Hyposensibilisierung schon bei Kindern?

Eine gute Chance, eine Allergie loszuwerden, ist eine Hyposensibilisierung. Wann sich die Therapie mit Spritzen oder Tabletten auch für Kinder eignet
von Larissa Gaub, Marian Schäfer, aktualisiert am 19.05.2017

Ab fünf Jahren können Kinder in der Regel hyposensibilisiert werden

istock/pyotr021

Juckend-rote ­Augen und triefende Nase – Allergie-Symptome treten mittlerweile zunehmend bei Kindern auf, die erst ein paar Jahre alt sind. Früher geht es kaum: Das Immunsystem braucht mehrere Kontakte mit Pollen, um auf sie überschießend zu reagieren. Deshalb dauert es mindestens eine Pollensaison – eher zwei –, bis eine Allergie entsteht. Um festzustellen, ob das Kind tatsächlich an einer Allergie und nicht etwa an einer Erkältung leidet, hilft dem Arzt der sogenannte Prick-Test. Dazu macht er kleine Einstiche in die Haut und versieht sie mit allergieauslösenden Substanzen. Besteht eine Allergie, bilden sich Quaddeln. Bei jungen Kindern helfen gegen die lästigen Symptome lediglich Tropfen gegen die allergische Reaktion oder andere Mittel. Später kommt auch eine Hyposensibilisierung infrage.

Hyposensibilisierung erst ab fünf Jahren möglich

Die sogenannte spezifische Immuntherapie gilt als bewährteste und beste Therapie, um allergische Reaktionen langfristig abzuschwächen oder sogar ganz zu unterbinden. Mit einer kurzen und sehr dünnen Kanüle spritzt der Arzt dabei einen Allergenextrakt in die Haut, meist am Oberarm. In der sogenannten Aufbauphase passiert dies wöchentlich, in der Erhaltungsphase dann nur noch monatlich. "Allerdings gibt es kein Mittel, das für Kinder unter fünf Jahren zugelassen ist", sagt Allergologe Friedrichs. Bis dahin bleibt einem nichts anderes übrig, als Allergene möglichst zu meiden oder Symptome medikamentös zu behandeln.

Ist das Kind älter, kann man es mit der Therapie versuchen, wenn:

  • es kooperativ ist, also wenig Angst vor Ärzten im Allgemeinen und vor Spritzen im Speziellen hat,
  • es mit seinen Eltern die Termine zuverlässig wahrnimmt,
  • es kein oder nur ein leichtes, kontrolliertes allergisches Asthma hat
  • und möglichst wenig verschiedene Allergien vorliegen.

"Die Wirkung der Hyposensibilisierung ist bei Allergikern am größten, die etwa nur gegen Birkenpollen allergisch sind", erklärt Frank Friedrichs. Leidet das Kind zusätzlich noch unter anderen Baumpollen-, Gräserpollen- oder etwa Tierhaarallergien, nimmt die Wirkung ab.

Dr. med. Frank Friedrichs ist Kinder- und Jugendarzt in Aachen und Spezialist für pädiatrische Allergologie

W&B/Privat

"Zudem warten wir mit der Therapie in der Regel das zweite Beschwerde-Jahr ab", sagt der Kinderarzt. Einerseits, weil die Allergie wieder verschwinden kann, auch wenn dies höchst selten geschieht. Andererseits, weil die Patienten erfahrungsgemäß einen gewissen Leidensdruck spüren müssen, um die Therapie durchzuziehen.

Therapie schlägt bei den meisten Allergikern an

Studien zufolge profitieren von der Therapie dann aber etwa vier von fünf Patienten mit Baumpollenallergie von einer deutlichen Symptomlinderung. Ähnlich hoch ist die Erfolgschance bei Gräserpollen-Allergikern, während die Wirkung bei einer Hausstaubmilben-Allergie etwas schwächer ausfällt. "Wichtig ist, dass das Risiko, ein allergisches Asthma zu entwickeln, halbiert wird", betont Friedrichs.

Die von Kritikern oft angeführte Theorie, dass die Hyposensibilisierung zu einer Neusensibilisierung führt, gilt hingegen als widerlegt: "Das zeigten zuletzt fünf Studien. Im Gegenteil: Sie scheint das Risiko neuer Allergien sogar eher zu reduzieren." Ausgenommen davon sind die oft als Kreuzallergien bezeichneten pollenassoziierten  Lebensmittelunverträglichkeiten. "Bei ihnen ist der Hypo-Effekt nur schwach", erklärt der Kinderarzt.

Unterm Strich profitieren Allergiker von einer Hyposensibilisierung, zumal die Nebenwirkungen überschaubar sind: Am häufigsten treten Schwellungen an der Einstichstelle auf. Sehr selten kommt es zu allergischen Schockreaktionen, weshalb Patienten nach dem Spritzen der Allergenlösungen eine halbe Stunde beobachtet werden müssen.

Hyposensibilisierung mit Spritze oder Tablette?

Seit einigen Jahren gibt es neben der Spritzen-Therapie die sogenannte sublinguale Immuntherapie, bei der die Allergene entweder als Lösung oder Tablette meist täglich unter die Zunge getropft oder gelegt werden.

"Die Leitlinie zur spezifischen Immuntherapie empfiehlt bei Kindern und Jugendlichen überwiegend die Spritzen-Therapie", betont Frank Friedrichs. Er nennt dafür zwei Gründe: Erstens gebe es nur für Gräserpollenallergien für Kinder zugelassene Präparate. "Die haben allerdings eine schwächere Wirkung als manche zugelassenen Spritzen-Präparate." Zweitens zeigen Studien, dass nur ein kleiner Teil der Patienten die Therapie durchhält. "Lasse ich Kindern die Wahl, darf ich sie auch nicht fragen, ob sie lieber eine Tablette nehmen oder eine Spritze bekommen wollen", sagt Friedrichs. "Ich muss sie fragen: Willst du lieber einmal im Monat eine Spritze haben oder dass deine Mama dich täglich damit nervt, die Tablette zu nehmen."

Kurz- oder Langzeittherapie – was ist besser?

Die Langzeittherapie dauert drei bis fünf Jahre und erfolgt monatlich. Es gibt auch verschiedene Kurzzeit-Varianten. Bei ihnen hyposensibilisiert der Arzt den Patienten nur in den Wochen vor der Pollenflugsaison (meist in den Wintermonaten). "Zwar gibt es diese auch für Kinder, aber die ganzjährige Therapie ist wirkungsvoller", so Friedrichs. Die Dosis, die bei der Langzeittherapie verabreicht wird, sei zusammengenommen
höher und Nebenwirkungen träten seltener auf. Zudem: Ist ein Kind krank, wird die Behandlung unterbrochen. Bei Kurzzeittherapien in den kalten Monaten wird das schnell zum Problem.


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