Allergien bei Kindern: Heuschnupfen

Ist es Heuschnupfen, oder hat sich das Kind nur erkältet? Was Eltern über Pollenallergien wissen müssen und was kleinen Patienten hilft
von Larissa Gaub, Marian Schäfer, aktualisiert am 11.05.2017

Spielen in der Natur ist im Sommer für viele Kinder das Größte. Pollen aus Pflanzen und Gräsern können den Kleinen jedoch den Spaß verderben

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Sommerzeit, Leidenszeit für Pollenallergiker: Die Nase läuft, die Augen tränen, und der Rachen ist verschleimt. Unter Kindern und Jugendlichen ist schon jeder elfte betroffen, so die Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS). Bei den Kleineren sind es mehr Jungen als Mädchen, spätestens in der Pubertät leiden beide Geschlechter gleichermaßen darunter.

"Insgesamt steigt die Zahl der Kinder, die allergisch auf Pollen reagieren, nur noch leicht an. Aber es kommt immer häufiger vor, dass wir auch schon Patienten im Alter von drei Jahren behandeln", erklärt Professor Dr. Bodo Niggemann, Direktor der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie an der Berliner Charité.

Viel jünger können die Patienten auch fast nicht sein: Heuschnupfen entwickelt sich erst im Laufe des Lebens. "Der Körper muss mindestens ein bis zwei Mal eine Pollensaison erlebt haben, um auf Pollen allergisch zu reagieren", erklärt Niggemann.


So entsteht Heuschnupfen

Das Immunsystem nimmt die an sich harmlosen Pollen als Fremde wahr und bildet Antikörper gegen sie. "Aber nur ungefähr jeder Dritte, der sensibilisiert ist, wird auch krank", erklärt Niggemann. Erst beim nächsten Kontakt stuft das Immunsystem die Pollen als wirklich gefährlich ein, und die speziell entwickelten Antikörper greifen an. Dadurch wird der Botenstoff Histamin freigesetzt. Das Ergebnis: Die Nase läuft, und die Augen jucken.


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Wieso das plötzlich passieren kann oder was genau dazu beiträgt, dass eine Allergie ausbricht oder nicht, können Wissenschaftler noch nicht genau erklären. Auch wann die Krankheit ausbricht, lässt sich nicht vorhersagen. "Da gibt es keine feste Regel: Manche leiden mit 50 Jahren zum ersten Mal darunter, andere schon mit drei bis vier Jahren", so Niggemann.


Prof. Dr. Bodo Niggemann leitet an der Universitätsklinik Charité in Berlin die Klinik für Pädiatrie

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Allergien werden teilweise vererbt

Klar ist jedoch: "Der wichtigste Faktor, ob eine Allergie entsteht oder nicht, sind die Gene.", erklärt Prof. Dr. Thomas Fuchs, Vizepräsident des Ärzteverbandes deutscher Allergologen aus Göttingen. "Wenn beide Eltern unter der gleichen Allergie leiden, entwickelt das Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent zu Schulbeginn selbst eine." Wenn nur ein Elternteil eine Allergie hat, liegt das Risiko für das Kind bei 30 Prozent.

Weitere Gründe spielen bei der Zunahme von Allergien eine Rolle: Der Klimawandel lässt Bäume und Gräser zum Beispiel früher und länger blühen. Treffen Feinstaub und Pollen aufeinander, verstärkt sich die Reaktion des Körpers zusätzlich: Studien zeigten, dass Leute, die an einer viel befahrenen Straße wohnen, häufiger Heuschnupfen bekommen.


Prof. Dr. Thomas Fuchs ist Allergoloe an der Universitätsmedizin Göttingen und Vizepräsiden des Ärzteverbandes Deutscher Allergologen

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Ein weiterer Grund ist unser heutiger Lebensstil. "Wir wachsen nicht mehr in zugigen, wechselnd beheizten Stuben auf, sondern in gleichmäßig temperierten Wohnungen mit angenehmer Luftfeuchtigkeit. Das Immunsystem kommt nicht mehr mit so vielen Bakterien oder Krankheitserregern in Kontakt", sagt Niggemann. Möglicherweise kämpft das menschliche Abwehrsystem auch deshalb gegen harmlose Stoffe wie Blütenpollen so übertrieben.

Bestimmte Bakterien schützen vor Allergien

Also einfach aufhören zu putzen? Leider nein. Denn nur spezieller Schmutz hilft dem Immunsystem. Laut Studien leiden Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, seltener an Allergien. Bestimmte ungefährliche Bakterien im Stallschmutz von Kühen trainieren die Abwehr der Kinder. Wie genau das funktioniert, ist noch unklar. Fest steht allerdings: Ferien auf dem Bauernhof reichen nicht aus, um diesen Effekt zu erzielen.

