Mama, Mami und Baby Greta

Greta ist ein Regenbogenkind. Sie wächst bei zwei Müttern auf. Katharina, eine der Mütter, erzählt aus dem Leben ihrer Regenbogenfamilie

von Katharina Kirsch, aktualisiert am 21.12.2015

Regenbogenfamilie: Familie mit gleichgeschlechtlichem Elternpaar

iStock/czarny/bez

Unsere Tochter Greta ist 19 Monate alt und seit einigen Wochen ein "Glühwürmchen". Die "Glühwürmchen" sind eine Kita-Elterninitiative, was bedeutet, dass wir uns als Eltern mit bestimmten Diensten, wie Wäsche waschen oder einkaufen, einbringen müssen. Für die Kita ist unsere Familie ein Glücksfall. Greta hat nämlich gleich vier Eltern, die sich einbringen können: zwei Mamas und zwei Papas. Denn Greta ist ein Regenbogenkind.

Eine Regenbogenfamilie ist – seit 2009 auch laut Duden – eine Familie mit gleichgeschlechtlichem Elternpaar. Greta lebt bei ihren zwei Müttern: bei mir und meiner Frau Simone – ich bin Mami und Simone ist Mama. Ich habe Greta vor rund 19 Monaten geboren, bin also ihre biologische Mutter. Meine Frau hat Greta adoptiert. Das geht in Deutschland seit 2005 im Rahmen der sogenannten "Stiefkindadoption". Allerdings auch nur, weil wir verheiratet sind; oder vielmehr "in eingetragener Lebenspartnerschaft" leben. Und deswegen stehen wir jetzt beide in ihrer neuen Geburtsurkunde als Eltern. Das ist auch gut so, wir sind Gretas Kernfamilie, bei uns wächst sie auf.


Regenbogenfamilie: Simone und Katharina mit ihrer Tochter Greta

W&B/Privat

"Willst du der Vater unserer Kinder werden?"

Greta hat auch einen leiblichen Vater, der sie beim Aufwachsen begleitet. Christian ist schwul und lebt mit seinem Partner in derselben Stadt wie wir. Er ist einer der ältesten Freunde meiner Frau, die beiden kennen sich noch aus der Schulzeit. Ich kenne Christian, den Vater meiner Tochter, seit ich meine Frau kenne. Als Simone und ich über eine Familiengründung sprachen, kamen wir recht schnell auf ihn. "Christian, willst du der Vater unserer Kinder werden?" Welcher Mann kann schon behaupten, das von zwei Frauen gleichzeitig gefragt zu werden? Er sagte zu.

Christian ist Lehrer und hatte in seiner Klasse ein Kind aus einer Regenbogenfamilie. Von dieser Familie holten wir uns wertvolle Tipps; unter anderem den zur sogenannten Heim-Insemination – der künstlichen Befruchtung zu Hause. Das bedeutet, dass wir die Befruchtung mit Christians Samenspende mittels Spritze und Katheter in lockerer Heimarbeit selbst durchgeführt haben. Hat beim zweiten Versuch geklappt. Neun Monate später kam Greta zur Welt.

Christian und sein Partner fieberten bei der Geburt in der Klinik mit. Schon wenige Wochen später hatten wir dann einen guten Rhythmus für uns fünf gefunden: Einmal in der Woche ist "Papa-Tag" und Greta verbringt Zeit mit ihren Papas. Aber auch, wenn meine Frau und ich uns eine Paar-Auszeit gönnen, passen die Väter auf unsere Tochter auf. Um diese Freiheit beneiden uns viele unserer Freunde. "Papa" war neben "Mama" übrigens auch eins von Gretas ersten Wörtern.

Taufgespräch: Wenn nicht mehr das Kind im Mittelpunkt steht

Herausfordernd wird es, wenn etwa in der Kita ein Familien-Stammbaum gebastelt werden soll. Unsere Tochter musste immerhin 22 Köpfe auf ihrer DIN A2-Pappe unterbringen. Auch Gretas Taufe war aufgrund dieser 22 Köpfe eine logistische Herausforderung. Für den evangelischen Pfarrer unserer Gemeinde war unsere Regenbogen-Konstellation kein großes Thema – er freute sich eher über die ungewöhnlich hohe Anzahl der Gäste.

