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ADHS – die überschätzte Diagnose?

Eine US-amerikanische Studie zeigt: Viele Kinder werden fälschlicherweise als Zappelphilipp behandelt. Experten diskutieren, ob sich die Zahlen auf Deutschland übertragen lassen


Mal Wildfang, mal verträumt? Das muss nicht ADHS bedeuten

Also doch! ADHS wird viel zu oft diagnostiziert. Ein Heer von Kindern erhält Therapien und Psychopillen. Und das unnötig – weil die Kleinen gar nicht krank sind. Das behauptet eine neue Studie aus den USA.

Deren Ergebnisse bestärken Kritiker. Sie vermuten ohnehin längst, dass hinter dem vielschichtigen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom mit oder ohne Hyperaktivität eine zu häufig diagnostizierte Modeerkrankung steckt. Mehr als 12.000 Kinder untersuchten die Forscher der University of Michigan und veröffentlichten ihre Ergebnisse im „Journal of Health Economics“. Das Ergebnis: Fast eine Million Kinder haben in den USA zu Unrecht die Diagnose erhalten. Die Arzneimittelkosten, die dadurch entstehen, bezifferten die Autoren der Untersuchung auf bis zu 500 Millionen Dollar.


Solche Zahlen lassen auch hierzulande Eltern und Experten aufschrecken. Zumal die Forscher die fatale Entwicklung folgendermaßen erklären: Die Diagnose werde zwar häufig von einem Arzt gestellt. Oft aber würden Erzieher und Lehrer die Eltern in die Arztpraxen scheuchen. Damit leisteten sie einer psychiatrischen Diagnose Vorschub, die noch vor einem Jahrzehnt schlimmstenfalls als erzieherische Auffälligkeit gewertet wurde. Ein Grund zur Sorge auch in Deutschland?

Dass immer häufiger verzweifelte Eltern in die Praxen strömen, weil ihr Kleines im Kindergarten auffällt oder Ärger in der Schule verursacht – davon ist auch Dr. Thomas Fischbach überzeugt, der Vorsitzende des nordrheinischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Solingen. „Die Schulen üben oft enormen Druck auf Eltern und Ärzte aus.“

Für den ADHS-Experten und Pädiater Dr. Klaus Skrodzki aus Forchheim in Bayern entstehen auf diese Weise gelegentlich „schnelle Verurteilungen. Das macht es dann natürlich schwieriger, zu einer Diagnose zu kommen, die den geltenden Leitlinien folgt.“ Dass die Eltern deshalb vermehrt Medikamente verlangen, um die Kinder zu behandeln, sei in Deutschland aber nicht der Fall.

Tatsächlich zeigen neueste Zahlen: Hierzulande kommen Psychostimulanzien zur Behandlung von Aufmerksamkeitsstörungen bei Grundschülern seltener zum Einsatz als früher. Im Alter zwischen sechs und neun Jahren sank die Zahl der Verordnungen binnen zwei Jahren um 24 Prozent, teilte die DAK jüngst mit. „Mediziner und Eltern sind anscheinend zögerlicher geworden, Kinder auf stimulierende Medikamente einzustellen“, deutet Apothekerin Dr. Stefanie Schellhammer aus Hamburg die Zahlen. Ein Grund zum Jubeln? Eher nicht. Erstens verzeichnet die Studie, schaut man sich alle Altersklassen an, einen „moderaten Anstieg der Verschreibungen von vier Prozent“. Will heißen: Zwar erhalten jüngere Kinder weniger Psychostimulanzien, bei älteren Schülern und Erwachsenen nehmen die Verschreibungen aber leicht zu. Zweitens „muss man nach den Ursachen fahnden, warum vor allem an kleinere Kinder weniger Psychostimulanzien gegeben werden“, sagt Skrodzki.

Wenn er darüber nachdenkt, sieht er jedenfalls „keinen Grund zur Freude. Vermutlich liegt es hierzulande eher daran, dass immer weniger Kinder eine korrekte Diagnose erhalten, obwohl sie tatsächlich unter dem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom leiden.“ Um ein Kind genau zu untersuchen, braucht ein Arzt viel Zeit und Geduld: Gespräche mit den Eltern, den Erziehern, der Schule stehen an. Dazu muss das Kind gründlich durchgecheckt werden. „Eine genaue Diagnose addiert sich schnell auf fünf bis sieben Stunden“, rechnet Dr. Johanna Krause, Psychiaterin aus Ottobrunn bei München, vor. Vergütet man dies mit dem Satz, den die Kassen einem Arzt pro Patienten zugestehen, sei das „drastisch unterbezahlt“.

Die Folge, so Skrodzki: „Ärzte vermeiden leider immer häufiger, betroffene Kinder in ihrer Praxis zu behandeln.“ Bei Jugendpsychiatern beträgt die Wartezeit inzwischen drei bis acht Monate. „Die Versorgung in Deutschland ist für Kinder mit ADHS im Moment eindeutig zu schlecht“, klagt Kinderarzt Skrodzki. Zwar gäbe es vermutlich auch in Deutschland Kinder, die die Diagnose ADHS fälschlicherweise erhalten. „Aber viel größer ist die Zahl der Menschen, die tatsächlich betroffen sind und die Diagnose nicht erhalten“, erklärt Expertin Johanna Krause.

Was also sollen Eltern tun? Ersteinmal nicht in Panik verfallen, sich auch nicht von Lehrern oder Erziehern vorschnell verunsichern lassen. Ob ein Kind unter ADHS leidet oder nicht, lässt sich von Laien nicht erkennen. Viele Betroffene fallen zwar tatsächlich durch mangelnde Konzentration, leichte Ablenkbarkeit, Aggressivität und einen starken Bewegungsdrang auf. Bei einigen Kindern, vor allem bei Mädchen, zeigt sich die Erkrankung aber auch durch besondere Verträumtheit. Und manche Symptome wie etwa Unaufmerksamkeit können schlichtweg ein Hinweis auf eine harmlose Entwicklungsverzögerung sein.

Haben Eltern den Verdacht, sollten sie unbedingt zu einem auf ADHS spezialisierten Kinderarzt oder zum Kinder- und Jugendpsychiater gehen. Eine detaillierte Diagnose ist wichtig, weil sich nur dann eine vernünftige Behandlung finden lässt. Und die ist heute multimodal, das heißt: Sie umfasst Elternschulungen, Gespräche mit den Erziehern und je nach Betroffenheitsgrad eine psychotherapeutische Behandlung des Kindes, manchmal auch Medikamente.



Anne-Bärbel Köhle / Baby und Familie; 03.02.2011
Bildnachweis: W&B/Christine Schneider

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