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ADHS-Kind: Tipps für den Alltag

Leidet ein Kind unter dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom, macht dies das Leben von Familien manchmal ganz schön schwer. Die Tipps unseres Experten erleichtern den Alltag


Kinder springen gerne herum. Bei ADHS ist der Bewegungsdrang jedoch übermäßig stark ausgeprägt

Erst mal Erleichterung. Endlich hat das Chaos einen Namen. Endlich lässt sich bezeichnen, warum der eigene Alltag so viel anstrengender ist als der von anderen Familien. „Für viele Eltern“, sagt Ulrich Gerth, Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. in Fürth, „ist deshalb die Diagnose ADHS anfänglich ­eine Entlastung.“

ADHS steht für Aufmerksamkeits­defizit- und ­Hyperaktivitätsstörung. In Deutschland sind mehreren Stu­dien zufolge rund fünf Prozent der Kinder zwischen drei und 17 Jahren davon betroffen, so der Verein ADHS Deutschland e.V. Beileibe also kein Einzelschicksal, wenn in Familien ein Kind durch extreme Zappeligkeit auffällt. Häufig haben Eltern Ärzte­odysseen und quälende Spießrutenläufe auf dem Spielplatz und in der Kita hinter sich, weil ihre Kleinen als frech, unaufmerksam oder besonders verträumt gelten. Die Diagnose zu stellen ist nämlich oftmals gar nicht so einfach: ADHS lässt sich nicht messen. Es zeigt keine körperlichen Symp­tome. Immer noch rätseln Experten, was alles hinter dem sogenannten Zappelphilipp-Syndrom steckt. Eine Hirnstoffwechselstörung? Vielleicht Erziehungsfehler? Unsere technisierte, mediale Umwelt, die aktive, laute Kinder erst recht überfordert? Oder alles zusammen?


Wer eine zuverlässige Diagnose will, muss also zu einem auf ADHS spezialisierten Kinderarzt, einem Psychologen oder Kinderpsychiater gehen. Er wird in der Regel nicht nur das Kind untersuchen, sondern auch Betreuungspersonen befragen, um sich ein Bild zu machen. Steht dann die Diagnose, ist es wichtig, mit dem Kind darüber zu sprechen. „Es hat ja ohnehin mitbekommen, dass es Probleme mit seinem Verhalten gibt“, erklärt Erziehungsexperte Gerth. Und deshalb sollte man ihm erklären: „Du hast ja gemerkt, dass es manchmal in der Schule für dich schwierig wird. Das kann mit einer Krankheit zusammenhängen, die man ADHS nennt.“

Um ADHS zu therapieren, setzen Experten heute einhellig auf eine sogenannte multimodale Behandlung. Wichtig ist dabei, das Problem im Zusammenhang mit der Familie und dem sozialen Umfeld des Kindes zu verstehen und auch hier Änderungen anzuregen. Dazu gehören auch Handlungs­anweisungen, wie Eltern mit ihren Kindern optimal umgehen ­­(siehe unten). Oftmals bekommen die Kinder eine Verhaltenstherapie und manchmal auch verschreibungspflichtige Medikamente, etwa mit den Wirkstoffen Methylphenidat oder Atomoxetin. „Kinder denken dann oft: Mit mir stimmt etwas nicht. Ich kann nur funktionieren, wenn ich Tabletten nehme“, erläutert Gerth. Deshalb rät er Eltern, den Kleinen zu erklären, warum sie die Medikamente einnehmen. Falsch wäre für ihn zu sagen: „Das Medikament macht dich ruhiger und braver.“ Viel eher plädiert Gerth dafür, den Kindern zu vermitteln: „Das Medikament hilft dir, ruhiger zu werden. Es ist wie eine Brille. Augen hast du ja. Aber die Brille hilft dir, schärfer zu sehen. Und vielleicht geht’s auch irgendwann wieder ohne.“ So haben die Kleinen nicht den Eindruck, sie seien „unnormal“.

Möglichst offen mit ADHS umgehen – so lautet das Credo aller Experten. Denn für die Umwelt ist ein Leben mit einem kleinen ADHSler oftmals ganz schön aufreibend. Gerth rät deshalb, das gesamte Umfeld des Kindes einzubeziehen. „Ein Kind mit ADHS ist weder faul noch dumm oder aufsässig. Es kann nicht anders. Und das können Eltern der Umwelt begreiflich machen“, so der Psychologe. Das funktioniert, indem Väter und Mütter den Großeltern, Geschwistern, Betreuerinnen in der Kita oder in der Schule erklären: „Mein Kind braucht ganz klare Regeln und einen strukturierten Tagesablauf.“ Eltern mit ADHS-Kindern rät der Psychologe, immer wieder das Gespräch mit den Betreuern zu suchen.

Denn trotz optimaler Therapie: „Das Auf und Ab im Verhalten der Kinder bleibt – und das macht es anstrengend“, sagt Gerth. Mit klaren Regeln, liebevoller Zuwendung und festen Ritualen aber werden die guten Zeiten häufiger.


Gut durch den Tag

  • Kinder mit ADHS profitieren, wenn der Alltag klar strukturiert ist. Darauf können Eltern und Betreuer achten:

    Zeitplan: 6.30 Uhr aufstehen, 7.00 Uhr Frühstück, 7.45 Uhr aus dem Haus. Je präziser der Tagesablauf ist, umso besser. Am besten schreibt man sich die Zeiten auf. Veränderungen sollte man mit dem Kind besprechen.


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  • Rituale: Kinder mit ADHS lassen sich leicht ablenken. Deshalb sind immer gleiche Rituale etwa beim Essen oder Schlafengehen wichtig: erst Zähneputzen, dann vorlesen, dann noch kurz kuscheln – und ab ins Bett.


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  • Ruhe: Kleine ADHSler brauchen eine möglichst reiz­arme Umgebung. Deshalb das Spielzeug überschaubar halten und nicht den Fernseher nebenher laufen lassen.


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  • Ansagen: „Du räumst bitte jetzt dein Zimmer auf“: Je genauer und klarer Eltern etwas einfordern, umso besser.


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Unser Experte: Ulrich Gerth ist Diplom-Psychologe und Vorsitzender der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung in Fürth



Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 15.08.2011
Bildnachweis: W&B/Privat, Thinkstock/Polka Dot Images

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