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Die neue Allergie-Strategie

Allergene meiden war gestern. Heute wissen Experten: Das Immunsystem braucht früh den Kontakt mit Reizen, um Heuschnupfen und Neurodermitis vorzubeugen


Probieren erlaubt: Essen Babys abwechslungsreich, vertragen sie Lebensmittel besser

Seit Jahrzehnten steigt die Zahl der Allergien bei den Kleinen. Ärzte sprechen von einer dramatischen Entwicklung: Fünf bis zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen haben Asthma, zehn Prozent der Säuglinge und Kinder entwickeln Neurodermitis, und 15 Prozent der 14- bis 17-Jährigen Heuschnupfen.

„Der Anstieg ist wahrscheinlich immer noch nicht gebremst“, sagt Dr. Peter Fischer, Kinder- und Jugendarzt und Allergologe aus Schwäbisch Gmünd. Grund genug, die bisherige Vorbeuge-Strategie – nämlich alle möglichen Allergieauslöser zu meiden – zu prüfen.



Potenzielle Auslöser: Auf Erdnüsse, Milch und Haselnusspollen reagieren viele Menschen empfindlich

Gewöhnen statt weglassen

Ernährungswissenschaftlerin Imke Reese hat im vergangenen Jahr, gemeinsam mit namhaften Experten, 217 Studien zum kindlichen Allergierisiko ausgewertet. Das Ergebnis: Auch wer eine Veranlagung zu einer Allergie hat, muss potenzielle Auslöser in der Nahrung nicht komplett meiden. Denn das würde dem Körper die Chance nehmen, sie als harmlos zu erkennen. Schließlich kann er nur auf das tolerant reagieren, was er kennt. „Eine normale Immunantwort funktioniert nur, wenn der Körper einem angemessenen Belastungsreiz ausgesetzt ist“, sagt Reese.

Kinderarzt Fischer ergänzt: „Der richtige Zeitpunkt dafür scheint das frühe Säuglingsalter zu sein, wenn sich das Gleichgewicht des Immunsystems noch entwickelt.“ In einer Leitlinie zur Allergieprävention hat die Deutsche Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie die neuen Empfehlungen festgehalten. Sie richtet sich besonders an Eltern, die ein Risikokind erwarten. Das heißt: Mindestens Vater, Mutter oder ein Geschwisterkind ist Allergiker. Sie gilt nicht, wenn das Kind schon an einer Allergie leidet.



Dr. Imke Reese ist Ernährungs-wissenschaftlerin mit Schwerpunkt Allergologie aus München

Schwangerschaft: Vieles wieder erlaubt

In Sachen Ernährung bedeuten die Empfehlungen eine kleine Revolution. Hieß es bisher: Schwangere und Stillende mit Risikokindern sollten ihrem Nachwuchs zuliebe auf allergenreiche Lebensmittel wie Nüsse, Eier, Milch verzichten, sieht man dies nun anders. Denn Studien offenbarten: Der Verzicht bringt nicht den erhofften Erfolg. Im Gegenteil. „Es gibt eine Studie aus den 90er-Jahren. Sie zeigte: Kinder, deren Mütter während der Schwangerschaft Eier und Eiweiß aßen, entwickelten weniger Allergien als Kinder, deren Mütter darauf verzichteten“, erklärt Reese.



Dr. Peter Fischer ist Kinder- und Jugendarzt sowie Allergologe in Schwäbisch Gmünd

Stillen nach wie vor wichtig

Statt verboten ist daher nun fast alles erlaubt. Schwangere und Stillende dürfen – im Rahmen einer gesunden, ausgewogenen Ernährung – essen, was ihnen schmeckt, solange sie es selbst vertragen. An einem halten die Experten aber fest: Stillen beugt Allergien vor. Allerdings müssen es keine sechs Monate sein. Es reicht, das Kind vier Monate lang voll zu stillen. „Ab dem fünften Monat können Eltern beginnen, Beikost einzuführen, wenn das Baby dazu bereit ist“, sagt Reese. Das sollte Schritt für Schritt passieren, so wie es das Forschungsinstitut für Kinderernährung empfiehlt. Aber auch hier lautet die Devise: entspannen! Das Kleine möchte Joghurt probieren? Nur zu. Die Oma lässt ihren Enkel mal am Frühstücksei lecken? Kein Problem. „Lassen Sie die Neugierde zu. Solange die Probiermengen klein sind, ist das in Ordnung“, sagt Reese.

