Hühnerei, Kuhmilch, Weizen, Nüsse oder Fisch: Die Liste mit Lebensmitteln, gegen die wir allergisch sein können, ist lang. Rund vier Prozent der Kinder, viel weniger als allgemein angenommen, leiden an einer Nahrungsmittelallergie.
„Kinder in den ersten vier Lebensjahren sind am häufigsten betroffen. Die Allergien verschwinden mit der Zeit von alleine und meist bis zum Schultalter“, sagt Professor Bodo Niggemann, Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Pädiatrische Pneumologie und Allergologie an der Berliner DRK-Klinik Westend.
Kinder, die auf Kuhmilch und Hühnerei reagieren, haben besonders gute Chancen, ihre Allergie später loszuwerden. Wer Nüsse nicht verträgt, bleibt dagegen oft ein Leben lang Allergiker.
Und das bedeutet Verzicht. Wer nascht oder die Zutatenliste auf der Fertiggericht-Tüte nicht aufmerksam liest, riskiert juckende rote Quaddeln am Körper, Bauchweh, Übelkeit und Durchfall, sogar Atemnot. Ganz selten können Allergiker einen anaphylaktischen Schock bekommen, also einen lebensbedrohlichen Kreislaufkollaps, bei dem der Blutdruck plötzlich stark abfällt.
Auch wenn die Wahrscheinlichkeit für eine so heftige Reaktion nur sehr klein ist: Betroffene müssen unbedingt die Nahrungsmittel meiden, auf die sie überreagieren. Auch kleinste Mengen können gefährlich sein. Von Pauschaldiäten hält Niggemann übrigens nichts. „Man kann nicht alle Allergiker über einen Kamm scheren“, sagt er. „Betroffene Kinder brauchen einen Speiseplan, der persönlich auf sie abgestimmt ist.“
Keine leichte Aufgabe für Mediziner und Ernährungswissenschaftler. Denn mit dem Verzicht allein ist es nicht getan. Beispiel Kuhmilch: Kinder können sie zwar meiden. Woher aber nehmen sie dann die lebenswichtigen Mineralstoffe und Proteine, die in der Milch enthalten sind? „Um einem Mangel vorzubeugen, müssen die Patienten die fehlenden Bestandteile mit anderen Nahrungsmitteln ausgleichen“, erklärt Niggemann.
Zum Beispiel mit hypoallergenen Formula. Das sind bestimmte nicht allergene Nährstoffzusammensetzungen, bei denen die einzelnen Bestandteile so stark verändert wurden, dass sie keine Allergien mehr auslösen können.
Was tun, wenn Kinder trotz eines individuellen Ernährungsplans Beschwerden bekommen? „Dann lindern antiallergische Tropfen oder Tabletten (Antihistaminika) die Symptome“, sagt Experte Niggemann. Auch Kortisonpräparate helfen. Bei Hochrisiko-Kindern können Eltern mit einem Notfallset, das unter anderem eine Adrenalin-Spritze enthält, den Kreislauf stabilisieren, sollten sie einen allergischen Schock bekommen.
Die Zukunft:
Eine Immuntherapie, die Nahrungsmittelallergiker unempfindlich macht, entwickeln derzeit Ärzte von der Charité-Universitätsmedizin in Berlin. Eine erste Untersuchung mit 23 Erdnussallergikern zwischen drei und 14 Jahren verlief vielversprechend. Mehr als die Hälfte der Kinder entwickelte eine Toleranz, nachdem sie einige Zeit mit einer kleinen Dosis des Allergens behandelt worden waren.
Ob und wann mit der Desensibilisierung therapiert werden kann, ist noch unklar. „In den nächsten Jahren wollen wir die Sicherheit der Methode erhöhen“, sagt Dr. Kirsten Beyer, die an der Studie mitarbeitet. Außerdem ist noch nicht geklärt, warum die Therapie nicht bei allen Kindern wirkt.
Ein kleiner Echtfall: Vincent (2 Jahre) Berlin
Krankheit: Vor seinem zweiten Geburtstag diagnostizierten Ärzte bei Vincent eine Nahrungsmittelallergie gegen Kuhmilch und Hühnerei. Er ist auch Neurodermitiker.
Anzeichen: Nach dem ersten Löffel Milchjoghurt in seinem Leben hat er einen Ausschlag im Gesicht bekommen. Seine Augenlider schwollen so stark an, dass er nichts mehr sehen konnte.
Therapie: Vincent braucht keine Medikamente. Er muss auf Kuhmilch und Hühnerei verzichten. Stattdessen bekommt er Reis-, Hafer- und Sojamilch mit Kalzium.
Prognose: Seitdem Vincent einen Ernährungsplan hat, geht es ihm besser. Er hat gute Chancen, seine Allergie später ganz zu verlieren.
Julia Schulters / www.baby-und-familie.de;
09.12.2010, aktualisiert am 22.11.2011
Bildnachweis: Thinkstock/Stockbyte
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