Allergie-Verdacht: Was Eltern tun sollten

Ausschlag oder Magen-Darm-Probleme können zwar auf eine Allergie beim Kind hindeuten. Doch Eltern sollten nicht auf eigene Faust Nahrungsmittel von dessen Speiseplan streichen
von Daniela Frank, aktualisiert am 14.08.2017

Was verträgt das Kind nicht? Einfach Nahrungsmittel streichen ist der falsche Weg

iStock/andorapro

Seit ein paar Tagen hat das Kind so einen komischen Ausschlag in den Armbeugen. "Wahrscheinlich verträgt es keine Milch – lasst sie doch einfach mal weg", raten da häufig Bekannte. Auch bei wiederkehrenden Bauchschmerzen lautet die Empfehlung oft: Keine Milch, kein Käse, kein Weizen. Für betroffene Kinder kann das schwere Folgen haben, warnt die Gesellschaft für Pädiatrische Allergologie und Umweltmedizin (GPA). Zwar sind in ihrem Register für Nahrungsmittelallergien bisher über 2300 Verdachtsfälle dokumentiert. Aber nur bei einem Teil davon wird ein Nahrungsmittel als Auslöser der allergischen Reaktion bestätigt. Auch bei Neurodermitispatienten, die häufig Nahrungsmittelallergien haben, bewahrheitet sich laut GPA nur jeder zweite Verdachtsfall.

Nie grundlos ein Nahrungsmittel weglassen

"Es sollte nie grundlos ein Nahrungsmittel vom Speiseplan gestrichen werden, vor allem nicht bei kleinen Kindern", sagt Professor Dr. Bodo Niggemann von der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie und Immunologie der Charité Berlin. "Dann können Ernährungsmängel drohen." Besteht der Verdacht, dass ein Kind ein Nahrungsmittel nicht verträgt, sollten die Eltern mit ihm einen Kinderarzt aufsuchen. Je nachdem, um welche Symptome es sich handelt, ist ein Allergologe oder ein Gastroenterologe der richtige Ansprechpartner. Der Allergologe behandelt Allergien, deren Symptome sich meist an der Haut oder den Atemwegen zeigen. Der Gastroenterologe ist für Symptome zuständig, die überwiegend den Magen-Darm-Trakt betreffen.

Unverträglichkeit: Allergie oder Malabsorption?

Nicht alle Nahrungsmittelunverträglichkeiten gelten als Allergien. "Nahrungsmittelallergien sind gegen ein Protein, also ein Eiweiß, gerichtet", erklärt Niggemann. "Die Mehrheit davon werden über Immunglobulin E vermittelt, einen Antikörper unseres Immunsystems." Sie sind zu ungefähr 95 Prozent mit einem Ekzem, einem Hautausschlag, verbunden. Am häufigsten tritt diese Art der Allergie gegen Kuhmilch, Eier, Erdnüsse, Baumnüsse, Weizen und Soja auf. "Vor allem Babys und kleinere Kinder haben oft solche Allergien, später verschwinden sie dann in den meisten Fällen wieder", sagt Niggemann. Bei älteren Kindern und Erwachsenen, die gegen Pollen allergisch sind, zeigen sich manchmal sogenannte sekundäre Nahrungsmittelallergien. Sie rühren daher, dass sich die Struktur der Pollen und von Bestandteilen in bestimmten Nahrungsmitteln ähneln, sodass der Körper auf beide mit einer überschießenden Immunantwort reagiert.

Darüber hinaus gibt es Allergien gegen Eiweiße, die nicht über das Immunglobulin E vermittelt werden, zum Beispiel ebenfalls gegen Kuhmilch, Ei, Weizen oder Soja. "Seit einiger Zeit gelten sie aber trotzdem als Allergien, da sie ebenfalls über das Immunsystem vermittelt ablaufen", sagt Niggemann. Sie äußern sich in Magen-Darm-Reaktionen. Und schließlich gibt es die sogenannten Malabsorptionen (lateinisch für "schlechte Aufnahme"), bei denen der Körper einen bestimmten Zucker wie Laktose oder Fruktose nicht richtig aufnehmen kann. Sie führen ebenfalls zu Magen-Darm-Beschwerden.