Das gilt auch für Fisch. Stand er bisher auf der Liste der allergieverdächtigen Lebensmittel, gehen Experten nun davon aus, dass er vor Allergien schützt. Schwangere und Stillende dürfen ihn daher ohne Bedenken essen. Babys, die Beikost erhalten, sollten vor dem neunten Monat Fisch bekommen. „Ersetzen Sie zweimal die Woche Fleisch durch Fisch“, rät Reese. Auch Kuhmilch braucht das Kind – allerdings bis zum Ende des ersten Lebensjahres nicht mehr als 200 Milliliter am Tag.

Alternative: Hypoallergene Milch

Frauen, die nicht stillen und ein Risikokind haben, sollten diesem vier Monate lang hypoallergene Säuglingsnahrung (HA-Milch) füttern. Milch auf Sojabasis ist keine Alternative. Sie beugt weder Allergien vor, noch eignet sie sich für Kinder im ersten Lebensjahr. Probiotika galten bislang als sinnvoll in der Allergieprävention. Die Studienergebnisse sind jedoch widersprüchlich, sodass das Expertengremium nicht mehr rät, Probiotika gezielt zu geben.

„Unsere Empfehlungen betreffen vor allem die Zeit bis zum ersten Geburtstag. Wir haben bislang wenig Erkenntnisse, dass eine bestimmte Ernährungsweise danach Allergien vorbeugt“, erklärt Reese. Und die Ratschläge für die Jüngsten? Können sich Eltern nun auf sie verlassen, nachdem jahrelang anderes verkündet wurde? „Sicher ist man sich nie“, räumt Reese ein. „Das ist in der Forschung so. Aber es gibt ziemlich gute Daten.“ Sie belegen den aktuellen Trend und zeigen, dass es falsch ist, Allergieauslöser völlig zu meiden.

Nicht alles ändert sich. Nach wie vor ist es sinnvoll, bestimmte Dinge zu meiden. Der Kinder- und Jugendarzt Dr. Peter Fischer erklärt, was Eltern wissen sollten:


So schützen Sie Ihren Nachwuchs

  • Tabakrauch sollten Schwangere – auch nach der Geburt – auf jeden Fall meiden. Selbst passives Rauchen erhöht das Allergie- und Asthmarisiko des Babys.


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  • Schimmelpilze können bei empfindlichen Personen eine Allergie auslösen. Deshalb gilt: regelmäßig die Zimmer lüften, um Feuchtigkeit aus der Wohnung zu bringen! Neue Möbel, aber auch Wandfarbe, enthalten oft Schadstoffe wie Formaldehyds, die die Entstehung von Asthma begünstigen können. Deshalb gilt: gut lüften, bevor die Kleinen ins renovierte Kinderzimmer ziehen.


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  • Übergewicht fördert ebenfalls Asthma. Daher: das Gewicht des Kindes im Auge behalten.


    3/6

  • Autoabgasen sollten Kinder möglichst wenig ausgesetzt werden. So erhöht zum Beispiel das Wohnen an einer viel befahrenen Straße das Allergie- und Asthmarisiko.


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  • Katzen gehören nicht in einen Haushalt, in dem ein Risikokind lebt. Verzichten Sie auch darauf, andere felltragende Haustiere anzuschaffen. Familien ohne erhöhtes Allergierisiko müssen jedoch nicht ohne Haustier leben, nur weil sie vorbeugen möchten.


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  • Es gibt keine Belege, dass Impfungen das Allergierisiko erhöhen. Im Gegenteil, sie können es sogar senken, wie Studien verdeutlicht haben. Auch für Risikokinder gelten daher die Empfehlungen der Ständigen Impfkommission.


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Barbara Weichs / www.baby-und-familie.de; 04.06.2010, aktualisiert am 23.01.2012
Bildnachweis: Stockfood Munich GmbH/Studio Bonisolli, W&B/Privat, Masterfile GmbH

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