Einige Monate zuvor hatten wir allerdings mit einem anderen Pfarrer ein unerfreuliches Taufgespräch geführt. Der Geistliche durchleuchtete unsere Partnerschaft und stellte letztlich unsere Bindungsfähigkeit infrage, weil wir gleichgeschlechtliche Paare waren. Erst waren wir schockiert und wurden schließlich wütend. Plötzlich stand nicht mehr unser Kind im Mittelpunkt, sondern unsere sexuelle Orientierung. Dass wir Greta taufen lassen wollen, war aber von Anfang an klar. Insbesondere meiner Frau ist ihr Glauben wichtig.

Rechtzeitig zur Taufe wurde die Adoption bewilligt. Endlich waren wir auch vor dem Gesetz eine vollständige Familie. Für meine Frau und mich ist es sehr wichtig, dass auch sie offiziell Gretas Mama ist, also ihre Erziehungsberechtigte. Falls wir uns im Streit trennen sollten, hätte sie sonst keine Rechte an unserer Tochter, obwohl wir sie gemeinsam groß ziehen. Jetzt könnte sie im Fall ihren Anspruch auf geteiltes Sorgerecht geltend machen.


Zwei Papas: Christian, Gretas biologischer Vater, und sein Partner Alex

W&B/Privat

Sich vor dem Staat gefühlt nackt machen

Zunächst ging es mit Gretas Vater zur Notarin, die unseren Antrag auf Adoption an das zuständige Gericht weiterleitete. Irgendwann flatterte dann ein standardisierter Adoptions-Fragebogen ins Haus, den meine Frau zähneknirschend ausfüllte. Es war für sie einfach absurd, zu begründen, warum sie Mutter ihres Kindes sein wollte. Sie musste ihr bisheriges Leben, ihre Familienverhältnisse, unsere Paargeschichte, ihre Beziehung zum leiblichen Vater und ihre Erziehungsabsichten detailliert beschreiben. Auch ein Polizeiliches Führungszeugnis und ihr Einkommen musste sie nachweisen. "Eine Unverschämtheit!", war Simones erste Reaktion. Sie war unglaublich wütend über die Tatsache, sich vor dem Staat gefühlt nackt machen zu müssen, um das Sorgerecht ihres Kindes zu erhalten. Allein, dass sie den langwierigen Adoptionsprozess durchlaufen musste, war für sie diskriminierend – Greta gab es ja schließlich nur, weil wir uns liebten. Als ihre Wut verflog, machte sich ein Gefühl der Ohnmacht breit; denn verweigern konnte sie sich dem Verfahren nicht.

Nächstes Kind in Planung

Einige Monate später kam dann eine Mitarbeiterin des Jugendamtes zum Hausbesuch. Das Gespräch verlief sehr nett und sie entschuldigte sich gleich zu Beginn dafür, dass wir dieses Adoptionsverfahren so durchlaufen müssen, obwohl Greta unser gemeinsames Kind ist. Das versöhnte uns etwas mit dem Amtsverfahren, aber minderwertig behandelt fühlten wir uns trotzdem. Wenn ein Kind in eine Ehe hineingeboren wird, ist es automatisch das Kind beider Partner. In Spanien und Großbritannien etwa spielt es keine Rolle, ob es sich dabei um eine gleich- oder verschiedengeschlechtliche Ehe handelt.

Manchmal fragen wir uns allerdings – eher augenzwinkernd – ob Greta mit so viel Liebe von allen Seiten nicht zur hemmungslos verwöhnten Regenbogenprinzessin verkommt. Bisher konnten wir aber nichts dergleichen feststellen. Und wenn alles gut geht, wird sie die Aufmerksamkeit ohnehin bald teilen müssen. Das nächste Kind bekommt dann allerdings meine Frau. Christian wird wieder der Vater sein. Und ich die Mutter. Eine ganz normale Familie eben – na gut, eine ganz normale Regenbogenfamilie.


Die Autorin

Katharina Kirsch arbeitet als Kommunikationsexpertin in einem internationalen Medienhaus und lebt mit Ehefrau und Tochter in München. Durch ihre eigene Familiengründung und durch die Beratung befreundeter Paare setzt sie sich seit Jahren mit dem Thema Regenbogenfamilie auseinander. In ihrer Elternzeit schreibt sie derzeit ein Buch über dieses Thema, "weil die Welt noch viel mehr bunten Regenbogennachwuchs braucht".


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Bildnachweis: W&B/Privat, Thinkstock/iStockphoto, iStock/czarny/bez
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