Aber auch Familien, die nicht auf einem Bauernhof leben, können vorbeugen – zum Beispiel durch folgende Maßnahmen:

  • Ein Hund im Haushalt stärkt laut Studien das Immunsystem
  • Zudem zeigte eine Studie, dass auch Geschwister zu einem gewissen Allergieschutz beitragen
  • Der beste Schutz für das Baby: wenn es in den ersten vier bis sechs Monaten voll gestillt wird, ohne Zufüttern
  • Wenn das nicht möglich ist, brauchen Risikokinder in den ersten Lebensmonaten eine spezielle allergenarme Milch, eine Hydrolysatnahrung (HA-Nahrung)
  • Allergiker-Kinder sollten, genauso wie alle anderen, normal geimpft werden: Dabei gelten die Empfehlungen der Ständigen Impf-Kommission (STIKO)
  • Und aufs Rauchen verzichten Eltern besser für ihre Kinder: Der eingeatmete Zigarettenrauch begünstigt Asthma
  • Ein weiterer Risikofaktor sind Katzen im Haushalt: Besonders die Haare der Vierbeiner können den Ausbruch einer Allergie beschleunigen

Dr. med. Frank Friedrichs ist Kinder- und Jugendarzt in Aachen und Spezialist für pädiatrische Allergologie

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Heuschnupfen: Wie Ärzte die Diagnose stellen

Als Dr. Frank Friedrichs erklären will, warum die Diagnose eines Heuschnupfens manchmal schwierig ist, unterbricht er plötzlich und setzt zu einem kleinen Exkurs an: "Vor 100 Jahren hätte ich übrigens nicht von ‚Heuschnupfen‘ gesprochen, sondern von ‚Heufieber‘", sagt der Kinder- und Jugendarzt aus Aachen. "Der Ausdruck ist auch besser, weil er weniger nach Bagatelle klingt."

Für Friedrichs, einen Spezialisten für pädiatrische Allergologie, ist der Heuschnupfen nämlich genau das nicht: eine Bagatelle. "Die Kinder leiden teils sehr stark, und gehen sie zur Schule, wirkt sich die Allergie auch auf ihre Leistungen und Noten aus", sagt Friedrichs. "Zudem entwickeln 40 Prozent von ihnen ohne Therapie Asthma." Umso wichtiger ist eine frühzeitige Diagnose.

Ist es allergischer oder normaler Schnupfen?

"Wenn im April ein Dreijähriger mit Fließschnupfen, Niesanfällen und roten Augen vor mir in der Praxis steht, ist die Sache recht eindeutig", erklärt Friedrichs. Fehlen die roten Augen, wird es mit der Diagnose schon schwieriger. Das Kind könnte auch unter einer normalen Erkältung leiden – bei neun bis zehn Infekten, die Kleinkinder im Jahr durchschnittlich haben, nichts Ungewöhnliches.

Allerdings gibt es Merkmale, auf die Eltern achten können: Beim Heuschnupfen kommt zum Beispiel das Sekret meist glasklar und wässrig aus der Nase, beim grippalen Infekt hingegen dickflüssig und, wenn Bakterien mit im Spiel sind, gelblich grün. Zudem ist der Heuschnupfen oft dann stark, wenn auch der Pollenflug intensiv ist. Wann das der Fall ist, zeigt ein Blick auf den Pollenflugmonitor des Deutschen Wetterdienstes unter www.dwd.de.

"Auch die Dauer unterscheidet sich häufig: Ein normaler Schnupfen verschwindet in der Regel nach einer Woche, der Heuschnupfen oft nicht", erklärt Frank Friedrichs. Selten greift er auch zu einem Therapieversuch mit Antihistaminika, also Medikamenten, die akut gegen die Beschwerden helfen. "Klingen damit die Symptome ab, ist die Sache klar." Eltern sollten dies nicht auf eigene Faust testen!

Der Allergie-Test: Meist ein Pricktest auf der Haut

Deuten die Symptome auf eine Allergie hin, folgt in aller Regel ein entsprechender Test, entweder als Blut- oder Hauttest, der sogenannte Pricktest. "Beide zeigen die Intensität der allergischen Reaktionen auf bestimmte Allergene an", erklärt der Kinderarzt. Am häufigsten verwenden Ärzte den Pricktest, um die Diagnose zu stellen. Dabei werden Mittel mit verschiedenen Allergieauslösern (etwa Lösungen mit Pollen von Birke oder Gräsern) auf die Haut aufgetragen und das Gewebe dann mit einer feinen Nadel einen Millimeter tief eingestochen.

Die Allergene gelangen so in die Haut. Bei einer allergischen Reaktion bilden sich innerhalb weniger Minuten meist rote, juckende Quaddeln. Einen Allergie-Test zu machen, ohne vorher gesichert zu wissen, dass die Beschwerden wirklich von einer Allergie kommen, davon hält Frank Friedrichs nichts: "Laut KiGGS-Studie ist fast jedes zweite Kind atopisch, trägt also eine mögliche Bereitschaft im Körper, auf bestimmte Stoffe allergisch zu reagieren. Aber nur ein Bruchteil von ihnen tut dies wirklich." Die Allergietests prüfen letztlich aber nur auf die Atopie, das heißt die mögliche Bereitschaft. Würde man daher alle Kinder mit Schnupfen testen, gäbe es wohl viele falsch-positive Ergebnisse. Laut Test wären demnach viele Allergiker, obwohl sie nur einen Schnupfen haben.

Ist die Diagnose gesichert, helfen oft kurzfristig Medikamente und das Meiden extremer Pollenbelastung. Langfristig heilen kann eine Pollenallergie jedoch nur eine sogenannte Hyposensibilisierung.


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