht zuverlässig, aber nur möglich, wenn die Haut gesund ist und die kleinen Patienten nicht mit Anti­histaminika ­(Antiallergika) behan­delt werden. Denn diese würden die Ergebnis­se verfälschen. "Alternativ bestimmt der Arzt die Allergie-Antikörper im Blut", sagt Antje Pizzulli. Diese bildet der Körper als Überreaktion gegen die eigentlich harmlosen Aller­gene zum Beispiel in Gräser- und Baum­pollen. Sie sind letztlich für die allergischen Reaktionen verantwortlich. "Viele Kinder leiden enorm. Für sie ist das ­eine extreme Lebenseinschränkung", weiß Aller­gologin Pizzulli. Sie betreut Kinder, die in den schönen Monaten erhebliche Probleme haben, wenn sie im Freien spielen oder Sport treiben.


Immuntherapie wirkt gut

Steht fest, auf welche Pollen das Kind reagiert, kann die Hyposensibilisierung beginnen. Der Körper wird dabei mindestens drei ­Jahre lang mit den Pollen-Allergenen konfrontiert, auf die er reagiert – mit dem Ziel, ihn dagegen tolerant zu machen. In der sogenannten Aufbauphase wird der Allergen­­extrakt in steigender Dosis und in kürzeren Abständen verab­reicht, bis eine Maximalmenge erreicht ist. Verträgt das Kind die Therapie ohne größere Nebenwirkungen, bekommt es die Maxi­mal­dosis in der so­genannten Erhaltungsphase in größeren Abständen.

Die Spritzentherapie ist dabei die häufigste Anwendungsform. Der Arzt spritzt ein Allergenextrakt in der Aufbauphase wöchentlich und in der Erhaltungsphase monatlich in die Haut, meist am Oberarm. "Dafür ist nur ­­eine kurze und sehr dünne ­Kanüle notwendig", sagt Pizzulli. Die Nebenwirkungen sind meist gering und beschränken sich in der Regel auf eine ­kleine Schwellung an der Einstich­stelle. Die Wirkung der Therapie aber ist erwiesenermaßen groß: "50 Pro­zent der Patien­ten mit aller­gischem Schnupfen entwickeln ­ohne ­Immuntherapie Asthma", so ­Pizzulli. Mit ­­Therapie seien es ­lediglich halb so viele – und auch das Risiko, dass neue Allergien hinzukommen, halbiere sich.

Tropfen statt Spritze? Experten sind skeptisch

Alternativen zur ­Spritze gibt es zwar, Experten sehen sie aber eher kritisch. Bei der so­genannten ­sublingualen ­Immuntherapie tropft man sich die Aller­­gene als Lösung unter die Zunge oder legt sie als Tablette darunter – aber nicht wöchentlich oder monatlich, sondern täglich. Dies mindestens drei Jahre lang durchzuhalten, scheint nicht ­allein bei Kindern schwierig zu sein: "Eine Studie aus den Niederlanden hat gezeigt, dass dies nur sieben Prozent der Patienten schaffen", sagt Antje Pizzulli.

Ein großes Fragezeichen gibt es auch bei der Wirksamkeit ­der ­alternativen Verabreichungsformen.  "Studien zeigten eine relevante Wirkung nur bei drei Präparaten", betont Professor Bodo Niggemann, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie an der Berliner Charité. Und das auch nur eingeschränkt: So erzielten die Präparate bei Baumpollenallergien bisher keine überzeugende Wirkung. "Diese Aller­gien sind rein mit der Spritze zu behandeln. Sublingual ist das derzeit nur bei Gräsern und eingeschränkt bei Hausstaubmilben möglich", so Niggemann. Aber auch hier bevorzugt der Experte die Spritzenform: "Die Wirkung ist bisher nicht als gleichwertig zur subkutanen Behandlung anzusehen." Ausnahmen mache er zum Beispiel bei Kindern mit schwerer Spritzen-Angst.

Professor Nigge­mann muss sich bei ­dieser Bewertung auf Metaanalysen­­ verschiedener ­Studien zu ­sublingualen und ­subkutanen Präparaten stützen, die die Cochrane-Collaboration, ein internationales Netzwerk von Wissenschaftlern und Ärzten, ­durchgeführt hat. Demnach ist die Wirksamkeit sublingualer im Vergleich zu subkutaner, das heißt ­gespritzter Präparate, geringer. Die Ergebnisse sind zwar nur eingeschränkt aussagekräftig, große, qualitativ hochwertige Vergleichsstudien zwischen der klassischen und der alternativen Darreichungsform fehlen aber bislang.



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