In manchen Fällen kurze Auslassdiät unbedenklich

"Bei nicht bedrohlichen Symptomen wie Magen-Darm-Beschwerden können Eltern schon mal auf eigene Faust eine sogenannte Eliminationsdiät machen", sagt Niggemann. Dabei streichen sie über drei bis fünf Tage ein einzelnes Nahrungsmittel vom Speiseplan. Es über längere Zeit oder mehrere Nahrungsmittel auf einmal wegzulassen, davon rät der Experte entschieden ab. "Eine langfristige Eliminationsdiät ist eine rein therapeutische Maßnahme", sagt Niggemann. Vor jeder Therapie stehe aber eine ausführliche Diagnose beim Arzt. Je nachdem, um welche Symptome es sich handelt, veranlassen Allergologe oder Gastroenterologe dabei einen Allergietest, eine diagnostische Auslassdiät oder eine sogenannte orale Provokation. Bei der Provokation werden unter ärztlicher Aufsicht steigende Dosen des vermuteten allergieauslösenden Nahrungsmittels gegeben.

Basisdiät nur zur Diagnosestellung sinnvoll

Bei schweren Ekzemen reagieren die Betroffenen oft auf mehrere Nahrungsmittel mit einem neuen Schub. Dann kann eine sogenannte oligoallergene Basisdiät helfen, den Auslöser zu finden. Dabei reduziert der Arzt den Speiseplan zunächst auf sehr wenige Lebensmittel, die in der Regel gut verträglich sind, wie Kartoffeln und Reis. Nach und nach darf der Patient weitere Lebensmittel essen. "Meist ergibt sich dann, dass das Kind nur auf sehr wenige Lebensmittel tatsächlich reagiert", sagt Niggemann. "Außerdem ist eine solche Diät nur sehr selten nötig."

Dagegen gebe es viele selbsternannte Heiler, die zu einer Diagnostik mithilfe eines teuren IgG-Tests raten, der nicht ausreichend aussagekräftig sei. In der Folge bekommen die Patienten oft umfangreiche Listen mit Lebensmitteln, auf die sie über längere Zeit verzichten sollen. "Das kann nicht nur zu einer Mangelversorgung führen, sondern ist auch aus psychologischer Sicht nicht sinnvoll", warnt Niggemann. "So etwas belastet das Kind und die ganze Familie unnötig."

Nährstoffmängel erst spät erkennbar

Bei einer ausgeprägten längerfristigen Fehlernährung drohen unter anderem Ödeme, also Wassereinlagerungen, oder eine Fettleber. "Diese Extremfälle sind aber sehr selten", sagt Niggemann. Häufiger treten dagegen Mängel eines einzelnen Nährstoffes auf, wie Kalzium oder Eisen. Das Problem dabei: Mängel werden meist erst festgestellt, wenn sie schon weit fortgeschritten sind. Die Konzentration des jeweiligen Stoffs im Blut wird durch die Speicher relativ konstant gehalten. "Deshalb ist eine Blutanalyse oft wenig aufschlussreich", sagt Niggemann. "Man könnte sich höchstens den Speicher ansehen – aber bei Kalzium ist das zum Beispiel der Knochen."

Von Ernährungsfachkraft helfen lassen

Liegt tatsächlich eine Unverträglichkeit oder Allergie vor, kann eine Ernährungsfachkraft helfen, einen gesunden Ernährungsplan aufzustellen. Manche Nahrungsmittel sind schwer zu meiden oder sollten unbedingt ersetzt werden. "Kuhmilch ist zwar das häufigste Allergen, aber sie gehört zu den wenigen essentiellen Lebensmitteln im Kindesalter", sagt Niggemann. "Sie sollte nie ersatzlos gestrichen werden." Als Ersatz kommen Sojaprodukte infrage – außer im ersten Lebensjahr. Babys sollten sie wegen der darin enthaltenen Phytoöstrogene, die dem Hormon Östrogen ähneln, noch nicht bekommen. Stattdessen eignet sich für Säuglinge eine allergenfreie oder eine stark allergenreduzierte Formula-Nahrung.


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